HTML-Erfinder Tim Berners-Lee (Archivbild) © Peter Macdiarmid/Getty Images

Der Begründer des World Wide Web Tim Berners-Lee sieht in dem in Europa verstärkt durchgesetzten "Recht auf Vergessenwerden" im Internet eine Gefahr. "Das Recht auf Zugang zur Geschichte ist auch wichtig", sagte Berners-Lee auf der Internet-Konferenz "LeWeb" in Paris. Zwar sei es richtig, den Zugang zu Informationen zu verhindern, wenn sie unwahr seien. "Aber wenn etwas wahr ist, sind die Redefreiheit und das Recht auf Zugang zu Informationen wichtig." 

Zugleich müsse die Gesellschaft aber auch dafür sorgen, dass Menschen aufgrund von Informationen aus ihrer Vergangenheit nicht diskriminiert werden, sagte Berners-Lee. So dürfte etwa eine zurückliegende Verurteilung nicht mehr länger Entscheidungen eines Arbeitgebers oder einer Versicherung beeinflussen. Eine solche Regelung sei "viel besser, als so zu tun, als ob etwas nie passiert wäre".

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte im Mai EU-Bürgern das Recht gegeben, bei Suchmaschinen wie Google das Entfernen von Links zu unangenehmen Dingen aus ihrer Vergangenheit durchzusetzen. Dabei müssen die Informationen nicht falsch sein. Die Inhalte müssen auch nicht gelöscht werden, sondern sollen nur aus den Suchergebnissen verschwinden. Europäische Datenschützer fordern eine Umsetzung sogar auch auf Google-Seiten außerhalb Europas. Bis Mitte Oktober wurde die Löschung von rund einer halben Million Links beantragt.

Aufruf zum Kampf um die Netzneutralität

Berners-Lee nutzte die Bühne in Paris auch, um die IT-Experten zum Kampf für die sogenannte Netzneutralität aufzurufen. Das Prinzip besagt, dass alle Daten im Netz gleich behandelt werden müssen. Aktivisten befürchten nach aktuellen Plänen aus der Politik, dass es durch bezahlte Überholspuren ausgehöhlt und dadurch beispielsweise kleinere Onlineunternehmen benachteiligt werden könnten.

"Widmen Sie fünf Prozent Ihrer Zeit der politischen Lage, treten Sie bewusst dieser Schlacht bei", sagte Berners-Lee mit Blick auf die Netzneutralität. Die Lobby gegen ein offenes Netz sei stark. Den meisten Web-Nutzern sei nicht bewusst, wie sehr alltägliche Dinge wie das Streaming von Video oder Musik gefährdet wären, wenn der offene und gleiche Zugang zum Internet verloren ginge.

Der 59-jährige Berners-Lee hat mit der Erfindung der Auszeichnungssprache HTML die Grundlagen für das World Wide Web gelegt. Ziel der Entwicklung war es laut dem Physiker und Informatiker ursprünglich, interne Kommunikationsprobleme zwischen verschiedenen Bereichen am Forschungszentrum Cern in der Schweiz zu lösen. Daraus entwickelte sich einer der entscheidenden Bausteine des Internets.