Streitwoche : Ist das Netz ein Streitbeschleuniger?

Streiten per Facebook, E-Mail oder SMS folgt eigenen Regeln: Antworten kommen zeitversetzt, Mimik und Stimme fehlen. Wie verändert das den Streit? Diskutieren Sie mit!

Vor der Erfindung des Telefons, der SMS und der E-Mail mussten alle viel Geduld haben, die sich streiten wollten, aber fern voneinander wohnten. Der Streiter schrieb einen Brief, der konnte einige Tage unterwegs sein. Bis dann die Antwort da war, dauerte es noch einmal so lange. Genug Zeit, um sich abzuregen. Das ist vorbei. Doch wie verändern digitale Kommunikationsformen eigentlich Streiten?

Häufig wird die Diskussion dieser Frage auf öffentliche Foren reduziert. Zum digitalen Streiten gehören aber mehr Teilnehmer als nur Trolle: Arbeitskollegen, die sich per E-Mail miteinander anlegen; Schulfreunde, die sich in Facebook-Gruppen in die Haare kriegen; Beziehungspartner, die vorwurfsvolle SMS austauschen.

Wird ein Streit konstruktiver, wenn er per E-Mail, SMS oder Facebook-Nachricht stattfindet? Dafür spricht, dass die Streitenden kurz innehalten können, bevor sie ihre Antwort tippen und auf Enter drücken, statt ihre Wut gleich herauszubrüllen. Apropos brüllen: Wie stimmgewaltig jemand ist, spielt keine Rolle, nur das geschriebene Wort zählt. Und wer möchte, kann sich für einige Zeit oder auch für immer aus dem Konflikt zurückziehen, indem er einfach nicht mehr antwortet oder den anderen blockt oder entfolgt.

Oder verschärfen digitale Kommunikationsformen vielmehr den Streit? Weil jede Aussage dokumentiert wird, kann ein Konflikt immer wieder hochkochen. Jeder unüberlegte Wutausbruch kann später hervorgeholt werden. Missverständnisse sind wahrscheinlicher, wenn nur ein Text eine Meinung übermitteln soll. Mimik und Stimme fehlen. Ein persönlicher Streit kann im Netz schnell außer Kontrolle geraten, zum Beispiel wenn Leute auf Twitter öffentlich diskutieren und sich andere in den Konflikt einmischen. Und ganz so leicht lässt sich einen digitaler Streit auch wieder nicht ignorieren: SMS, E-Mails und Facebook-Nachrichten werden weitergeschrieben, auch wenn eine Seite nicht mehr antwortet.

Was meinen Sie? Streiten wir konstruktiver, wenn wir unsere Botschaften per Handy und Computer übermitteln? Oder macht das alles nur schlimmer? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Hängt davon ab wo man im Internet streitet...

...in vielen Foren ersetzen Kraftausdrücke und das lächerlich machen der anderen Person Agumente.
Die Anonymität des Internets scheint für viele eine Einladung zu sein die Sau rauszulassen.

Sich mit einem Arbeitskollegen per E-Mail anzulegen halte ich für eine riesige Dummheit weil es dann dafür jede Menge Beweismaterial gibt.
Eine E-Streit-Diskussion die mit Argumenten gefüllt ist lese ich andereseits immmer wieder gerne, weil gute Ideen erhalten bleiben und auch nach ein paar Wochen oder gar Monaten wieder ausgegraben werden kann.

Ich hab mich per E-Mail-Streit mit einer Freundin zerstritten

Dabei kann ich sagen, dass wir uns wahrscheinlich von Angesicht zu Angesicht oder per Telefon nie so gestritten hätten. Wir hätten uns einfach nicht getraut und die Sache totgeschwiegen. Das haben wir sowieso eine Weile lang getan, aber gut für die Beziehung war es auch nicht. Das steht halt die ganze Zeit zwischen einem. Per E-Mail haben wir uns dann alle unangenehmen Wahrheiten gesagt und die Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten des anderen war dabei etwas runtergeschraubt. Tatsächlich war es so, dass ich jedes Mal Zeit hatte, mich zu beruhigen, und das auch genutzt habe, um nicht unfair zu werden. So ist trotz größerer "Rücksichtslosigkeit" (weiß nicht, wie ich es nennen soll, vielleicht auch fehlende falsche Rücksichtnahme) eine sachlichere Debatte als von Angesicht zu Angesicht entstanden. Ein weiterer Vorteil dieser Kommunikationsform ist, das man alles nachlesen kann. Man kann genau sehen, wie man selbst vorher seine Gedanken formuliert hat, und was der andere darauf geantwortet hat. Da braucht man nicht noch darüber streiten, wer was wie gesagt hat - vorausgesetzt man macht sich die Mühe nachzugucken. Ich musste feststellen, dass meine Erinnerung da oft getrügt hat. Diese Möglichkeit macht dann auch einfach mehr Ehrlichkeit notwendig. Am Ende haben wir uns trotzdem zerstritten. Ich glaub, wir waren einfach zu verschieden geworden. Vielleicht war es ja auch besser so, als eine "Freundschaft", in der x Themen vermieden werden müssen, damit kein Streit entsteht.

Die Stimmlage fehlt

Was ich noch für Erfahrungen gemacht habe, ist dass man ohne die Stimmlage des anderen zu hören, alles ziemlich falsch interpretieren kann. Wenn man selbst wütend ist und nicht hört, dass der andere ruhig ist und auf einen zugehen will, dann liest man das alles in der eigenen wütenden Tonlage und nimmt es ganz falsch auf. Andersrum geht es bestimmt auch, aber wenn es sorum läuft, wird es dadurch ziemlich viel schwerer, eine vernünftige Debatte zu führen.

Das Digitale ist nicht zum Streiten gemacht

Ich denke, dass das Digitale nicht zum Streiten gemacht ist. Es ist doch schon merkwürdig, dass unsere Kommunikationsmittel immer digitaler werden und plötzlich die Streitkultur gefordert wird. Da kann doch ein Zusammenhang sein.
Zum Streiten gehört aber einiges dazu, was den Face-to-Face-Streit sehr wichtig macht. Denn im Gespräch nehmen wir bestimmte Positionen ein. Wir haben Mimik, Gestik, der Klang unserer Stimme verändert sich etc. all das sind Elemente der Kommunikation, die für uns und dem Gegenüber so wichtig sind, damit wir die Situation richtig deuten können. Dies wird das Digitale nie bieten können.
Die Beschränkung auf reinen Text wie bei e-mail, SMS etc. birgt die Verständnis-Unterschiedlichkeit vom Sender und Empfänger. Viele Missverständnisse führen dazu, dass der Streit unnötig in die Länge geht und zu anstrengend wird. Und auch die Zeit des Überlegens birgt das Problem, dass Texte bewusst uneindeutig geschrieben werden, und auch manipulative Züge haben, deren Deutung ist ebenso zusätzlich überanstrengend.
Und man sieht, wie die digitale Welt nur noch von Scheinheiligkeit und Anonymität überzogen ist.
Wir müssen lernen, dass gerade Face-to-Face-Kommunikation und damit auch der Face-to-Face-Streit enorm wichtig und produktiver ist, weil dort Inhalte geliefert werden, die für uns Menschen so wichtig sind, um das Gegenüber am besten zu verstehen. Und ein wichtiger Punkt hat das Face-to-Face auch, nämlich unmittelbare Nähe.