Modellflug"Wir brechen Tabus. Wir stellen Regeln infrage"

Mitten durch die Stadt: Modellflieger werden heute via Videobrille gesteuert, kilometerweit. Das schürt Ängste. Drohnenpilot Raphael Pirker über sein umstrittenes Hobby. von 

Raphael Pirker auf der LeWeb in Paris - rechts oben fliegt sein Quadrocopter.

Raphael Pirker auf der LeWeb in Paris - rechts oben fliegt sein Quadrocopter.  |  © Eric Piermont/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie sind Modellflugpilot, doch steuern Sie ihre Modelle nicht, indem Sie sie mit bloßem Auge am Himmel verfolgen. Stattdessen haben Sie eine Videobrille auf, die ein Live-Bild aus dem Fluggerät zeigt. FPV-Fliegen, first person view , heißt das im Jargon. Andere sagen: Sie steuern eine Drohne.

Raphael Pirker: Der Begriff Drohne ist eigentlich falsch. Er suggeriert, dass sich das Gerät selber steuert, was nicht der Fall ist. Das wollen wir auch gar nicht.

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ZEIT ONLINE: Was ist der Kick daran, mit einer Videobrille auf dem Kopf in der Gegend herumzustehen und ein Flugzeug zu steuern?

Pirker: Das Besondere daran ist, dass man etwas macht, was noch niemand zuvor gemacht hat. Was noch niemand vor einem gesehen hat. Der Mensch war auf dem Mond, hat Roboter zum Mars geschickt, da bleibt nicht mehr viel übrig zum Entdecken, vor allem nicht mit einem Hobby-Budget.

Raphael Pirker
Raphael Pirker

ist Gründer des Team BlackSheep, das durch spektakuläre Flugvideos auf sich aufmerksam macht. Im Internet tritt der 27-jährige Schweizer unter dem Pseudonym Trappy auf.

ZEIT ONLINE: Was kostet die Ausrüstung? Und wie weit kommt man damit?

Pirker: Für einen Quadrocopter muss man insgesamt mit 1.000 Euro rechnen, damit kann man vier Kilometer weit fliegen. Ein Flugzeug ist etwas anspruchsvoller. Das kostet rund 2.000 Euro, reicht dafür aber 20 Kilometer weit.

ZEIT ONLINE: Ihre Videos mit spektakulären Flügen am Matterhorn , in New York , Istanbul oder London sind millionenfach abgerufen worden. Was fasziniert die Leute daran?

Pirker: Ich denke, dasselbe, das auch uns fasziniert. Aus dieser Perspektive war so etwas noch nie zu sehen. Wir sind durch die Kronenzacken der Freiheitsstatue geflogen. Niemand hielt so etwas für machbar, nicht in dieser Stadt, die sich seit dem 11. September so abgeriegelt hat. New Yorker haben uns danach gedankt: Ich spüre New York wieder, ihr habt unsere Stadt aus der Umklammerung befreit.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen Öffentlichkeit? Geht es Ihnen ums Fliegen oder darum, verrückte Videos online zu stellen?

Pirker: Inzwischen geht es fast mehr ums Veröffentlichen. Wir haben eine riesige Fangemeinde, die mit neuen Videos unterhalten werden will. Wenn wir irgendwo hinfahren, um zu fliegen, dann ist das künftige Video davon immer schon Teil der Planung. Aber das hat sich erst durch die zunehmende Popularität so entwickelt.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen heimlichen Wettbewerb um das spektakulärste Video mit anderen FPV-Fliegern?

Pirker: Nein, das machen wir bewusst nicht.

ZEIT ONLINE: Für die einen ist FPV ein Kick, die anderen halten es für gemeingefährlich. Warum polarisiert FPV so? Auch unter Modellfliegern sind Sie ja ziemlich umstritten, oder?

Pirker: Es ist eine neue Technologie, und sie stellt im Grunde all die alten Regeln infrage: dass man nicht über Menschen hinwegfliegen soll, dass man nicht außerhalb der Sichtweite fliegen darf. Diese Regeln machen keinen Sinn mehr, denn die Technik hat sich weiterentwickelt. Und sie ist heute zuverlässig genug für solche Sachen.

Leserkommentare
    • GDH
    • 10. Dezember 2012 17:03 Uhr

    Ich gebe Ihnen sofort Recht, dass man sowas in Städten wegen der Unfallgefahr eher nicht machen sollte. Ungefähr genausowenig wie man in der Nähe vielbefahrener Straßen Ballspielen sollte.

    Das Störsender-Argumente sehe ich weniger ein. Im Gegenteil sollte man einfach keine Störsender in der Stadt einsetzen (das Spektrum ist durch legitime Sender schon verdreckt genug).

    Das Terror-Argument halte ich auch nicht für stichhaltig. Schließlich haben LKW viel größeres Zerstörungspotenzial und sind auch nicht aus Städten zu verbannen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dtwardy
    • 10. Dezember 2012 18:08 Uhr

    Was meinen sie, warum fast alle sensiblen Einrichtungen mit massiven Absperrpfosten gesichert sind? Damit eben kein LKW oder PKW einfach so ins Gebäude fahren kann, um dort ggf auch noch einen Sprengsatz zu zünden (was durchaus schon passierte, wenn auch zum Glück noch nicht in Deutschland). Genauso sind Störsender durchaus nicht verwunderlich, ich gehe auch davon aus, dass vor Ort auch Handystörsender installiert sind, die bei Bedarf aktiviert werden können, um so per Mobiltelefon gezündete Sprengsätze zu blockieren. Aber nun gut, wir weichen vom Thema ab.

    Fakt ist ganz einfach, dass solche dummen Aktionen niemandem helfen. Mehr noch, hier wird wohl eher Unfug betrieben, was zu strengeren Auflagen führen wird und früher oder später wird durch Unachtsamkeit oder technisches Versagen ein Mensch zu Schaden kommen. Das kann es doch nicht wert sein!

  1. 10. timing

    wow ist die "zeit" schnell. diese flieger geschichte ist schon JAHRE alt und ein alter hut. aber so ist er. der qualitätsjournalismus.

    • dtwardy
    • 10. Dezember 2012 18:08 Uhr

    Was meinen sie, warum fast alle sensiblen Einrichtungen mit massiven Absperrpfosten gesichert sind? Damit eben kein LKW oder PKW einfach so ins Gebäude fahren kann, um dort ggf auch noch einen Sprengsatz zu zünden (was durchaus schon passierte, wenn auch zum Glück noch nicht in Deutschland). Genauso sind Störsender durchaus nicht verwunderlich, ich gehe auch davon aus, dass vor Ort auch Handystörsender installiert sind, die bei Bedarf aktiviert werden können, um so per Mobiltelefon gezündete Sprengsätze zu blockieren. Aber nun gut, wir weichen vom Thema ab.

    Fakt ist ganz einfach, dass solche dummen Aktionen niemandem helfen. Mehr noch, hier wird wohl eher Unfug betrieben, was zu strengeren Auflagen führen wird und früher oder später wird durch Unachtsamkeit oder technisches Versagen ein Mensch zu Schaden kommen. Das kann es doch nicht wert sein!

    Antwort auf "Nicht übertreiben!"
    • corax62
    • 10. Dezember 2012 18:43 Uhr

    "Wir brechen Tabus. Wir stellen Regeln infrage"
    Solche Leute hatten wir auch an unserm Lieblingsberg in Franken.
    Denen haben wirs zu verdanken das heute niemand mehr dort Modellfliegen darf.
    Auch wenn die Fluggeräte klein sind. Sicherheit geht über alles.

  2. Sieht aus es gibt wieder ein neues Anwendungsgebiet für lange verpönten Luftdruckgewehre, wenn der Drohnenquatsch Mode wird.

    Die Geeks müssen nicht glauben, dass sie nach Herzenslust Regel biegen und brechen und andere nicht. Man wird sehen.

  3. ...das wird bald vollständig verboten sein. Ihr glaubt doch nicht wirklich, das der Staat das Vorrecht der vollständigen Kontrolle abgibt und sich der Gefahr der Aufklärung derselbigen und anderer unschöner Wahrheiten durch den Pöbel hingibt.

  4. "Wir brechen Tabus. Wir stellen Regeln infrage"
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    Ich sollte mein Luftgewehr mal wieder entstauben ...ist doch ein viel schöneres Hobby. Tabus brechen kann ich nämlich auch.

  5. Es gibt keinen Grund für übertriebene Hysterie.

    Modellflug ist ein kostspieliges Hobby, welches sich ohnehin nicht jeder leisten kann und von den wenigen Piloten, die es bisher gibt, sind die meisten davon technisch versierte und erfahrene Modellflugpiloten. Schaut man sich dagegen die Statistik der monatlichen Verkehrstoten alleine in Deutschland an:

    „Die Statistik zeigt die Anzahl der monatlich bei Straßenverkehrsunfällen Getöteten in Deutschland im Zeitraum von Dezember 2011 bis Dezember 2012. Im Dezember 2012 wurden in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 248 Verkehrstote gezählt.“ (Quelle: Statistisches Bundesamt)

    Es gibt bisher keine nennenswerten Fälle, bei dem je ein Lebewesen durch Modellflug geschädigt worden ist und schon gar nicht getötet.

    Jeder Modellflugpilot sollte dennoch Gewissenhaft mit Rücksicht und Sorgfalt, sowie mit Bedacht seinen Flugsport betreiben und gut überlegen wo und ob ein Flug wirklich notwendig ist, Sinn macht und niemanden unnötig gefährdet.

    Mein persönliches Fazit: Überall wo Technik eingesetzt wird, lauern natürlich auch Gefahren z.B. durch technisches oder menschliches Versagen. Deshalb sollte man aber nicht gleich jede Neuerung oder jeden Fortschritt angreifen und in die Verdammung reden ohne darüber nachzudenken.

    Einfach mal den Ball flach halten.

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