Es ist mehr als 30 Jahre her. Stolz erklärte ich meinem Opa, der vor seinem Blaupunkt Röhrenradio saß, bei einem modernen Radio es sei nun möglich, den Sender voreinzustellen. Man könne den Sender dann jederzeit mit einem Tastendruck wieder ansteuern. "Ich möchte aber lieber am Rad hier drehen", tat er meine Begeisterung ab.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte er sich dem technischen Fortschritt gegenüber nur so bockbeinig verhalten? Ich dachte, es müsse am greisen Alter meines Opas liegen. Heute habe ich eine andere Meinung.

Mein Tag ist voll von digitalen Eingaberitualen. Beim Chatten wundere ich mich, dass meine Finger genauso schnell sind wie mein Mund. Unwillkürlich denke ich ans Schulfach Maschinenschreiben zurück. Der Lehrer klopfte mit seinem Gehstock an die Tafel und im selben Takt versuchten wir, a s d f und j k l ö zu schreiben. Mein Fingergedächtnis fühlt, wie die Tasten damals drei Zentimeter nach unten wichen. Ein Bewegungsumfang, der heute mehrere Zeilen eines Buchstabens auf den Bildschirm zaubert.

Wenn ich am frühen Abend Zeit habe, ein bisschen Klavier zu spielen, sitze ich vor 88 Tasten. Wie faszinierend muss es vor Jahrhunderten für Menschen gewesen sein, mit einer Tastatur Klänge zu erzeugen. Aber gingen damit nicht alte Motoriken, um Musik zu machen, verloren? Andererseits ist Musikmachen nur ein Zusammenspiel zwischen Auge, Gehirn und Fingern. Das funktioniert so auch beim Klavier. Kein Grund zum Frust also. Ich löse das Problem semantisch und spreche einfach von der Klaviatur.

Doch einmal war ich zum Essen eingeladen. Gekocht wurde in der neuen Küche in Anwesenheit der Gäste. Der Herd mitten im Raum. Ich war begeistert. Aber wo zum Teufel wird die Temperatur eingestellt? Am Herd, an der Backröhre, mit einem Drehregler? Fehlanzeige. Stattdessen kämpfte die Dame des Hauses mit Touchflächen, die mal auf Berührung reagieren und mal nicht – ebenso die Kindersicherung des Herdes. Es wurde gedrückt und gestrichen, getoucht eben, und das mit bloßem Finger – auf dem Herd! Was hätte meine Mutter dazu nur gesagt! Und es piepte in einem fort. Meine Begeisterung für die neue Küche schwand. Ich sehnte mich nach der kinästhetischen Genugtuung beim Bedienen der geliebten, fassbaren Drehreglern am heimischen Elektroherd. Analog, archaisch. Fast wie das Nachlegen eines Holzscheites im alten Kaminofen.

Welch ein Zauber doch in den analogen Dingen liegt: drehen, schieben, ziehen, drücken, kneten, tragen, greifen – statt tippen und touchen. Wir sollten eben auch mal am Rad drehen!