Die Medien als Lügenpresse zu bezeichnen, ist mittlerweile eine vorhersehbare Regung rechtspopulistischer und nationalistischer Gruppen geworden. Informationen beziehen sie stattdessen oft von zweifelhaften Blogs, ein etabliertes Medium bildet ihre Positionen bisher nicht ab. In genau diese Lücke könnte bald das Nachrichtenportal Breitbart News aus den USA stoßen. "Wir prüfen gerade viele Standorte in Europa", sagte der Breitbart-Chefredakteur Alexander Marlow zur US-Nachrichtenseite Politico. Besonders für Belgien, Frankreich und Deutschland interessiert sich das rechte Portal.

Breitbart ist die Heimat für jene antiliberale Strömung, die sich gegen das Establishment, gegen Minderheiten, Zuwanderung und Emanzipation wendet. Ein Autor, der einen Artikel namens "Verhütungsmittel machen Frauen unattraktiv und verrückt" schrieb, wurde von Twitter gelöscht, nachdem er eine Schauspielerin rassistisch und sexistisch beleidigt hatte. Eine "Huffington Post der Rechten" sollte die Seite werden, sagte ihr Ex-Chef Stephen Bannon. Damit hat Breitbart Erfolg. Die Medienanalyse-Firma NewsWhip bescheinigte dem rechten Portal zwei Millionen mehr Interaktionen über Facebook und Twitter als der Huffington Post. Nach eigenen Angaben hatte Breitbart im vergangenen Monat 31 Millionen Seitenbesucher.

In jüngster Zeit mischte sich Breitbart verstärkt in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ein, unter anderem mit wiederholten Angriffen auf Hillary Clinton. Breitbart produzierte auch einen Film mit Namen Clinton Cash, der angeblich schmutzige Geschäfte Clintons aufdecken soll. In einer TV-Rede warnte die demokratische Präsidentschaftskandidatin vor einer "de facto Verschmelzung" von Breitbarts Kampagnen und ihrem republikanischen Konkurrenten Donald Trump.  

Vor zwei Wochen machte schließlich Trump den damaligen Chef der Breitbart-Website, Stephen Bannon, zum Vorsitzenden des republikanischen Wahlkampfteams. Der selbsterklärte Clinton-Hasser Bannon hat Breitbart groß gemacht, Bloomberg schrieb über ihn: "Dieser Mann ist der gefährlichste politische Akteur in Amerika."  

Frankreich als idealer Markt

So will Breitbart auch bis nach der US-Präsidentschaftswahl warten, bis es seine Europapläne in die Tat umsetzt. Wachsende Spannungen um das Thema Flüchtlinge und Einwanderung, wachsende Unterstützung für nationalistische und rechtspopulistische Parteien in vielen europäischen Ländern lassen die Macher der Seite hier auf eine neue Leserschaft hoffen.

Ein Standort in Brüssel sei eine Option, sagte Breitbart-Chef Marlow zu Politico. Aber besonders Frankreich hat es dem rechten Nachrichtenportal angetan. Die Prominenz rechter Politiker wie der Front-National-Chefin Marine Le Pen, die Angst vor Terrorismus und wachsende Ablehnung des Islam – "für uns ergibt es sehr viel Sinn, dorthin zu gehen", sagte Marlow. In einem Porträt nannte Breitbart Marine Le Pen bereits "Europas neuer Rockstar der Rechten".

So könnte sich Breitbart bereits in die im Mai 2017 anstehenden Wahlen einmischen. "Angesichts des Rechtsrucks in der französischen Gesellschaft gibt es definitiv einen Markt für stärker ideologisch gefärbte Berichterstattung", sagte der französische Kommunikationswissenschaftler Arnaud Mercier zu Politico.

Aber auch Deutschland brachte Marlow als möglichen Standort ins Spiel. "Besonders weil die Flüchtlingskrise so ist, wie sie ist, könnte es für uns sinnvoll sein, dort vor Ort zu sein", sagte der Breitbart-Chef.

Bisher besitzt Breitbart bereits ein Büro in London. Marlows Ziel ist es, mit der Expansion nicht nur seine amerikanischen Leser mit Nachrichten aus Europa zu versorgen, sondern auch eine lokale Leserschaft aufzubauen. Unklar ist, auf welcher Sprache das geschehen soll. Unabhängig vom letztendlichen Standort lautet Marlows Analyse: "In ganz Europa beobachten wir zurzeit, dass Populismus und Nationalismus zurückkommen." Was vielen Politikern und Wählern in Europa Angst macht, bietet ihm eine neue Geschäftsidee.