Leserartikel

DigitalisierungMusik wird nicht mehr wertgeschätzt

Früher sparten Musikliebhaber auf eine LP aus dem Plattenladen. Heute zählen Sammler ihre MP3 in Terabyte. Musik wird nicht mehr wertgeschätzt, findet Leser K. Warstat. von Klaus Warstat

Ich möchte aus einer Zeit erzählen, in der Musik ausschließlich auf Schallplatten veröffentlicht wurde. Ich ging öfters mit musikbegeisterten Freunden in einen der zahlreichen Plattenläden, manchmal mit mehr, meistens mit weniger Geld. Es gab Geschäfte, die eher die Platten der Independent-Labels verkauften. In größeren Läden, die zum Teil von Ketten betrieben wurden, gab es die kommerziellen Titel. Auf einer Tour besuchten wir immer drei bis vier Geschäfte.

Entweder fieberten wir der Neuerscheinung eines Albums entgegen oder wir fanden beim Stöbern so manchen Schatz, oft auch als "Nice-Price"- Edition für zehn Mark. Nach dem Einkauf trugen wir die Platten in einer Tüte zu einem meiner Freunde nach Hause und legten sie dort andächtig auf den Plattenteller. Die Scheiben der anderen überspielten wir uns gleich auf Kassette. In den Tagen danach beschäftigte sich jeder alleine mit den Alben. Wir haben die Plattencover tausendmal angesehen und die Texte mitgelesen.

Anzeige

Dann kam die CD. Wir kauften unsere Lieblinge als Silberling nach und waren enttäuscht, dass die Musik nicht wie versprochen besser klang. Die Plattenspieler verschwanden aus den Jugend- und Wohnzimmern. Wir gewöhnten uns an die praktische CD, nannten die Plastikhülle irgendwann sogar "Jewelcase".

Wieder ein paar Jahre später wurde das MP3-Format erfunden und Napster gestartet, die erste Tauschbörse im Internet. Das war verlockend: Musik umsonst auf den Rechner laden. Alle Platten, die man schon immer haben wollte! Nur die langsame Internetverbindung und die lausige Qualität der MP3-Daten trübten die Freude daran.

Napster war erst der Anfang. Das Internet wurde schneller, die Komprimierung der Musikdaten immer effektiver. Filesharing wurde einfacher. Es ist zwar bis heute illegal, erwischt wird aber fast niemand. Bis heute wird heruntergeladen, was das Zeug hält. Vielen geht es nicht mehr um die Musik an sich, sondern nur noch darum, wie viele Terabytes sie auf ihrer Festplatte haben. Sie hören, wenn überhaupt, kurz rein und wenn das Album nicht beim ersten Ton gefällt, landet es als Dateileiche auf der Festplatte. 

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Eine dramatische Entwertung kreativer Werke hat stattgefunden. Den Künstlern wird mittlerweile vermittelt, ihre Musik sei nicht mehr schützenswert und kein Geld mehr wert, weil sie in digitaler Form existiert. Musikkonsumenten wollen die Alben aber immer noch besitzen und zu ihrer MP3-Sammlung hinzufügen. Dieser Widerspruch fällt vielen nicht auf.

Ich gebe zu, älter als dreißig zu sein. Aber ich habe sehr gute Ohren. Die haben sich an digitale Klänge gewöhnt, obwohl sie die analogen weiterhin lieben. Und wenn ich mir den heutigen Umgang mit Künstlern anschaue, dann wünsche ich mir die analogen Zeiten zurück. 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ...geht es um MUSIK, unter anderem von Indie-Labels.
    Was Ihre Beispiele damit zu tun haben, ist mir nicht ganz Klar.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    damit zu tun, als dass Sie dem Volk ebenfalls als Musik verkauft werden. Nachher wundert man sich dann, dass der Kunde aufgrund des geringen künstlerischen Gehalts zum Massenkonsument mit entsprechender Technologie wird.
    Für Musik dieser Art sollte man einen anderen Begriff verwenden, da haben Sie recht. "Analogmusik" (wie "Analogkäse") z.B.?

  2. Auf Englisch nennt sich so etwas "expectation bias" - aus Erwartung hört man etwas was es nicht gibt.

    Google sie mal den "mc gurk effect".

    Ah ja, und wenn Ihr Kommentar ein Zitat ist, was ich befürchte, dann zeigt das nur was für Dummköpfe bei Sachen wie Audio zu oft das sagen haben. Mir wollte man auch schon weiß machen ein Kabel beeinflußt den Klang.... Auch weia.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Auf Englisch nennt sich so etwas "expectation bias" - aus Erwartung hört man etwas was es nicht gibt."

    Das kann aber sehr gut auch auf Ihre Verherrlichung der CD zutreffen ;-)

    Wenn man es auf einer Trommel vor den Lautsprecher stellt. ;-))

    • Acrux
    • 31. Mai 2012 17:22 Uhr

    der Realsatire entangen

    http://www.fl-electronic....
    http://www.audiodesksyste...

    Und dann noch der hier (Kabelmeter > 1000 Euro)
    http://www.schnerzinger.c...

    Und noch ein Zitat aus "Stereo" bzgl. sebstgebrannter CDs:
    "Obwohl alle Rohlinge erwiesenermassen bit-identische Ergebnisse liefern, tönt es nicht gleich."

  3. "Auf Englisch nennt sich so etwas "expectation bias" - aus Erwartung hört man etwas was es nicht gibt."

    Das kann aber sehr gut auch auf Ihre Verherrlichung der CD zutreffen ;-)

    Antwort auf "Auf Englisch:"
  4. Musikliebhaber werden doch eigentlich durch das Autofahren von der Musik abgelenkt. Es ist kein Genuss mehr.

    Radio, ganz speziell Internetradio, kann auch für Musikliebhaber interessant sein. Von Barock bis Alternative Rock, von Schlager bis Hillbilly, es ist alles vertreten. Bei mir ca. 7.400 Sender aller Coleur.

    Antwort auf "Radio edit"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe fälschlicherweise >RADIO< als Synonym für öffentlich rechtliche Radiosender und das Beste der 80er, 90er und von heute benutzt.

    • Spez
    • 31. Mai 2012 10:57 Uhr

    Ich habe begonnen all meine MP3-Bestände auf Schellackplatten zu kopieren. Der Klang ist einfach überragend. CDs klingen selbstverständlich schlechter als Schallplatten, deshalb überspiele ich von CD auf Schallplatte und wieder zurück, um die typischen Schleifgeräusche eins zu eins wiederzugeben - insbesondere bei ruhigeren Stellen. Analoger Klang ist natürlich besser, da er mehr Informationsgehalt hat, denn entscheidend ist nicht die Information die von Vornherein drinsteckt, sondern der Übertragungsweg zum Lautsprecher. Sie sagen, dass Sie etwas älter sind. Kennen Sie viele aus dieser Generation, der Sie grundsätzlich Musikkompetenz absprechen? Ich bin Teil dieser Generation. Ich besitze einen Schallplattenspieler, einen CD-Spieler, aber bin auch bei Spotify und habe eine reichhaltige Musikbibliothek auf dem Laptop. Wie wäre es, wenn wir beginnen würden, nicht mehr von oben herab über Generationen zu sprechen, von denen wir vllt. 2-3 persönlich eng kennen und ansonsten nur das wissen, das Medien über sie schreiben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...steht unter 97.

  5. Wenn man es auf einer Trommel vor den Lautsprecher stellt. ;-))

    Antwort auf "Auf Englisch:"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Stimmt, das mit dem Kabel...
    Allerdings nur solange Sie MP3 hören!

    Spaß beiseite, wer schon mal als DJ aufgelegt hat, oder an einer wirklich Klangstarken Anlage LP, CD und MP3 vergleichen konnte, jenseits der Zimmerlautstärke, wird die Unterschiede hören. Die Wucht einer gut produzierten LP erreicht kein anders Medium. Das knistern der Scheibe läßt sich übrigens filtern - das Argu gegen die Platte ist also out.

    Tatsache ist aber, das heute alles schnell verfügbar sein muß, preiswert dazu auch noch. Die Technik aus den großen Kaufhäusern der Metro ist auch nicht mehr auf Klangqualität aus, digital überall bis zum Radiowecker.
    Irgendwann werden wir im Museum stehen und staunen, das es schon mal was anderes gab. Umständlicher zwar, aber ausgereift und funktionierte länger als die Hardware von heute.

  6. @meander

    "Es brauchte Apple, um Alternativen aufzuzeigen."

    Irrtum, das konsequente Verfolgen von illegale Tauschbörsen hat die einzige Alternative "Musik für Geld" übrig gelassen. Und selbst da hapert es mit dem Urheberrecht.

    Übrigens, falls Sie es noch nicht wissen, war Appel's iTunes nicht die Ersten, und sind beileibe nicht die Einzigen von wo man legal Musik herunterladen kann. Ich nehme Amazon, da brauchts den Äppel nicht...

    Schönen Tag allen noch!

    • Spez
    • 31. Mai 2012 11:09 Uhr

    MP-3 ist nicht grundsätzlich schlechter. Für die Mehrheit der Menschen und ihrer Anlagen reichen aber 128 kb/s, denn Sie hören den Unterschied sowieso nicht bzw. die Anlage lässt ihn gar nicht erkennen. http://www.heise.de/ct/ar...

    Antwort auf "Die Jugend..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Für die Mehrheit der Menschen und ihrer Anlagen reichen aber 128 kb/s, denn Sie hören den Unterschied sowieso nicht bzw. die Anlage lässt ihn gar nicht erkennen"

    Den Unterschied zwischen einer 128 kb/s mp3 und einer CD hört man schon auf mittelmäßigen Autoradios. Wem der nicht auffällt, hat ein verkümmertes Gehör und ist nicht in der Lage, Musik zu rezipieren.
    Naja - aber wer schon versucht, mp3-Dateien in Schellack zu pressen...:-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Musik | Album | Filesharing | Geld | Internet | Künstler
Service