Leserartikel

Moderne TechnikAm Rad drehen

Touchpads gehen Leser Benjamin Fastner auf die Nerven. Er vermisst die altmodischen Rädchen, Schieber, Regler und Knöpfe. von Benjamin Fastner

Es ist mehr als 30 Jahre her. Stolz erklärte ich meinem Opa, der vor seinem Blaupunkt Röhrenradio saß, bei einem modernen Radio es sei nun möglich, den Sender voreinzustellen. Man könne den Sender dann jederzeit mit einem Tastendruck wieder ansteuern. "Ich möchte aber lieber am Rad hier drehen", tat er meine Begeisterung ab.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte er sich dem technischen Fortschritt gegenüber nur so bockbeinig verhalten? Ich dachte, es müsse am greisen Alter meines Opas liegen. Heute habe ich eine andere Meinung.

Mein Tag ist voll von digitalen Eingaberitualen. Beim Chatten wundere ich mich, dass meine Finger genauso schnell sind wie mein Mund. Unwillkürlich denke ich ans Schulfach Maschinenschreiben zurück. Der Lehrer klopfte mit seinem Gehstock an die Tafel und im selben Takt versuchten wir, a s d f und j k l ö zu schreiben. Mein Fingergedächtnis fühlt, wie die Tasten damals drei Zentimeter nach unten wichen. Ein Bewegungsumfang, der heute mehrere Zeilen eines Buchstabens auf den Bildschirm zaubert.

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Wenn ich am frühen Abend Zeit habe, ein bisschen Klavier zu spielen, sitze ich vor 88 Tasten. Wie faszinierend muss es vor Jahrhunderten für Menschen gewesen sein, mit einer Tastatur Klänge zu erzeugen. Aber gingen damit nicht alte Motoriken, um Musik zu machen, verloren? Andererseits ist Musikmachen nur ein Zusammenspiel zwischen Auge, Gehirn und Fingern. Das funktioniert so auch beim Klavier. Kein Grund zum Frust also. Ich löse das Problem semantisch und spreche einfach von der Klaviatur.

Doch einmal war ich zum Essen eingeladen. Gekocht wurde in der neuen Küche in Anwesenheit der Gäste. Der Herd mitten im Raum. Ich war begeistert. Aber wo zum Teufel wird die Temperatur eingestellt? Am Herd, an der Backröhre, mit einem Drehregler? Fehlanzeige. Stattdessen kämpfte die Dame des Hauses mit Touchflächen, die mal auf Berührung reagieren und mal nicht – ebenso die Kindersicherung des Herdes. Es wurde gedrückt und gestrichen, getoucht eben, und das mit bloßem Finger – auf dem Herd! Was hätte meine Mutter dazu nur gesagt! Und es piepte in einem fort. Meine Begeisterung für die neue Küche schwand. Ich sehnte mich nach der kinästhetischen Genugtuung beim Bedienen der geliebten, fassbaren Drehreglern am heimischen Elektroherd. Analog, archaisch. Fast wie das Nachlegen eines Holzscheites im alten Kaminofen.

Welch ein Zauber doch in den analogen Dingen liegt: drehen, schieben, ziehen, drücken, kneten, tragen, greifen – statt tippen und touchen. Wir sollten eben auch mal am Rad drehen!

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Leserkommentare
  1. und an einem Herd ist nun mal nicht der richtige Ort für Touchbedienung.

    2 Leserempfehlungen
  2. ...ich verwende tatsächlich ein altes Wählscheibentelefon mit mechanischer Klingel.
    Es hat schon etwas besonderes, sich an die Telefonnummer erinnern zu müssen, jeden Zahl einzeln zu wählen, dankbar für die paar Sekunden die es länger dauert als der Touchscreen um sich auf das Gespräch vorzubereiten.
    Wenn unsere Töchter Freunde mit nach Hause bringen sind die fasziniert von dem Ding in unserem Vorzimmer das man nicht mitnehmen kann und auch sonst "nichts kann" ausser telefonieren. (Was ein Achtel-Telefonanschluss war können sie sich garnicht vorstellen.)

    Ich gebe es zu für mich ist das reine Nostalgie meine eigene kleine Revolution gegen die Moderne.
    Manchmal ist es schön es gerade dort glänzen zu lassen wo kein Gold ist.

    5 Leserempfehlungen
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    Die hat wirklich was beruhigendes, es dauert immer etwas bis man die nächste Ziffer eingeben kann.
    An schwedischen Telefone war die Null umgekehrt von der deutschen 1.
    IE, wenn man ein schwedisches Telefon in Deutschland betreiben wollte musste man immer umrechnen.
    Damals ging das noch, heutzutage hat jedes Land sein eigenes Wählverfahren.

    Sie Glücklicher.
    Unseres hat meine Frau vor fünf Jahren stillschweigend kassiert und in den Keller verbannt. Das neue Telefon kann viel mehr, ist aber meist unauffindbar oder hat einen leeren Akku.

  3. Noch nie war das Leben der Menschen in den Industrieländern so bequem wie heute, dank Technik.

    Das Gejammer wäre groß, wenn wir wieder zu den Öffnungszeiten der Bank zur Filiale rennen müssten, um eine Überweisung zu tätigen, Geld abzuheben oder unseren Kontostand einzusehen. Wenn der meiste Platz auf unserem Schreibtisch und im Wohnzimmerregal von der langen Röhre unseres Monitors oder Fernsehers belegt wäre (vom unschärferen und Augen nicht-schonenderen Bild ganz zu schweigen). Wenn wir nicht mehr von unterwegs anrufen oder angerufen werden könnten, weil wir oder der Andere im Stau stecken/steckt und daher später kommen/kommt etc.

    Und ich liebe knopflose Herde und Öfen, es sieht wunderbar aufgeräumt aus und ist super-einfach zu reinigen ... und ich bin kein Bewegungs-Legastheniker, ich hatte noch nie Probleme mit Sensor-Knöpfen. Der Trödelladen um die Ecke ist definitv der falsche Ort, um Herde und Öfen zu kaufen ...

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    Vor langer, langer Zeit kam jemand auf die Idee:
    Es wäre doch gut wenn man kein Anruf verpassen würde.
    Also kam der AB.
    Es wäre doch gut wenn man den AB nicht brauchen würde, sondern überall erreichbar ist, da kam das Mobiltelefon.
    Es ist aber lästig wenn man ständig und in jeder Lebenslage erreichbar sein muss.
    So kam die "Mailbox".
    Berührungstasten AUF dem Herd ist tödlich, wegen überkochen und andere Flüssigkeiten die diese lahmlegen.

  4. Aber alt werden wir halt alle.

  5. Neulich, als ich mit meinem Geschäftspartner aus der IT-Branche im Chat war, berichtete er, dass er gestern Abend beim Chinesen war und Strg+F drücken wollte um die Enten-Gerichte auf der Menükarte zu finden. Er vermisste auch den Scrollbalken am rechten Rand der Speisekarte um schneller durch zu blättern.

    Alles ist halt doch noch nicht digital, und manchmal fällt es schwer, wenn man den ganzen Tag am PC hockt, abends abzuschalten.

    • Zack34
    • 21. April 2012 10:26 Uhr


    Endlich mal ein nicht(!) exhibitionistischer oder gar anmaßender Leserartikel.

    Dieses Thema ist sehr aktuell; der Mensch erlebt auch durch seinen Tastsinn, und vor allem durch die eindeutige Funktionszuordnung von einem Gegenstand zu seiner Funktion.
    Davon können z.B. Autobauer ein Lied von singen!

    Es gibt Bereiche, wo die Aufgabe dieser Zuordnung de facto nicht zu umgehen ist, wie bei Smartphones, oder an Touchscreens der Bahnkartenautomaten.

    Aber Kochen ist eine Ur-Tätigkeit, die vom elementaren Ertasten und -fühlen lebt. Ich kann den visuellen Reiz solcher Touch-Kochplatten verstehen, aber wie sieht es bei der Reinigung aus, wenn man die Bedienfläche mit be-"toucht"?

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    Wenn dem so ist und ich mich mit diesem Argument den Neuerungen verweigere, dann muss ich allerdings so ehrlich sein und ursprünglich auf Feuer kochen und nicht so neumodisch Zeug wie Strom oder Gas in der Küche haben.

    Beim Induktionsherd passiert überhaupt nichts. Selbst, wenn Sie ihn beim reinigen versehentlich einschalten. Dann piepst es eben ein bisschen.

    Wenn der Putzlappen schlecht leitet (wie meine Finger beispielsweise) dann passiert am Herd zB gar nichts.

    Reagiert die Elektronik auf Druck, dann ist der Putzlappen ein Problem.

    ...bzw. Kochen taugt das Touchfeld und auch das Ceranfeld nicht !
    Auch wenn das Reinigen einfacher werden sollte, so ist das Ceranfeld viel zu empfindlich. Da wird geschoben, fallen gelassen, gekratzt, gezogen und geschrabt...too much, auch für gehärtetes Glas.
    Dann ist man auch dankbar wenn das Bedienerfeld sich unter den Platten befondet !

  6. sodass man beim Verwählen richtig viele Spass hat, weil man noch mal beginnen darf und die Nummer von den Leuten kann man auch wieder lernen, weil man kein persönliches Telefonbuch mit sich rumträgt.

    Geben tut es das wie auch den alten Herd, mit dem man ebenso kochen kann und die Uhr, die man aufziehen muss und wenn man verschläft, kann man sagen "Meine Uhr war nicht aufgezogen".

    ... ist fast so gut wie "Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen"

  7. Wenn dem so ist und ich mich mit diesem Argument den Neuerungen verweigere, dann muss ich allerdings so ehrlich sein und ursprünglich auf Feuer kochen und nicht so neumodisch Zeug wie Strom oder Gas in der Küche haben.

    Antwort auf "Schön geschrieben"

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  • Schlagworte Technik | Ruth Klüger | Sony | Samsung | Berlin
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