Die falsche Mahnung ist Gesprächsthema beim weihnachtlichen Familientreffen. Meine ältere Schwester fürchtet das Schlimmste: "Tina, das wird teuer. Du musst dringend zu einem Anwalt gehen, und du solltest auch Strafanzeige stellen. Oder geh zur Verbraucherschutzzentrale." Insgeheim hoffe ich noch, dass es bloß eine Verwechslung ist. Fragen surren durch meinen Kopf: Was heißt das eigentlich? Muss ich in jedem Einzelfall meine Unschuld beweisen oder gar für den Schaden haften? Haftet man für seine Daten? Wer ist überhaupt zuständig?

Wenige Tage darauf erhalte ich per Einschreiben einen Brief der Creditreform und fange am ganzen Körper an zu zittern. Das Schreiben ist wie eine Anklageschrift formuliert. In acht Punkten legt das Inkassounternehmen dar, dass ich die Schuldnerin sei. "Sie, Tina Groll, haben ….", steht da. Ich hätte an der falschen Adresse gelebt, sei dort aber nie gemeldet gewesen. Das bestätige auch ein anhängiges Schreiben einer Nachbarsfamilie. Diese Personen behaupten, mich zu kennen und dass ich im Jahr 2009 eine Weile bei ihnen gewohnt habe. Ein Nachbar habe das Paket der WMF für mich angenommen. Das bestätigt die Kopie seiner Unterschrift, die die Creditreform von der DHL bekommen hat.

Die Creditreform schreibt, dass es an mir liege, zu beweisen, dass ich nicht die Schuldnerin sei. Ich will Anzeige erstatten und zwar sofort. Erst dann fällt mein Blick auf die zweite Seite. Es liegen Haftanordnungen beim Amtsgericht Bremen-Blumenthal gegen mich vor, behauptet die Creditreform. Was soll das heißen? Kann ich jetzt verhaftet werden? Ich bin mir keiner Schuld bewusst.

Kopflos fahre ich zur Polizei und erstatte Anzeige. Ein freundlicher, junger Beamter nimmt meine Anzeige auf und erzählt, dass ihm etwas Ähnliches selbst schon passiert sei. "Das sind vermutlich Betrügerbanden, Menschen, die Sie nicht kennen. Die scannen im Netz nach Daten. Man findet doch über nahezu jeden Geburtsdatum, Berufsangabe und Name", sagt er. Na, klar, meine Website. Während meiner letzten Bewerbungsphase stand so ziemlich alles, was für einen neuen Job relevant ist, dort. Auch das Geburtsdatum. Und erst die Social Networks. Da habe ich mein Geburtsdatum auch angegeben. Es sehen doch nur meine Freunde, dachte ich.

Identitätsdiebstahl sei eines der am stärksten zunehmenden Delikte im Internet mit einem großen Schaden für die Wirtschaft, heißt es bei der Polizei. Durchschnittlich 400 Arbeitsstunden müsse man rechnen, um den persönlich entstandenen Schaden wiedergutzumachen. Ich schlucke. 400 Arbeitsstunden? Vermutlich werde ich mich auf diverse Fälle einstellen müssen.

Noch am gleichen Tag telefoniere ich mit der Creditreform. Der Geschäftsführer der Inkassoabteilung ist freundlich. 240 mögliche Betrugsfälle habe die Creditreform allein für die WMF derzeit, sagt er. Und rät mir dringend, mich beim Amtsgericht in Bremen-Blumenthal zu melden, wo die Haftbefehle bestehen. "Sie kommen sonst in Teufels Küche!" Ich bekomme noch mehr Angst. Aber ich dürfe mich vertrauensvoll jederzeit an ihn wenden. Es täte ihm auch leid. Er wolle "die Sache auf Eis legen", sagt er. Erst nachdem wir aufgelegt haben, fällt mir auf, dass es damit nicht getan ist. Wieso auf Eis legen? Ich bin nicht die Schuldnerin. Da ist nichts auf Eis zu legen, da sind die falschen Daten zu löschen und zwar umgehend.