Digitalisierung : Musik wird nicht mehr wertgeschätzt

Früher sparten Musikliebhaber auf eine LP aus dem Plattenladen. Heute zählen Sammler ihre MP3 in Terabyte. Musik wird nicht mehr wertgeschätzt, findet Leser K. Warstat.

Ich möchte aus einer Zeit erzählen, in der Musik ausschließlich auf Schallplatten veröffentlicht wurde. Ich ging öfters mit musikbegeisterten Freunden in einen der zahlreichen Plattenläden, manchmal mit mehr, meistens mit weniger Geld. Es gab Geschäfte, die eher die Platten der Independent-Labels verkauften. In größeren Läden, die zum Teil von Ketten betrieben wurden, gab es die kommerziellen Titel. Auf einer Tour besuchten wir immer drei bis vier Geschäfte.

Entweder fieberten wir der Neuerscheinung eines Albums entgegen oder wir fanden beim Stöbern so manchen Schatz, oft auch als "Nice-Price"- Edition für zehn Mark. Nach dem Einkauf trugen wir die Platten in einer Tüte zu einem meiner Freunde nach Hause und legten sie dort andächtig auf den Plattenteller. Die Scheiben der anderen überspielten wir uns gleich auf Kassette. In den Tagen danach beschäftigte sich jeder alleine mit den Alben. Wir haben die Plattencover tausendmal angesehen und die Texte mitgelesen.

Dann kam die CD. Wir kauften unsere Lieblinge als Silberling nach und waren enttäuscht, dass die Musik nicht wie versprochen besser klang. Die Plattenspieler verschwanden aus den Jugend- und Wohnzimmern. Wir gewöhnten uns an die praktische CD, nannten die Plastikhülle irgendwann sogar "Jewelcase".

Wieder ein paar Jahre später wurde das MP3-Format erfunden und Napster gestartet, die erste Tauschbörse im Internet. Das war verlockend: Musik umsonst auf den Rechner laden. Alle Platten, die man schon immer haben wollte! Nur die langsame Internetverbindung und die lausige Qualität der MP3-Daten trübten die Freude daran.

Napster war erst der Anfang. Das Internet wurde schneller, die Komprimierung der Musikdaten immer effektiver. Filesharing wurde einfacher. Es ist zwar bis heute illegal, erwischt wird aber fast niemand. Bis heute wird heruntergeladen, was das Zeug hält. Vielen geht es nicht mehr um die Musik an sich, sondern nur noch darum, wie viele Terabytes sie auf ihrer Festplatte haben. Sie hören, wenn überhaupt, kurz rein und wenn das Album nicht beim ersten Ton gefällt, landet es als Dateileiche auf der Festplatte. 

Eine dramatische Entwertung kreativer Werke hat stattgefunden. Den Künstlern wird mittlerweile vermittelt, ihre Musik sei nicht mehr schützenswert und kein Geld mehr wert, weil sie in digitaler Form existiert. Musikkonsumenten wollen die Alben aber immer noch besitzen und zu ihrer MP3-Sammlung hinzufügen. Dieser Widerspruch fällt vielen nicht auf.

Ich gebe zu, älter als dreißig zu sein. Aber ich habe sehr gute Ohren. Die haben sich an digitale Klänge gewöhnt, obwohl sie die analogen weiterhin lieben. Und wenn ich mir den heutigen Umgang mit Künstlern anschaue, dann wünsche ich mir die analogen Zeiten zurück. 

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Kommentare

205 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

danke für Ihre Zeilen

Die Wertschätzung kostet ja auch ein paar Euro, und die gibt heute gerade die junge Generation ungern für zum Beispiel Cds aus, obwohl sie über wesentlich mehr Kapital verfügt als wir früher, weil gibt es ja umsonst, mit der Einstellung wird der gesamte Musikmarkt seit Jahren zerstört und die Industrie hat es immer leichter uns den Einheitsbrei von No Name zu bieten-

ich bekenne mich von ca 30 Interpreten immer die aktuellen Produkte zu erwerben und werden diesen Tick wohl beibehalten-

Die Jugend...

Leider habe ich nie eine Schallplatte geschweige denn einen Plattenspieler hören können, aber ich verweigere mich das mp3-Format bei guter Musik zu verwenden.
Ich kaufe mir gerne CDs, aber die müssen kaufenswert sein und wenn man heutzutage den Musikmarkt anschaut, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Ich verweigere mich von Ghostwritern geschriebene und von Popsternchen gesungene ganze CDs zu kaufen, wenn mir nur ein Musikstück gefällt und ich es bei ITunes es nur in mp3-Quali bekomme. ABER, das was man so von unbekannten und z.T. sehr guten Künstlern auf Youtube findet und gerne kaufen würde, kann man nicht auf CD bzw bei ITunes kaufen. Aus Respekt vor der Leistung der Künstler will ich es mir nicht einfach ziehen und gehe deshalb immer wieder auf Youtube um die Musik hören zukönnen.

kassetten?

Haben sie nie die Schallplatten auf Kassetten überspielt?... Da gab es das Prinzip einer kauft sich die Platte, die andern haben sie auf Kassette doch auch...
Das selbe ist es doch mit CDs brennen, herunterladen doch auch...
Ich habe mir als Jugendlicher immer wieder CDs gekauft... aber halt nicht jede CD von jedem Schwachmatenkünstler, sondern die, die ich für gut/unterstützenswert hielt!

my two cents

Chris

Hopfen und Malz...

"Für die Mehrheit der Menschen und ihrer Anlagen reichen aber 128 kb/s, denn Sie hören den Unterschied sowieso nicht bzw. die Anlage lässt ihn gar nicht erkennen"

Den Unterschied zwischen einer 128 kb/s mp3 und einer CD hört man schon auf mittelmäßigen Autoradios. Wem der nicht auffällt, hat ein verkümmertes Gehör und ist nicht in der Lage, Musik zu rezipieren.
Naja - aber wer schon versucht, mp3-Dateien in Schellack zu pressen...:-)

Es gibt viele gute Künstler,

die ihre Musik selbständig über eigene Internetseiten zum Versand anbieten, weil sie keine sich bessere Konditionen als die bei der Gema oder bei Großen plattenFirmen wie Sony bmg oder virgin, die die Verkaufsstarken Künstler entlohnen,
wünschen.

Zu diesem Zweck sollten sie einfach nach Homepages ihrer favorisierten Künstler suchen.
Wahrscheinlich werden auch einige eher weniger bekannte Musiker es eher als Ehre erachten wenn sie ihre Musik irgendwann in einer Kneipe zufällig hören, und nicht als Diebstahl.

Bei der Definition des Wertes der Kunst Frage ich mich oft welchen wert ich den als Künstler anstrebe den Wert meiner Musik Die Gesellschaft zu unterhalten, soziale Kontakte unter Menschen zu fördern oder einfach gute laute zu verbreiten,
oder drücke ich den wert meiner Musik in Verkaufszahlen und preisen aus?
Selbstverständlich muss ich als vollzeit Künstler dann von meiner Arbeit leben können doch welche Priorität bewegt mich dazu die Musik zu machen.
Ich glaube genau dort können wir als Verbraucher auch differenzieren um der Musik von Herzen (dumpf ausgedrückt) wider einen wert zu geben.

Allerding gibt es heute auch tausend mal mehr Musiker und Musikrichtungen, so das man die Wertschätzung einzelner schwerer erkennen kann, genau so wird es auch viele geben die denen es um die Musik selbst geht und die sich aber keine Tonträger leisten können und viele die sich regelmäßig CD's kaufen und sie in ihrem CD Schrank einordnen um sie zu besitzen.

Musik wird nicht mehr wertgeschätzt

Vielen Dank für Ihren interessanten Artikel. Auch hier ist unsere Gesellschaft in viele Lager gespalten.

Beispielsweise in die Spezies, die schnelllebig ist und schnell mal Musik "braucht": Bei youtube suchen, Converter angeworfen und wenige Minuten später hat man das Lied als MP3 Format auf dem Player. So hat man mir erzählt.

Aber dann gibt es auch noch die Leute mit einem Plattenspieler zu Hause, die sich Zeit für Musik nehmen. Ich bin sicher, dass zuletzt genannte Spezies nicht aussterben wird. Unser Sohn hat kürzlich den Plattenspieler und meine alte Plattensammlung für sich entdeckt und ist von der Qualität hellauf begeistert. Er hat auch die wenigen Plattenläden bei uns für sich entdeckt und kam kürzlich stolz mit einer signierten Schallplatte von einem kleinen Konzert zurück, die dort vom Künstler für wenig Geld verkauft wurde. Wieder einer mehr!

"Da muss man noch selber auflegen und kann die Musik viel mehr

Wert schätzen."

Diese Haltung erinnert mich ein wenig an die Ostalgie oder an die Hungergeschichten aus dem Krieg: "Wir hatten nichts als schimmeliges Brot, aber dem haben wir unser Leben zu verdanken."

Natürlich sind das tiefe Eindrücke, Eindrücke die nur durch Mangel so tief werden konnten. In der Konsumgesellschaft verblasst die Erinnerung an das Butterbrot mit Salz oder die Nudelsuppe zum Aufwärmen weil der Ofen nicht brannte.

Aber mal ehrlich, das sind doch im Grunde nur janusköpfige Freuden, wenn nicht gar masochistische. An Hungerdiäten kann sich nur freuen, wer ansonsten einen vollen Kühlschrank hat.

Ich selbst habe durch MP3 und die Möglichkeiten der neuen Techniken Musik neu für mich entdeckt. Ich hatte früher in Plattenläden eigentlich immer das Problem, dass ich so viel wühlen und testhören konnte, wie ich wollte, ich fand nichts, was ich wirklich toll fand. Wenn überhaupt ging ich dann mit was nach Hause, was ich schon vor der Expedition kannte. Unterm Strich so frustrierend, dass ich das Hobby Musik irgendwann im Keller einmottete und nichts mehr hörte, heißt, willentlich zu Gehör brachte.

Erst MP3 und Radiostreams haben mein Interesse wieder geweckt. Und ich bin dankbar dafür. Ich bin dankbar für die niederen Schranken, durch die ich durch sehr viele Stunden Streams in kurzer Zeit durchscrollen und das für mich passende rausschneiden und aufbewahren kann.

Vergesst das schimmelige analoge Zeug.

Das Wehleiden nach dem Früher...

"Schaut man sich die Charts an, muss man feststellen, dass die heutige Musik nichts anderes als Massenware ist."

Das stimmt überhaupt nicht. In der Jugend (zu der ich auch gehöre) gibt es breite Kreise, die überhaupt keine Chartmusik konsumieren. Die einen Moshen im Metalbereich, der andere schwebt im Postrockbereich, ein anderer schwelgt in den alten Hardrockzeiten oder erfreut sich an Sprachkonstruktionen des guten deutschen Raps.

Wenn Sie meinen, dass Musik heute keinerlei Qualität mehr habe, so empfehle ich ihnen mal in diese Bereiche reinzuschauen. Es gibt heute Musik mit Qualität, aber nicht auf dem konsumistisch geprägtem Markt (den Charts), sondern im "Offstream" oder auch Untergrund.

Es ist schon prägend für unsere heutige Gesellschaft zu meinen, man könne durch einen KAUF von einem Ding jemanden wertschätzen. Der Kauf ist an sich nur ein Konsumakt und mehr nicht. Wer wertschätzt, der genießt und besucht Konzerte. Bei CD-Verkäufen verdient jeder mehr als der Künstler selbst.

Das Wehleiden nach dem Früher, und dem Kauf von Musik, ist ähnlich dem Vergammeln auf der Festplatte. In beiden Bereichen geht es um haben... der Genuss und die Wertschätzung berührt nicht das Kaufen, sondern liegt jenseits des Haben im eigenen Sein und Leben.