Data-Liberation Google befreit Nutzerdaten

Wer zur Konkurrenz wechseln will, kann seine Daten künftig problemlos mitnehmen. Google hilft sogar dabei. Fragt sich nur, ob mehr dahinter steckt als ein guter PR-Trick

Viele Nutzer würden unter Datenbefreiung noch weitergehende Schritte verstehen, als Google sie jetzt vorschlägt

Viele Nutzer würden unter Datenbefreiung noch weitergehende Schritte verstehen, als Google sie jetzt vorschlägt

Die Unternehmen dieser Welt haben schon viele Methoden ersonnen, um ihre Kunden am Wechsel zur Konkurrenz zu hindern: Verträge mit langer Laufzeit zum Beispiel oder zwielichtige Rabattkarten. Im Internetzeitalter macht man es dem Kunden bevorzugt durch technische Hindernisse schwer: indem der Ausstieg, wenn überhaupt, oft nur für den Verlust aller bisher erstellten Inhalte zu haben ist. Googles Kundenbindung setzt hingegen hauptsächlich darauf, das Gewohnheitstier Mensch mit gut programmierten, kostenlosen Diensten freiwillig zu versklaven. Jetzt verkündet das Unternehmen gar: Wem unsere Dienste nicht gefallen, der soll gehen. Und gerne alles mitnehmen. Wir helfen sogar dabei!

Wie kniffelig ein Datenexport werden kann, stellt man regelmäßig fest, wenn man Musik transferieren, Kalender synchronisieren, alte Worddokumente öffnen oder gar den Blog-Anbieter wechseln möchte. Das soziale Netzwerk Facebook etwa ist grad in einen Rechtsstreit mit Power verwickelt. Der Profilverwalter hilft Nutzern, ihre Profile zu verwalten und auf andere Seiten zu exportieren – was Facebook jetzt per Gericht zu verhindern sucht.

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Google hat ein eigenes Team, die Data Liberation Front, ins Leben gerufen, mit dem Ziel, für alle Dienste eine einfache Ausstiegsoption zu entwickeln. "Das soll mit einem Klick auf den Export-Button möglich sein", sagt Teamleiter Brian Fitzpatrick, den Google aus der Open-Source-Bewegung rekrutiert hat. Wer von Gmail zu einem anderen E-Mail-Dienst wechseln will, braucht dafür in Zukunft nur auf einen Knopf zu drücken, schon reist er zur Konkurrenz, mit all seinen E-Mails im Gepäck. Fitzpatricks Team twittert regelmäßig über den aktuellen Stand der Befreiung, nach Gmail und Blogger sollen demnächst Google Docs und das Webseiten-Programm Google Sites befreit werden. Die Community ist eingeladen, weitere Befreiungsschläge vorzuschlagen.

Dahinter steckt vor allem der Wunsch, die Nutzer noch mehr für die Cloud zu begeistern: Bislang schrecken noch zu viele davor zurück, ihre Daten anstatt auf den eigenen Rechnern einfach im Internet zu verwalten. Darauf basieren aber Googles Anwendungen. Und Google muss im Gegensatz zu Apple oder Microsoft ohnehin tagaus, tagein mit der Angst leben, dass der Nutzer ihnen den Rücken kehrt. Auch wenn sich viele Menschen fragen, ob sie noch ohne Google leben können  – sie bräuchten sich nur für eine andere Suchmaschine zu entscheiden, und ein Großteil des Umsatzes von Google bräche ein, weil niemand mehr Google Ads, also die Werbeeinblendungen des Unternehmens zu Gesicht bekäme. Aus der Angst macht Google eine Tugend. Und glaubt: Wir sind so gut, dass die Nutzer sowieso bei uns bleiben.

So revolutionär ist das alles also nicht. Und so reagieren viele Nutzer auf die Ankündigung gelangweilt bis misstrauisch. "Ich würde als erstes alle über mich bei Google gespeicherten Daten mitnehmen wollen", schreibt ein User auf der Technikseite des Heise-Verlags. Google befreie doch am liebsten die Daten Anderer, höhnt der Nächste. "Zum Beispiel einige Millionen Bücher, an denen Google weder Urheber-, noch Verwertungs-, noch sonst welche Rechte hat."

Unter "Datenbefreiung" hätten sich viele Nutzer etwas anderes gewünscht. Dass ein einziges, privates Unternehmen so viele Informationen über seine Nutzer angehäuft hat, lässt Kritiker angesichts der enormen Missbrauchsrisiken schon lange nach mehr Kontrolle rufen. Google wiederholt zwar gerne sein Firmen-Mantra "Do no evil". Tu Gutes. Und sprich darüber. Aber selbst wenn Google es tatsächlich nur gut meint und immer wieder überrascht tut, dass die Nutzer misstrauisch reagieren - geglaubt wird nun einmal in der Kirche.

 
Leser-Kommentare
    • Klaue
    • 10.09.2009 um 19:15 Uhr

    Das Problem mit dem Kalender synchronisieren, alte Worddokumente öffnen und Musik-Dateien exportieren ist Hausgemacht. Die einzige Möglichkeit sind offene Standards, aber genau das wollen die großen Firmen nicht. Zeit.de hat sich in letzter Zeit ;) etwas auf Google eingeschossen, das ist okay. Dabei sollte man aber nicht vergessen die anderen großen Übel zu benennen: Microsoft & Apple.
    Am besten man fängt gleich mit dem Ändern an und bietet z.B. alle Videos auf der Seite alternativ auch als ogg-Video an und speichert seine Dokumente zukünftig als .odt und nicht als .doc. Wenn dann noch ein paar andere Seiten nachziehen, kann ich Flash von der Platte schmeißen, was mir sehr gelegen käme (damit würde ich ein großes Sicherheitsrisiko beseitigen).

  1. Genau das ist der Grund, warum ich Google (noch) vertraue. Google hat ein Quasimonopol auf ein Gut, das an Labilitaet gewinnt, wenn der Marktanteil steigt: Vertrauen.
    Die Marktmacht, die Google inszwischen innehat, steht im Widerspruch zu dem Anspruch, Vertrauen zu wecken und so ist Google gezwungen, immer weiter innovative Produkte fuer seine Kunden zu entwerfen.

  2. .

    Google hat ein Geschäftsmodell.
    Wenn Google mit meinen Daten Missbrauch betreibt, dann gefährden sie ihr Geschäftsmodell.

    Der Staat kann tun und lassen was er will, sein Geschäftsmodell ist nie gefährdet, er setzt es notfalls per Exekutive durch. Allenfalls die Akteure ändern sich. Die Gesetze und weitere Tatbestände (und die einmal verabschiedeten Steuern) bleiben. Auf Dauer.

    Meine Gesundheitsdaten etc. würde ich also lieber Google anvertrauen als dem Staat, denn Google ist sehr daran gelegen, sein Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten.

    Das Internet und die Suchmaschinen sind im Übrigen schon eine Befreiung an sich. Daten und Wissen sind nun zugänglich. Freier Zugang zu Wissen war schon immer eine Maßnahme, die die Demokratie gefördert hat.

    Insofern müssen wir noch viel mehr Daten befreien, nämlich die des Staates. Offenheit und Transparenz, das ist das, was wir vom Staat fordern müssen.

    Wenn wir also über Google lästern, dann müssen wir uns schon mal fragen, ob darüber hinaus nicht den Blick für die wirklich wesentlichen Dinge verloren haben.

    .

  3. Datenbefreiung?

    Das ist mittlerweile ein hoch-politisches Thema!

    Beispiel Internetsperre:
    Die Spezifikationen des Computersystems (System-Architektur) namens "Internetsperre" müssen im Detail offengelegt werden, und jegliche Änderungen daran auch.

    Selbiges gilt für die Software.

    Und am besten auch noch für die Sperrliste selbst,
    welche öffentlich die Kontaktdaten der Inhaber der zu sperrenden Seite und des Providers welcher die Schmutzseite listet, aufführt.

    Zudem muss es ein Audit-Recht geben.
    Eine Expertengruppe muss jederzeit und unangekündigt die Möglichkeit haben das Internetsperr-System im Detail in Hard- und Software und Datenbestand zu überprüfen.

    Jeder Beamte oder öffentlich Bedienstete muss zudem mit der Aberkennung seiner Privilegien und dem passivem Wahlrecht rechnen, wenn er die Internetsperre manipuliert oder missbraucht.

    Wir wissen was die Internetsperre laut Gesetz macht.

    Was das Internet-Sperrsystem DARÜBER HINAUS macht,
    das wissen wir nicht und sollen es auch nicht wissen
    und werden es auch nie überprüfen können dürfen.

    Jegliche demokratische Kontrolle dieses Machtinstrumentes ist unmöglich, weil alles geheim ist.

    Und damit wandelt sich die Internet-Sperre zu einem per Definition anti-demokratischen herrschaftlichem Machtinstrument.

    Wenn wir also über Google lästern, dann müssen wir uns schon mal fragen, ob darüber hinaus nicht den Blick für die wirklich wesentlichen Dinge verloren haben.

    .

    • Klaue
    • 10.09.2009 um 23:48 Uhr

    Früher war es nicht möglich, Informationen die den Bürgern zustehen, zugänglich zu machen. Heute ist es anders. Dazu schrieb ich Anfang dieses Jahres folgende Gedanken nieder: http://nureineidee.wordpr...

    Offenheit steht uns zu. Deshalb sollten wir sie von unseren Politikern einfordern, jetzt da wir die technischen Möglichkeiten haben.
    Nicht die Bürger haben transparenter zu werden - die Politik hat transparenter zu werden!

  4. ...die ohne Anhaltspunkte auf Datenmißbrauch irgendeiner Form das Misstrauen der Benutzer bedient (Datenkraken usw.).

    Letztendlich liegt dies daran, dass man im Zeitalter von MS und Apple nichts anderes gewöhnt ist, als von den Firmen auf die jeweilige Plattform gezwungen wird, es fällt schwer zu sehen, dass es bei Google tatsächlich anders sein soll.

    Aber Google unterscheidet sich in wesentlichen Dingen von diesen Firmen und ich finde das sollte gebührend gewürdigt werden.

    Beispiele:

    - Chrome (open-source, jeder kann exakt herausfinden, dass der Browser tut und was nicht)
    - Android (open-source, wird von Google in den Ring geworfen und das Vendor-Lock-In a la Apple herauszufordern)
    - Open-Social - soll der Kommunikation in der Box (StudieVZ, Facebook) ein Ende bereiten
    - Zudem bekennt sich Google auf breiter Front zu offenen Standards (Siehe Google Talk, was auf Jabber basiert), unterstützt SVG (selbst als Plug-in für den IE, weil MS kein Interesse daran hat) und es bleibt abzuwarten, dass sie einen Patenfreien Videocodec als open-source releasen, um damit die Dominanz von Flash zu brechen.

    Bei all dem profitiert in erster Linie einer: der Benutzer.

    Also bitte - ankreiden, was anzukreiden ist, aber wer das als PR-Gag abtut hat die letzten Jahre unter einem Stein verbracht und tut einer Firma, die tatsächlich einen Beitrag zu einem freien Netz leistet unrecht und spielt den üblichen Verdächtigen in die Hände.

  5. dass das Web heute ohne SingleSignOn nicht funktioniert. Allein die Möglichkeit, den Anbieter problemlos wechseln zu können, verringert die Hemmschwelle zur Akzeptanz solcher Angebote. SingleSignOn ermöglicht zudem die Nutzung meherer Angebote, ohne dass man sich Dutzende von Benutzername-Passwort-Kombinationen merken muss. Ich finde es schon grausam, dass man sich für verschiedene Angebote etwa der SZ (sueddeutsche.de, sz-magazin, jetzt.de) nicht einmal, sondern dreimal anmelden muss. Da hat jemand nicht richtig nachgedacht.

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