Es klingt lächerlich, aber: Ich habe Angst, den Briefkasten zu öffnen. Beinahe täglich flattern mir derzeit Mahnungen und Drohschreiben von Inkassounternehmen ins Haus. "Weil Sie auf die vorbenannten Forderungen noch immer nicht reagiert haben, leiten wir jetzt das Mahnverfahren ein", steht da zum Beispiel. Schulden soll ich gemacht und Waren bezogen haben von Unternehmen, deren Namen ich noch nie gehört habe. Die Sachen wurden an Adressen geliefert, die nie die meinen waren. Dort soll es sogar Menschen geben, die "zweifellos bezeugen können, dass Sie, Tina Groll, dort gewohnt haben", schreibt mir eine Inkassofirma. Sogar Haftbefehle gibt es gegen mich – und das völlig unverschuldet. Ich bin Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden.

Was seither geschieht, hätte Kafka nicht besser beschreiben können. Es war kurz vor Weihnachten, als mein bisheriges Leben endete und sich das erste Inkassounternehmen bei mir meldete. Die Creditreform will rund 200 Euro für eine Warenlieferung der Württembergischen Metallwaren Fabrik (WMF). Das Schreiben hat den Betreff "Mahnung" und eine Kundennummer. WMF? Creditreform? Zunächst glaube ich, es handelt sich um betrügerische Werbepost. Was tun? Nicht reagieren? Nachhaken? Plötzlich bin ich ganz aufgeregt. Mir fallen falsche Daten ein, welche sich in der Selbstauskunft der Schufa befanden, die ich im Sommer angefordert hatte. Schon damals fanden sich mir unbekannte Adressen und eine Forderung einer Domnowski Inkasso GmbH über 1000 Euro. Ich hatte widersprochen und die Daten als falsch deklariert. Gemäß des § 35, Absatz 1 des Bundesdatenschutzgesetzes müssen falsche Daten gelöscht werden. Das hatte die Schufa auch getan – und ich angenommen, dass es sich nur um Schlamperei oder Verwechslung gehandelt hatte. Doch jetzt kriecht eine Ahnung in mir hoch: Datenmissbrauch? Oder habe ich eine kaufsüchtige Namensschwester?

Ich greife zum Telefonhörer. Mir ist es unangenehm, mich bei der Creditreform mit der Kundennummer zu melden, die einem Schuldenfall zugeordnet ist. Also sage ich: "Es handelt sich um eine angebliche Nummer …" Warum sollte ich sagen, dass es meine Kundenummer sei? Es ist nicht meine! Ich werde zur Inkassoabteilung durchgestellt, aber dort ist niemand mehr erreichbar. Ich bin wütend und erreiche doch gar nichts. Ich lege auf.

"Das ist bestimmt ein Versehen. Du musst widersprechen. Das brauchst du nicht zu bezahlen", sagt mein Vater. Jetzt soll ich widersprechen?! Warum? Das ist doch überhaupt nicht mein Business! Ich habe dazu weder Zeit, noch Lust.

Ich schreibe trotzdem einen Brief, den ich tags darauf per Einschreiben an die Creditreform sowie an die WMF sende. Ich erkläre, dass ich die Mahnung mit Verwunderung erhalten habe, aber ich niemals eine Vertragsbeziehung mit dem Unternehmen gehabt oder angestrebt habe. Ich bitte die Firmen, die falsch über mich gespeicherten Daten zu löschen und mir hierüber eine schriftliche Erklärung zuzusenden.

Im Netz finde ich auf der Website eines Anwalts eine Mitteilung des Justizministeriums . Darin heißt es, man solle auf unberechtigte Rechnungen oder Mahnschreiben gar nicht reagieren, aber es sei sinnvoll, dem Absender mitzuteilen, dass man keinen Vertrag geschlossen habe. Reagieren müsse man erst, wenn es sich um einen Mahnbescheid von einem Gericht handele. Ferner steht dort: "Sollten Sie den Eindruck haben, jemand könne Ihren Namen unbefugt benutzt haben, ist es besonders ratsam, sich mit dem Rechnung stellenden Unternehmen in Verbindung zu setzen. (...) In solchen Fällen einer Bestellung unter falscher Namensangabe sollten ebenfalls die Polizei oder Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden." Es beruhigt mich nicht sonderlich.

Immerhin habe ich jetzt einen Namen für das, was geschieht: Identitätsdiebstahl.

Wie klaut man die Identität eines Menschen? Hätte ich noch vor wenigen Wochen von dieser Geschichte gehört, ich hätte gesagt: Das ist doch nicht möglich. Doch es ist sogar sehr einfach. Es braucht nur einen Namen und das dazugehörige Geburtsdatum. Daten, die man leicht im Internet findet. Hat man dann noch einen weiteren Anhaltspunkt, beispielsweise den Beruf der Person, kann man sich munter bedienen.

So machten es wohl auch "meine Betrüger", wie ich sie inzwischen nenne. In möglicherweise Hunderten Fällen haben sie unter einer fiktiven E-Mail-Adresse, die sie aus meinem Namen und meinem Geburtsdatum bastelten, Waren bei Versandhäusern auf Rechnung bestellt. Das ist im Netz kein Problem. Die Geschäftspolitik der Onlineshops macht es Betrügern leicht. Sie liefern an irgendwelche Adressen – in dem Vertrauen darauf, dass der Besteller schon bezahlt.

Der Ärger kommt Wochen später, wenn die Zahlung ausfällt. Dann beginnt das Mahnverfahren an den Schuldiger, natürlich unter den bekannten, in der Bestellung angegebenen Daten. Irgendwann, Monate später, kommen die geprellten Unternehmen dahinter, dass die Adressen nicht korrekt sein können. Meist haben die Firmen die ausstehenden Forderungen dann an Inkassounternehmen abgetreten, die so etwas recherchieren. Sie werden fündig, und zwar bei der realen Person.