Raphael Pirker auf der LeWeb in Paris - rechts oben fliegt sein Quadrocopter. © Eric Piermont/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie sind Modellflugpilot, doch steuern Sie ihre Modelle nicht, indem Sie sie mit bloßem Auge am Himmel verfolgen. Stattdessen haben Sie eine Videobrille auf, die ein Live-Bild aus dem Fluggerät zeigt. FPV-Fliegen, first person view , heißt das im Jargon. Andere sagen: Sie steuern eine Drohne.

Raphael Pirker: Der Begriff Drohne ist eigentlich falsch. Er suggeriert, dass sich das Gerät selber steuert, was nicht der Fall ist. Das wollen wir auch gar nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist der Kick daran, mit einer Videobrille auf dem Kopf in der Gegend herumzustehen und ein Flugzeug zu steuern?

Pirker: Das Besondere daran ist, dass man etwas macht, was noch niemand zuvor gemacht hat. Was noch niemand vor einem gesehen hat. Der Mensch war auf dem Mond, hat Roboter zum Mars geschickt, da bleibt nicht mehr viel übrig zum Entdecken, vor allem nicht mit einem Hobby-Budget.

ZEIT ONLINE: Was kostet die Ausrüstung? Und wie weit kommt man damit?

Pirker: Für einen Quadrocopter muss man insgesamt mit 1.000 Euro rechnen, damit kann man vier Kilometer weit fliegen. Ein Flugzeug ist etwas anspruchsvoller. Das kostet rund 2.000 Euro, reicht dafür aber 20 Kilometer weit.

ZEIT ONLINE: Ihre Videos mit spektakulären Flügen am Matterhorn , in New York , Istanbul oder London sind millionenfach abgerufen worden. Was fasziniert die Leute daran?

Pirker: Ich denke, dasselbe, das auch uns fasziniert. Aus dieser Perspektive war so etwas noch nie zu sehen. Wir sind durch die Kronenzacken der Freiheitsstatue geflogen. Niemand hielt so etwas für machbar, nicht in dieser Stadt, die sich seit dem 11. September so abgeriegelt hat. New Yorker haben uns danach gedankt: Ich spüre New York wieder, ihr habt unsere Stadt aus der Umklammerung befreit.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen Öffentlichkeit? Geht es Ihnen ums Fliegen oder darum, verrückte Videos online zu stellen?

Pirker: Inzwischen geht es fast mehr ums Veröffentlichen. Wir haben eine riesige Fangemeinde, die mit neuen Videos unterhalten werden will. Wenn wir irgendwo hinfahren, um zu fliegen, dann ist das künftige Video davon immer schon Teil der Planung. Aber das hat sich erst durch die zunehmende Popularität so entwickelt.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen heimlichen Wettbewerb um das spektakulärste Video mit anderen FPV-Fliegern?

Pirker: Nein, das machen wir bewusst nicht.

ZEIT ONLINE: Für die einen ist FPV ein Kick, die anderen halten es für gemeingefährlich. Warum polarisiert FPV so? Auch unter Modellfliegern sind Sie ja ziemlich umstritten, oder?

Pirker: Es ist eine neue Technologie, und sie stellt im Grunde all die alten Regeln infrage: dass man nicht über Menschen hinwegfliegen soll, dass man nicht außerhalb der Sichtweite fliegen darf. Diese Regeln machen keinen Sinn mehr, denn die Technik hat sich weiterentwickelt. Und sie ist heute zuverlässig genug für solche Sachen.

 "Was die Privatsphäre angeht, braucht man keine neuen Gesetze"

ZEIT ONLINE: Sie machen das nicht allein, Team Black Sheep nennen Sie sich und Ihre Mitstreiter. Sind Sie schwarze Schafe?

Pirker: Ja, der Name ist bewusst gewählt. Wir brechen Tabus. Wir stellen Regeln infrage. Wir machen das, wovon andere Leute sagen: "Das darf man doch nicht!"

ZEIT ONLINE: Weil es illegal ist?

Pirker: Nein, weil es gegen Konventionen verstößt. Weil es ja gefährlich sein könnte. Weil Leute auf FPV aufmerksam werden könnten, die darauf nicht aufmerksam werden sollten. Eher aus diesen Gründen.

ZEIT ONLINE: Kam schon mal die Polizei während einer Ihrer Flüge?

Pirker: Schon mehrmals. Aber meistens waren sie einfach neugierig. Wollten alles wissen, wollten in die Videobrille schauen, wollten es für ihre Polizeistation haben… Hin und wieder mussten wir mit aufs Revier und Strafen bezahlen. In Giglio läuft ein Verfahren gegen uns, weil wir über der Costa Concordia geflogen sind. Der Vorwurf: Wir hätten gegen die dortigen Einschränkungen der Pressefreiheit verstoßen.

ZEIT ONLINE: Wird das, was Sie tun, und was andere inzwischen tun, dazu führen, dass alte – wie Sie sagen, unsinnige – Regeln abgeschafft werden? Oder werden die Gesetze nicht eher verschärft werden? Argumentiert wird ja oft mit der Privatsphäre: FPV-Flieger könnten in fremde Schlafzimmer schauen.

Pirker: Was die Privatsphäre angeht, braucht man keine neuen Gesetze. Es gibt sie schon. Wer heute via FPV eine fremde Wohnung filmt, verstößt gegen Gesetze. Um solche Dinge geht es uns auch gar nicht. Uns geht es darum, dass die Regeln für die Modellfliegerei der Realität angepasst werden. Da gibt es Ansätze zu einer Reform, aber das reicht nicht.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie, wie wird der Gesetzgeber reagieren?

Pirker: Entweder FPV-Fliegen wird irgendwann einmal nur noch auf Lizenzbasis erlaubt sein. Man muss also einen Führerschein oder so etwas machen. Oder es kommt zu einer Art Prohibition, an die sich aber niemand hält. Es gibt nur diese zwei Szenarien. Effektiv verbieten wird man FPV nicht mehr können. Dafür sind schon zu viele mit diesen Dingern unterwegs.

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ZEIT ONLINE: Und in fünf Jahren fliegt dann jedes Kind damit durch die Gegend? Oder bleibt es eine Sache für Freaks?

Pirker: Das, was wir machen, also viele Kilometer weit weg fliegen, das wird immer komplex und teuer bleiben. Und damit nicht massentauglich sein.

ZEIT ONLINE: Aber es könnten sich etliche neue Berufe daraus entwickeln. Filmaufnahmen, Unterstützung bei Rettungsarbeiten. Was ist noch denkbar?

Pirker: Man kann Strommasten inspizieren, man kann Dinge transportieren, Seile und Kabel spannen. Es gibt unendliche viele Einsatzmöglichkeiten.