Am frühen Nachmittag hatte Julian Assange schon mal seine Katze vor die Tür geschickt, um die Stimmung zu testen. Aus seinem Zimmer im Erdgeschoss hörte er die Kameras der Fotografen klicken. Vorsichtig spähte er durch den Vorhang: Auf der Straße gegenüber der Botschaft standen Dutzende Reporter und Kameraleute. Der Londoner Himmel war grau, das würde auf den Bildern bestimmt nicht gut aussehen. Er entschied sich, noch ein wenig zu warten und schoss zwischenzeitlich ein paar Selfies. Chelsea kam auf ihrem gestern ziemlich gut rüber, das musste er ihr schon lassen. Aber was sie konnte, konnte er schon lange.

Er zog sich ein weißes T-Shirt an, legte seinen rechten Arm hinters Ohr und lachte in die Kamera. Obwohl er das Opfer einer globalen Verschwörung war, blickte er der Zukunft fröhlich und entspannt entgegen. Das sollte die Welt wissen.

Um kurz nach halb fünf schob er den Vorhang zur Seite und öffnete die Balkontür. Er trat ins Freie, die Journalistenmenge war nun auf mehrere Hundert angewachsen. Von oben schaute er auf ihre Köpfe, Kameras und Mikrofone herab. Einige johlten, klatschten und riefen seinen Namen; einige warteten seit fünf Stunden hier. Ihre Redaktionen hatten sie ausgesandt, um herauszufinden, ob Assange nun, da die schwedische Staatsanwältin ihre Ermittlungen gegen ihn eingestellt hatte, die ecuadorianische Botschaft verlassen würde. Ob er nach fünf Jahren Hausarrest wieder die Straßen von London betreten und die Stadt verlassen würde. Stimmte es, dass die Ecuadorianer die Briten dazu überreden wollten, ihm freies Geleit bis zum Flughafen zu geben? Wollte er wirklich versuchen, in Frankreich Asyl zu bekommen? Oder war ihm ein Deal mit Trump doch lieber?

Schweigend ließ Assange seinen Blick über die Menschenmenge schweifen. Er war es gewohnt, dass alle um ihn herum wissen wollten, was er als nächstes vorhatte. Das war der Preis, den er als digitales Mastermind zu zahlen hatte. Einsamkeit, Verfolgung, Öffentlichkeit – all das waren die Dinge, die er im Namen der Transparenzrevolution seit Jahren erlitt. Er strich sich über die dunkle Lederjacke. Dann ballte er seine rechte Hand zur Faust. "Heute", sagte er langsam, "ist ein wichtiger Sieg. Ein Sieg für mich und für das UN-Menschenrechtssystem." Ein kühler Wind strich ihm um das Gesicht, doch er spürte ihn nicht. Er wandte seinen Kopf nach rechts, er wandte ihn nach links. Wieder klickten die Kameras.

In seinen langen Tagen in der Botschaft hatte er oft darüber nachgedacht: An wem würde er sich zuerst rächen? Und wie? Weil er die Welt über ihre schlimmsten Verbrechen aufgeklärt hatte, kämpften die korruptesten und mächtigsten Organisationen des Globus gegen ihn. Aber er würde sich nicht einschüchtern lassen, niemals!