Im Schulalltag spielt die Digitalisierung oft noch keine große Rolle. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zur digitalen Bildung begrüßten Lehrer und Schulleiter zwar grundsätzlich die neuen Technologien, für einen pädagogisch sinnvollen Einsatz fehlt es demnach jedoch an Konzepten, Weiterbildung und Infrastruktur. So sind etwa 70 Prozent der Schulleiter und Lehrer davon überzeugt, dass digitale Medien die Attraktivität der Schulen steigern – zugleich glaubt weniger als ein Viertel (23 Prozent) der Lehrer, dass diese dazu beitragen, die Lernergebnisse der Schüler zu verbessern.

Laut der Studie setzen überhaupt nur knapp zehn Prozent der Lehrer digitale Medien in ihrem Unterricht ein, "die kreatives, individuelles oder interaktives Lernen fördern". Die Pädagogen bemängeln in diesem Zusammenhang auch die unzureichenden technischen Rahmenbedingungen. So bemängeln drei Viertel der Lehrer (74 Prozent) unzuverlässige Medientechnik. Nur jeder Dritte ist mit der WLAN-Qualität zufrieden. Jeder Fünfte gibt an, es gebe an seiner Schule gar kein drahtloses Internet.

Damit vertreten die Lehrer die gegenteilige Meinung ihrer Schüler. So sind 80 Prozent von ihnen der Ansicht, dass sie durch Lernvideos, Internetrecherche oder moderne Präsentationsprogramme aktiver und aufmerksamer sind. Sie wünschen sich einen vielseitigeren Einsatz digitaler Medien.

"Schule nutzt das pädagogische Potenzial des digitalen Wandels noch nicht", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, die für ihre Studie rund 2.000 Schüler, Lehrer, Schulleiter sowie Experten aus Politik und Verwaltung befragt hatte. Digitale Medien könnten dabei helfen, "pädagogische Herausforderungen wie Inklusion, Ganztag oder die Förderung lernschwacher Schüler zu bewältigen". Digitalisierung dürfe den Lehrer deshalb nicht nur "als zusätzliche Belastung erscheinen, sondern sollte Teil der Lösung für ihre pädagogischen Herausforderungen sein".

Schulen nutzen ihr Potenzial noch nicht

Scharfe Kritik an der Studie äußert der Hochschulprofessor und Buchautor Gerald Lembke. Nach seiner Auffassung beleuchtet die Stiftung das Thema einseitig. "Die Haltung der Bertelsmann Stiftung zum Thema Digitales ist grundsätzlich positiv. Auch in dieser Studie finden Sie auf 60 Seiten nur die Vorteile, nicht die Nachteile des digitalen Lernens", sagt Lembke. So gebe es keine wissenschaftlichen Beweise für deren Nutzen. "Die OECD hat 2015 sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Einsatz von digitalen Hilfsmitteln kritisch zu sehen ist. Und zwar je jünger die Schüler sind, umso mehr ist davon abzuraten, wenn es um den Lernerfolg geht" , sagte Lembke.

Auch an der Interpretation der Zahlen der Studie übt der Wissenschaftler Kritik: "Für jeden Schulleiter ist eine möglichst gute digitale Ausstattung ein Werbefaktor im Kampf um neue Schüler. Eine moderne Schule lässt sich besser verkaufen." Digitale Inhalte will Lembke nicht generell verteufeln. Er rät aber zum gezielten und ausgewählten Einsatz.

Deutsche für mehr Digitalisierung

Für eine Mehrheit der Deutschen ist dies längst überfällig, sie fordern laut einer Erhebung des ifo Instituts ein stärkeres Engagement der Schulen bei der Digitalisierung. 63 Prozent sprechen sich dafür aus, einen großen Anteil der Unterrichtszeit für das selbstständige Arbeiten am Computer zu nutzen, 55 Prozent sind zudem für die Vermittlung von Digital- und Medienkompetenzen bereits ab dem Grundschulalter. Ab den weiterführenden Schulen sind rund 90 Prozent dafür. Zudem sprechen sich 80 Prozent der Befragten dafür aus, dass der Bund alle Schulen mit Breitbandinternetzugang, WLAN und Computern ausstattet. Zwei Drittel sind dafür, dass der Bund jeden Schüler an weiterführenden Schulen mit einem Laptop oder Computer ausstatten soll.