Leserartikel

Internet-DebatteGefangen in der analogen Angst

Macht das Internet dumm? Leser Sebastian Flad widerspricht der These von Gehirnforscher Manfred Spitzer. Das Netz ermögliche eine neue, vernetzte Form des Denkens. von 

Der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer war bisher dafür bekannt, im Rahmen einer kleinen Sendereihe im Fernsehen allgemeinverständlich über den Zusammenhang zwischen Gehirn und Psyche zu dozieren. Sowohl in seiner Sendung als auch in seinem neuen Buch Digitale Demenz widmet er sich nun der Debatte über die Gefahren der digitalen Welt.

Spitzer argumentiert auf überraschend altbackene Weise und bedient damit – bewusst oder unbewusst – die gängigen Klischees der Technologiekritik . Er legt damit eine geistige Unbeweglichkeit an den Tag, die erstaunt, da der Wissenschaftler sonst recht anspruchsvolle Exkurse pflegt.

Anzeige

Das Navigationsgerät ist Spitzers erster Gegner, da es angeblich zu Orientierungslosigkeit führe. Er unterstellt dem Gerät eine verdummende Wirkung und begründet das denkbar undifferenziert: Der Benutzer des Geräts konzentriere sich nicht mehr darauf, den Weg zu finden. Daher bliebe der Trainingseffekt aus und der Fahrer erlange keine wirkliche Kenntnis über die Route.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Leider bedenkt Spitzer nicht, dass das Gerät nicht zum Gedächtnistraining, sondern dafür erfunden wurde, schneller ans Ziel zu gelangen. Ein passender Vergleich wäre der folgende: Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, statt zu Fuß zu gehen, lernt die Gegend nicht kennen und trainiert auch nicht seine Muskulatur. Das war allerdings auch gar nicht Zweck der Reise. Verkehrsmittel sind dafür da, um schneller ans Ziel zu kommen als zu Fuß.

Noch eindimensionaler ist Spitzers Kritik am Internet: Das Medium verleite, ja zwinge zur Oberflächlichkeit, weil es die Nutzer mit Informationen überschütte. Es ließe ihnen keine Möglichkeit, sich konzentriert mit einzelnen Themen zu befassen.

Dass das Internet die einmalige Chance bietet, sich weltweit Wissen zu beschaffen und es zu teilen , darauf geht Spitzer leider nicht ein. Er kennt scheinbar nur eine Art von Bildung: die einsame Vertiefung in ein Thema. Doch wie kein anderes Medium ermöglicht das Internet, Denken zu einem gesellschaftlichen Prozess zu machen. Es baut Informationsnetze statt einsamer Denktürme.

Spitzer lehnt diese vernetzte, soziale Form des Denkens ab. Scheinbar geht es ihm wie Frank Schirrmacher , der vor Kurzem schrieb, er fühle sich von den Möglichkeiten und Zwängen der digitalen Revolution überrollt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Leider bedenkt Spitzer nicht, dass das Gerät nicht zum Gedächtnistraining, sondern dafür erfunden wurde, schneller ans Ziel zu gelangen. Ein passender Vergleich wäre der folgende: Wer mit der Bahn zur Arbeit fährt, statt zu Fuß zu gehen, lernt die Gegend nicht kennen und trainiert auch nicht seine Muskulatur. Das war allerdings auch gar nicht Zweck der Reise. Verkehrsmittel sind dafür da, um schneller ans Ziel zu kommen als zu Fuß."

    er spricht über kognitive fähigkeiten und deren ausbau, du sprichst über zweck bzw. reisegeschwindigkeit. das ein aht mit dem andren nichts zu tun.

    "Dass das Internet die einmalige Chance bietet, sich weltweit Wissen zu beschaffen und es zu teilen, darauf geht Spitzer leider nicht ein. "

    Möglichkeit freilich, doch wie viel nutzen es denn dazu, sich intensiv und bildend mit einem thema auseinanderzusetzen? zum arbeiten ist es in der tat effizienter, sich konzentriert in eine ecke zu verdrücken.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit dem Verweis auf das Training kognitiver Fähigkeiten liegen Sie richtig.
    Denn er zeigte sich z.B. schon im Studium, habe Geologie und Chemie studiert, das allein die Anwendung digitaler Mittel keinen Fortschritt oder Gewinn erzeugt.

    Wer mit Karte & Kompaß nicht umgehen konnte, wurde durch GPS & Co auch nicht besser!

    Und wenn eine Datenbank die Interpretation einer Geräteanalyse durch "Vorschläge" ergänzt, ist man einer Plausibilitätsprüfung gerade nicht enthoben! Erlebe ich aber immer wieder, weil "die Maschine hats ja gesagt".

    Und "bunte plotts" haben etwas Verführerisches, ist der dargestellte Inhalt in Ordnung, kann man tatsächlich manchmal schneller arbeiten; ist es aber Unsinn, so braucht man viel mehr Zeit!

    Technik ist solange ein gutes Hilfsmittel, wie der Nutzer nicht der Suggestion von deren Wirksamkeit erliegt. Insofern geht die Kritik an Herrn Spitzer doch etwas daneben!

    MfG KM

    • Morbox
    • 05. Oktober 2012 11:57 Uhr

    sdgdgfhnerfhrs Kritik geht ins Leere, weil Kognition zu verschiedenen Zeiten verschieden funktioniert hat. Das Internet erfordert eine neue Denkweise, die der Mensch, adaptiv wie er ist, aufbaut. Dass dabei alte verloren gehen ist normal und so auch schon tausendfach vorgekommen. Plato hat sich über Schriftsprache aufgeregt, aus den selben Gründen wie Herr Spitzer jetzt. Was hinter dem Artikel steht ist folgendes: Wenn man eine neue Struktur versucht nach alten Kriterien zu beschreiben, dann muss sie falsch und schlecht wirken. Spitzer beklagt die Reduktion von Gedächtnisfähigkeiten? Selbst wenn er recht haben sollte (und da bin ich, im Angesicht von Spitzers Verständnis von wissenschaftlichkeit, skeptisch) dann sagt das nur offensichtliches aus: Gedächtnis verliert (erneut) an Bedeutung in heutigen Denkstrukturen. Flexibilität und Techniken der Wissensentnahme sind bedeutend relevanter. Es ist bezeichnend, dass Spitzer in Psychologie und Pädagogik nicht ernst genommen wird. Wenn das die Medien nur auch so halten würden...oder falsch: Wenn ihn nur jemand mal öffentlichkeitswirksam mit wissenschaftlichen Argumenten auseinandernehmen würde. Aber das ist schwer, weil die Konzepte für die Allgemeinheit schwer zu durchdringen sind. Also bleibt nur die Methode, die schon immer bei irrationalen Konservativen funktioniert hat: Warten, bis sie tot sind und das Denken der Jungen für uns anfängt, komisch zu wirken...Alternativen bietet er eh keine. Konstruktive Kritik = Fremdwort.

  2. Der zitierte Hirnforscher hat Ansichten die ich nicht teile. Ich bin 75 Jahre alt, habe 4000 Bücher, darunter auch einige Enzyklopädien (die übrigens auch Fehler enthalten) und schätze Internet als Infoquelle sehr. Dank Internet ist es heute möglich sich auf vielen Gebieten eine wesentlich besser fundierte Meinung zu bilden als dies je zuvor möglich war.

    14 Leserempfehlungen
  3. 3. .....

    Ich frage mich, wie Herr Spitzer es immer wieder ins öffentliche Intresse schafft?! Wer Herrn Spitzer mal über längere (reicht auch kürzere) Zeit zugehört hat, kann über soviel hanebüchene Theorien nur den Kopf schütteln.

    Zum Beispiel Navigationssystem: natürlich verliere ich Kenntnis über die Route! Brauche ich die aber wirklich?
    Welcher Seefahrer koppelt heute nach den Sternen, wer fährt rechts ran, um im Atlas zu blättern? Wieso sollte ich das tun?
    Wieso Steinchen reiben, wenn man ein Feuerzeug hat?

    Was Herr Spitzer gerne vergisst sind allerdings die Fähigkeiten, die man benötigt, um die neue Technik bedienen zu können - das geht beim Internet nicht nur mit dem bloßen Klicken einher, sondern auch mit der Bewertung des Gelesenen, mit Meinungsbildung aufgrund anderer Meinungen.
    Wer das Internt wie einen Brockhaus benutzt, wird nicht weit kommen: unsere Jugend weiß das bereits ...

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • orca62
    • 05. Oktober 2012 18:05 Uhr

    Alle Seefahrer, können sich mit einfachen Hilfsmitteln orientieren, und tun dies im Zweifelsfall auch, weil sie auch bei Stromausfall wissen müssen wo sie sind
    TS

  4. mit dem Verweis auf das Training kognitiver Fähigkeiten liegen Sie richtig.
    Denn er zeigte sich z.B. schon im Studium, habe Geologie und Chemie studiert, das allein die Anwendung digitaler Mittel keinen Fortschritt oder Gewinn erzeugt.

    Wer mit Karte & Kompaß nicht umgehen konnte, wurde durch GPS & Co auch nicht besser!

    Und wenn eine Datenbank die Interpretation einer Geräteanalyse durch "Vorschläge" ergänzt, ist man einer Plausibilitätsprüfung gerade nicht enthoben! Erlebe ich aber immer wieder, weil "die Maschine hats ja gesagt".

    Und "bunte plotts" haben etwas Verführerisches, ist der dargestellte Inhalt in Ordnung, kann man tatsächlich manchmal schneller arbeiten; ist es aber Unsinn, so braucht man viel mehr Zeit!

    Technik ist solange ein gutes Hilfsmittel, wie der Nutzer nicht der Suggestion von deren Wirksamkeit erliegt. Insofern geht die Kritik an Herrn Spitzer doch etwas daneben!

    MfG KM

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "sdgdgfhnerfhr"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    werter kollege,

    "mit dem Verweis auf das Training kognitiver Fähigkeiten liegen Sie richtig.
    Denn er zeigte sich z.B. schon im Studium, habe Geologie und Chemie studiert, das allein die Anwendung digitaler Mittel keinen Fortschritt oder Gewinn erzeugt."

    damit ist ja meine frage endlich beantwortet ;-)))

    "Wer mit Karte & Kompaß nicht umgehen konnte, wurde durch GPS & Co auch nicht besser!
    Und wenn eine Datenbank [...] Verführerisches, ist der dargestellte Inhalt in Ordnung, kann man tatsächlich manchmal schneller arbeiten; ist es aber Unsinn, so braucht man viel mehr Zeit!"

    diese erfahrung habe ich ebenfalls gemacht. messwerte ableen kann jeder, doch um ihre vertrauenswürdigkeit einzuschätzen, braucht es eben doch fundiertes verständnis. nebenbei hatte ich dereinst einmal das vergnügen, mit gps kartieren zu dürfen. das ging auch gut, da wo das gelände eben war und keine bäume wuchsen ^^ aber ich vermute die geräte sind mittlerweile besser.

    "Technik ist solange ein gutes Hilfsmittel, wie der Nutzer nicht der Suggestion von deren Wirksamkeit erliegt. Insofern geht die Kritik an Herrn Spitzer doch etwas daneben!"

    auf keinen fall wollte ich den wert und sinn der technik niederschwatzen. doch zum wissen erarbeiten ist es doch recht wenig geeignet, weil ziemlich unstrukturiert und teilweise mit falschen und halben wahrheiten gespickt.

  5. aber wer glaubt, das Internet dient der Bildung, kommt mindestens 20 Jahre zu spät. Sicherlich "kann" man sich im Netz schlau machen und Meinungen und Kommentare austauschen. Aber besser und schlauer wird die Welt dadurch nicht.

    Die Menschen, die sich vorher schon um Bildung gekümmert haben, erweitern ihre Möglichkeiten durch das Netz, die jenigen, die vorher "dumm" waren, bleiben es auch jetzt.

    Wirklich geändert hat sich nichts!

    8 Leserempfehlungen
  6. An Paracelsus' Ausspruch „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ hat sich auch bezüglich digitaler Technologie nichts geändert.
    Mich wundert, wieso in den Köpfen immer (noch?) dieses Schwarz/Weiß-Denken so verankert ist.

    Weder macht das Internet "dumm", noch ist das einsame offline-Lernen "das Effizienteste".

    Das Internet *kann* dazu dienen, herrlich zu prokrastinieren und von Link zu Link zu springen, ohne sich auch nur mit einem einzigen Thema ernsthaft zu befassen (Seine Struktur begünstigt es sogar). Aber das Internet erzeugt aber eben auch nie dagewesene Synergien durch Schwarm-Intelligenz oder ermöglicht Menschen in der absoluten Peripherie den Zugriff auf einen unglaublichen Fundus an Informationen. Nur finden muss man sie - aber auch dafür gibt es Werkzeuge.

    Was Navigationsgeräte angeht, teile ich (trotz meiner überdurchschnittlichen Technologieaffinität) die Kritik Spitzers sogar. Nichtsdestotrotz nutze ich sie.
    Denn auch hier gilt: „Dosis sola venenum facit“.

    Auch mit dem Auto ist man besser dran, wenn man selbst weiß, wo man abbiegen muss und ist in einer besseren Situation, wenn man nicht vollständig von der Technologie abhängig ist.
    Hier kommt wieder das berühmte "Aber": Wenn man eben in einer Gegend absolut neu ist oder eine Alternativroute sucht, vielleicht noch kombiniert mit einem engen Zeitkorsett (heutzutage ja eher die Regel), dann kann eben ein Navi sehr hilfreich sein.

    3 Leserempfehlungen
  7. Im Grunde ist es doch wie bei jeder Technologie: auf der einen Seite eröffnen sich neue Möglichkeiten, werden Zeit und Kosten gespart. Auf der anderen Seite werden Kompetenzen und Fähigkeiten nicht mehr abgerufen. Zu meiner Person ist diesbezüglich zu sagen, dass ich keine Großwildfallen bauen kann, ich kann kein Mammut zubereiten und mit Pfeil und Bogen kann ich nur begrenzt umgehen (nur die mit Saugnäpfen). Landwirtschaftliche Fähigkeiten habe ich auch kaum. Meine sehr gut ausgeprägte Fähigkeit zum Kartenlesen und meinen guten Orientierungssinn habe ich mir allerdings erhalten, setze sie aber nun ausschließlich zu Fuß sein. Beim Autofahren geht es in erster Linie um die unfallfreie Beförderung. Dafür leisten Navigationssysteme imho einen wichtigen Beitrag. Autofahrer sollen sich aufs Fahren konzentrieren und bei ihrer Orientierung optimal unterstützt werden.

    Eine Leserempfehlung
    • Mollemo
    • 05. Oktober 2012 11:04 Uhr

    "Es ließe ihnen keine Möglichkeit, sich konzentriert mit einzelnen Themen zu befassen."

    Das ist leicht dahingesagt und, so gesehen, nicht richtig. Nirgendwo sonst finde Ich mehr Material (ob Text, Film oder oder oder) zu einem bestimmten Thema als im World Wide Web.

    Wer sich bilden möchte, ist im Internet im Schlaraffenland.
    Allerdings ist man mehr oder minder auf sich alleine gestellt, muss selbst fähig sein zu filtern. Der Anwender verblödet sich selber (trifft auf vieles zu, TV etc.) und
    das Internet trifft da keine Schuld.

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Reise | Bahn | Bildung | Demenz | Frank Schirrmacher | Gedächtnistraining
Service