Internet-Debatte : Gefangen in der analogen Angst

Macht das Internet dumm? Leser Sebastian Flad widerspricht der These von Gehirnforscher Manfred Spitzer. Das Netz ermögliche eine neue, vernetzte Form des Denkens.

Der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer war bisher dafür bekannt, im Rahmen einer kleinen Sendereihe im Fernsehen allgemeinverständlich über den Zusammenhang zwischen Gehirn und Psyche zu dozieren. Sowohl in seiner Sendung als auch in seinem neuen Buch Digitale Demenz widmet er sich nun der Debatte über die Gefahren der digitalen Welt.

Spitzer argumentiert auf überraschend altbackene Weise und bedient damit – bewusst oder unbewusst – die gängigen Klischees der Technologiekritik . Er legt damit eine geistige Unbeweglichkeit an den Tag, die erstaunt, da der Wissenschaftler sonst recht anspruchsvolle Exkurse pflegt.

Das Navigationsgerät ist Spitzers erster Gegner, da es angeblich zu Orientierungslosigkeit führe. Er unterstellt dem Gerät eine verdummende Wirkung und begründet das denkbar undifferenziert: Der Benutzer des Geräts konzentriere sich nicht mehr darauf, den Weg zu finden. Daher bliebe der Trainingseffekt aus und der Fahrer erlange keine wirkliche Kenntnis über die Route.

Leider bedenkt Spitzer nicht, dass das Gerät nicht zum Gedächtnistraining, sondern dafür erfunden wurde, schneller ans Ziel zu gelangen. Ein passender Vergleich wäre der folgende: Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, statt zu Fuß zu gehen, lernt die Gegend nicht kennen und trainiert auch nicht seine Muskulatur. Das war allerdings auch gar nicht Zweck der Reise. Verkehrsmittel sind dafür da, um schneller ans Ziel zu kommen als zu Fuß.

Noch eindimensionaler ist Spitzers Kritik am Internet: Das Medium verleite, ja zwinge zur Oberflächlichkeit, weil es die Nutzer mit Informationen überschütte. Es ließe ihnen keine Möglichkeit, sich konzentriert mit einzelnen Themen zu befassen.

Dass das Internet die einmalige Chance bietet, sich weltweit Wissen zu beschaffen und es zu teilen , darauf geht Spitzer leider nicht ein. Er kennt scheinbar nur eine Art von Bildung: die einsame Vertiefung in ein Thema. Doch wie kein anderes Medium ermöglicht das Internet, Denken zu einem gesellschaftlichen Prozess zu machen. Es baut Informationsnetze statt einsamer Denktürme.

Spitzer lehnt diese vernetzte, soziale Form des Denkens ab. Scheinbar geht es ihm wie Frank Schirrmacher , der vor Kurzem schrieb, er fühle sich von den Möglichkeiten und Zwängen der digitalen Revolution überrollt.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

sdgdgfhnerfhr

"Leider bedenkt Spitzer nicht, dass das Gerät nicht zum Gedächtnistraining, sondern dafür erfunden wurde, schneller ans Ziel zu gelangen. Ein passender Vergleich wäre der folgende: Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, statt zu Fuß zu gehen, lernt die Gegend nicht kennen und trainiert auch nicht seine Muskulatur. Das war allerdings auch gar nicht Zweck der Reise. Verkehrsmittel sind dafür da, um schneller ans Ziel zu kommen als zu Fuß."

er spricht über kognitive fähigkeiten und deren ausbau, du sprichst über zweck bzw. reisegeschwindigkeit. das ein aht mit dem andren nichts zu tun.

"Dass das Internet die einmalige Chance bietet, sich weltweit Wissen zu beschaffen und es zu teilen, darauf geht Spitzer leider nicht ein. "

Möglichkeit freilich, doch wie viel nutzen es denn dazu, sich intensiv und bildend mit einem thema auseinanderzusetzen? zum arbeiten ist es in der tat effizienter, sich konzentriert in eine ecke zu verdrücken.

Sehr geehrter mcharlie,

mit dem Verweis auf das Training kognitiver Fähigkeiten liegen Sie richtig.
Denn er zeigte sich z.B. schon im Studium, habe Geologie und Chemie studiert, das allein die Anwendung digitaler Mittel keinen Fortschritt oder Gewinn erzeugt.

Wer mit Karte & Kompaß nicht umgehen konnte, wurde durch GPS & Co auch nicht besser!

Und wenn eine Datenbank die Interpretation einer Geräteanalyse durch "Vorschläge" ergänzt, ist man einer Plausibilitätsprüfung gerade nicht enthoben! Erlebe ich aber immer wieder, weil "die Maschine hats ja gesagt".

Und "bunte plotts" haben etwas Verführerisches, ist der dargestellte Inhalt in Ordnung, kann man tatsächlich manchmal schneller arbeiten; ist es aber Unsinn, so braucht man viel mehr Zeit!

Technik ist solange ein gutes Hilfsmittel, wie der Nutzer nicht der Suggestion von deren Wirksamkeit erliegt. Insofern geht die Kritik an Herrn Spitzer doch etwas daneben!

MfG KM

rzjartsgjtujzj

werter kollege,

"mit dem Verweis auf das Training kognitiver Fähigkeiten liegen Sie richtig.
Denn er zeigte sich z.B. schon im Studium, habe Geologie und Chemie studiert, das allein die Anwendung digitaler Mittel keinen Fortschritt oder Gewinn erzeugt."

damit ist ja meine frage endlich beantwortet ;-)))

"Wer mit Karte & Kompaß nicht umgehen konnte, wurde durch GPS & Co auch nicht besser!
Und wenn eine Datenbank [...] Verführerisches, ist der dargestellte Inhalt in Ordnung, kann man tatsächlich manchmal schneller arbeiten; ist es aber Unsinn, so braucht man viel mehr Zeit!"

diese erfahrung habe ich ebenfalls gemacht. messwerte ableen kann jeder, doch um ihre vertrauenswürdigkeit einzuschätzen, braucht es eben doch fundiertes verständnis. nebenbei hatte ich dereinst einmal das vergnügen, mit gps kartieren zu dürfen. das ging auch gut, da wo das gelände eben war und keine bäume wuchsen ^^ aber ich vermute die geräte sind mittlerweile besser.

"Technik ist solange ein gutes Hilfsmittel, wie der Nutzer nicht der Suggestion von deren Wirksamkeit erliegt. Insofern geht die Kritik an Herrn Spitzer doch etwas daneben!"

auf keinen fall wollte ich den wert und sinn der technik niederschwatzen. doch zum wissen erarbeiten ist es doch recht wenig geeignet, weil ziemlich unstrukturiert und teilweise mit falschen und halben wahrheiten gespickt.

Sehr geehrter mcharlie,

leider konnte ich Ihnen keine PN über ZO zukommmen lassen; daher auf diesem Weg,).

Als "niederschwatzen" war das auch garnicht zu empfinden, das "Netz" ist eben auch nur eine gute Hilfe wenn man weiß wonach gesucht werden muss.

Da passt der alte Toxikologenspruch schon ganz gut.

Zur unkrtischen Nutzung von Technik war auf ZO vor einigen Tagen noch eine spanennde Serie von Kommentaren zur Großbrand eines Düngerlagers in Duisburg zu lesen, mit erschrecken naiven Feststellungen zur Sachverhaltsermittlung!

Glück auf!

KM

Kognition ist kein rigides System

sdgdgfhnerfhrs Kritik geht ins Leere, weil Kognition zu verschiedenen Zeiten verschieden funktioniert hat. Das Internet erfordert eine neue Denkweise, die der Mensch, adaptiv wie er ist, aufbaut. Dass dabei alte verloren gehen ist normal und so auch schon tausendfach vorgekommen. Plato hat sich über Schriftsprache aufgeregt, aus den selben Gründen wie Herr Spitzer jetzt. Was hinter dem Artikel steht ist folgendes: Wenn man eine neue Struktur versucht nach alten Kriterien zu beschreiben, dann muss sie falsch und schlecht wirken. Spitzer beklagt die Reduktion von Gedächtnisfähigkeiten? Selbst wenn er recht haben sollte (und da bin ich, im Angesicht von Spitzers Verständnis von wissenschaftlichkeit, skeptisch) dann sagt das nur offensichtliches aus: Gedächtnis verliert (erneut) an Bedeutung in heutigen Denkstrukturen. Flexibilität und Techniken der Wissensentnahme sind bedeutend relevanter. Es ist bezeichnend, dass Spitzer in Psychologie und Pädagogik nicht ernst genommen wird. Wenn das die Medien nur auch so halten würden...oder falsch: Wenn ihn nur jemand mal öffentlichkeitswirksam mit wissenschaftlichen Argumenten auseinandernehmen würde. Aber das ist schwer, weil die Konzepte für die Allgemeinheit schwer zu durchdringen sind. Also bleibt nur die Methode, die schon immer bei irrationalen Konservativen funktioniert hat: Warten, bis sie tot sind und das Denken der Jungen für uns anfängt, komisch zu wirken...Alternativen bietet er eh keine. Konstruktive Kritik = Fremdwort.

Kognition im Wandel

Die steile These, dass das Internet eine neue Denkweise erfordert, dass Gedächtnis (erneut?) unwichtig wird, die würde ich gern ERST bewiesen sehen, bevor wir über die Gültigkeit deiner Kritik reden.

Tatsache ist, dass Internet weder heute noch vor fünfzehn Jahren 24/7 ausfallsicher verfügbar ist/war und daher ein eigenes Grundwissen und eine unabhängige Denkfähigkeit nach wie vor sehr wichtig sind. Da ist eine gesunde Mischung aus schneller Recherchefähigkeit und Eigenwissen vonnöten, die momentan bei den meisten von uns, mich eingeschlossen, eben nicht gesund ist.

(Anekdotisch: wem mal Netz/Navi mitten während der Nutzung ausgefallen sind, wird das Problem der plötzlich einsetzenden Hilflosigkeit erkennen.)

Besser fundierte Meinungsbildung

Der zitierte Hirnforscher hat Ansichten die ich nicht teile. Ich bin 75 Jahre alt, habe 4000 Bücher, darunter auch einige Enzyklopädien (die übrigens auch Fehler enthalten) und schätze Internet als Infoquelle sehr. Dank Internet ist es heute möglich sich auf vielen Gebieten eine wesentlich besser fundierte Meinung zu bilden als dies je zuvor möglich war.

.....

Ich frage mich, wie Herr Spitzer es immer wieder ins öffentliche Intresse schafft?! Wer Herrn Spitzer mal über längere (reicht auch kürzere) Zeit zugehört hat, kann über soviel hanebüchene Theorien nur den Kopf schütteln.

Zum Beispiel Navigationssystem: natürlich verliere ich Kenntnis über die Route! Brauche ich die aber wirklich?
Welcher Seefahrer koppelt heute nach den Sternen, wer fährt rechts ran, um im Atlas zu blättern? Wieso sollte ich das tun?
Wieso Steinchen reiben, wenn man ein Feuerzeug hat?

Was Herr Spitzer gerne vergisst sind allerdings die Fähigkeiten, die man benötigt, um die neue Technik bedienen zu können - das geht beim Internet nicht nur mit dem bloßen Klicken einher, sondern auch mit der Bewertung des Gelesenen, mit Meinungsbildung aufgrund anderer Meinungen.
Wer das Internt wie einen Brockhaus benutzt, wird nicht weit kommen: unsere Jugend weiß das bereits ...

Bildung tut nicht weh ...

aber wer glaubt, das Internet dient der Bildung, kommt mindestens 20 Jahre zu spät. Sicherlich "kann" man sich im Netz schlau machen und Meinungen und Kommentare austauschen. Aber besser und schlauer wird die Welt dadurch nicht.

Die Menschen, die sich vorher schon um Bildung gekümmert haben, erweitern ihre Möglichkeiten durch das Netz, die jenigen, die vorher "dumm" waren, bleiben es auch jetzt.

Wirklich geändert hat sich nichts!