Der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer war bisher dafür bekannt, im Rahmen einer kleinen Sendereihe im Fernsehen allgemeinverständlich über den Zusammenhang zwischen Gehirn und Psyche zu dozieren. Sowohl in seiner Sendung als auch in seinem neuen Buch Digitale Demenz widmet er sich nun der Debatte über die Gefahren der digitalen Welt.

Spitzer argumentiert auf überraschend altbackene Weise und bedient damit – bewusst oder unbewusst – die gängigen Klischees der Technologiekritik . Er legt damit eine geistige Unbeweglichkeit an den Tag, die erstaunt, da der Wissenschaftler sonst recht anspruchsvolle Exkurse pflegt.

Das Navigationsgerät ist Spitzers erster Gegner, da es angeblich zu Orientierungslosigkeit führe. Er unterstellt dem Gerät eine verdummende Wirkung und begründet das denkbar undifferenziert: Der Benutzer des Geräts konzentriere sich nicht mehr darauf, den Weg zu finden. Daher bliebe der Trainingseffekt aus und der Fahrer erlange keine wirkliche Kenntnis über die Route.

Leider bedenkt Spitzer nicht, dass das Gerät nicht zum Gedächtnistraining, sondern dafür erfunden wurde, schneller ans Ziel zu gelangen. Ein passender Vergleich wäre der folgende: Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, statt zu Fuß zu gehen, lernt die Gegend nicht kennen und trainiert auch nicht seine Muskulatur. Das war allerdings auch gar nicht Zweck der Reise. Verkehrsmittel sind dafür da, um schneller ans Ziel zu kommen als zu Fuß.

Noch eindimensionaler ist Spitzers Kritik am Internet: Das Medium verleite, ja zwinge zur Oberflächlichkeit, weil es die Nutzer mit Informationen überschütte. Es ließe ihnen keine Möglichkeit, sich konzentriert mit einzelnen Themen zu befassen.

Dass das Internet die einmalige Chance bietet, sich weltweit Wissen zu beschaffen und es zu teilen , darauf geht Spitzer leider nicht ein. Er kennt scheinbar nur eine Art von Bildung: die einsame Vertiefung in ein Thema. Doch wie kein anderes Medium ermöglicht das Internet, Denken zu einem gesellschaftlichen Prozess zu machen. Es baut Informationsnetze statt einsamer Denktürme.

Spitzer lehnt diese vernetzte, soziale Form des Denkens ab. Scheinbar geht es ihm wie Frank Schirrmacher , der vor Kurzem schrieb, er fühle sich von den Möglichkeiten und Zwängen der digitalen Revolution überrollt.