Das letzte Mal als mir die Tür zugefallen ist, hat mich das – im Amtsdeutsch gesprochen – einen "unteren dreistelligen Betrag" gekostet. Als ich diese Geschichte Schließernase, einem freundlich dreinschauenden Glatzkopf, erzähle, muss er lachen. "Eine zugefallene Tür ist eine offene Tür", sagt er. Willkommen bei den Sportfreunden der Sperrtechnik.

Auf dem diesjährigen Chaos Communication Congress (31C3) haben Schließernase und die Sportfreunde eine eigene Zone. Sie nehmen seit mehr als 15 Jahren an dem Kongress teil. Mehr als 100 Leute sitzen in diesem Jahr fast rund um die Uhr an den runden Tischen. Vor ihnen jeweils ein Schloss zum Öffnen und entsprechendes Besteck, das mal zum Augenbrauenzupfen, mal zur Wurzelbehandlung geeignet scheint.

Ich sage, dass ich Schlösser und zugefallene Türen knacken möchte. Schließernase fällt mir ins Wort: "Es heißt Schlösser öffnen. Beim Knacken macht man Dinge kaputt, wir öffnen nur." Die Sportfreunde sind aus den gleichen Gründen hier wie die Hacker: Sie wollen den Leuten zeigen, wie einfach als sicher angepriesene Technik teilweise zu hacken ist. Sie wollen die Leute aufklären und nicht gefährden. So steht es sogar in der Sportordnung. Nach der kurzen Einführung beginnt die Übung. War ich davon überzeugt, ich würde den letzten Abend auf dem Kongress damit entspannt ausklingen lassen – war ich im Irrtum:

0:30 Uhr: Ich bekomme Manfred, den Vereinsvorsitzenden, mehrfachen Deutschen Meister im Schlösseröffnen, zur Seite gestellt. Manfred erklärt mir, dass in einem Schlosszylinder Stifte den Schlitz blockieren. Will ich das Schloss öffnen, muss ich jeden einzelnen der Stifte in die richtige Position bringen. Dafür brauche ich einen Spanner und eine Schlange. Beides Werkzeuge.

Der Spanner, ein länglicher Drahtstift mit Haken am Ende, wird am Eingang des Schlosszylinders angesetzt. Dann dreht man ihn im Uhrzeigersinn, bis er durch seine eigene Breite vom Schloss blockiert wird. Mit der Schlange soll ich dann durch den Schlossschlitz fahren und die Stifte durch diese Bewegung runterdrücken. Die runtergedrückten Stifte bleiben deshalb unten, weil durch den Spanner Druck auf dem Zylinder liegt. Ich lege los.

0:42 Uhr: Nichts ist passiert. Mein erstes Schloss heißt Basi. Es ist ein Vorhängeschloss in traditioneller Messingoptik. Jeder Student sperrt damit seinen Spind ab. Auf dem Messingkörper hält ein Elefant einen Schlüssel im Rüssel. Wie niedlich, das wird ja wohl noch zu schaffen sein. An meinem Tisch sitzen noch sieben weitere Sportfreunde. Sie sind alle beschäftigt. Ihre Selbstvergessenheit erinnert ein bisschen an eine Häkelgruppe.

1:01 Uhr: Es ist nicht zu schaffen. Das Spannen klappt schon gut, aber ich spüre überhaupt keine Stifte. "Du musst die Schlange wie in einem Fluss locker durch den Zylinder führen", rät Manfred. Gut, ab jetzt bin ich angestrengt locker.