Nicht mehr ins Handy brüllen und kein nerviges Headset mehr tragen, einfach leise lossprechen und selbst im Fußballstadion verstanden werden – das ist die Vision, die Motorola mit einem nun publik gewordenen Patentantrag offenbar verfolgt.

Der Konzern hatte den Antrag bereits im Mai 2012 eingereicht, aber erst vergangene Woche hat die US-Patentbehörde ihn veröffentlicht. In dem Papier geht es um ein "elektronisches Tattoo", mit dem der Nutzer Mikrofon, Batterie, Chip und Sender auf den Hals gesetzt bekommt. Allerdings scheint es sich eher um eine Art Klebetattoo zu handeln, und keines, das unter die Haut gestochen wird. Forscher sind sich zudem uneins, was der beschriebene Halschip wirklich alles kann.

Glaubt man den Optimisten unter ihnen, so handelt es sich um eine vollwertige Freisprecheinrichtung: Wird der Nutzer angerufen, braucht er nicht mehr Handy oder Headset zu bemühen. Mit einem Codewort nimmt er den Anruf entgegen und kann einfach lossprechen. Das elektronische Tattoo greift direkt den Schall vom Kehlkopf ab und wandelt ihn in ein elektronisches Signal um. Anschließend schickt der integrierte Sender das Signal per Bluetooth oder Infrarot an das Handy in der Tasche.

"Es erinnert mich an die alten Kehlkopfmikrofone, die man sich um den Hals schnallt", sagt Bruce Denby von der Universität Pierre und Marie Curié in Paris. "Neu ist aber, dass man anscheinend mit leitfähiger Tinte und Nano-Technologie das Ganze zu einem Tattoo machen kann."

Seine Kollegin Tanja Schultz vom Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist dagegen vorsichtiger, wenn sie den Antrag interpretiert. Grund dafür ist der Zusatz auxiliary, also "unterstützend", der im Patentantrag steht.

"So wie ich das Papier lese, kann es nicht vollwertig das Mikrofon in einem Handy oder in einem Headset ersetzen," sagt Schultz. Das Tattoo könne aber feststellen, ob ein Geräusch aus der Umgebung kommt, oder der Nutzer gerade selbst spricht. "Das System kann zum Beispiel eine SMS an Anrufer verschicken und sagen, dass der Nutzer nicht zu sprechen ist, weil er gerade mit jemandem im Gespräch ist."

Telefonieren in besonderen lauten Umgebungen wie etwa bei Sportveranstaltungen oder auch in Kriseneinsätzen ist übrigens eine ebenso große Herausforderung wie das Telefonieren in leisen Umgebungen, etwa in einer Bibliothek.

Deshalb erforscht die Gruppe von Tanja Schultz am KIT bereits seit 2004, inwiefern sich über die Mimik ein lautloses Telefonat führen lässt. Dabei erfassen Sensoren auf der Haut die Bewegungen des Mundes und lesen so die Laute aus, die der Sprecher formen will.

Kleiner Nachteil: Noch sieht bei der Karlsruher Variante der Sprecher aus wie ein Wels, der mit seinen Bartfäden an einen Rechner gebunden ist. Das ist bei dem Freisprech-Tattoo und seiner Wireless-Technik nicht der Fall.