Den Rest des Tages verbringe ich mit der Suche nach einem Anwalt. Vor allem habe ich Angst, dass ein Gerichtsvollzieher bei mir auftauchen könnte. Oder eine Gehalts- oder Kontopfändung durchgeführt würde. Wie soll ich davon rechtzeitig erfahren und dem entgegenwirken, wenn die Betrüger doch falsche Adressen nutzen? Ein Kollege wird mir wenige Tage später erzählen, dass er auch einmal solche Erfahrungen gemacht hat. Er bekam eine Vorladung der Polizei wegen sexueller Belästigung von Minderjährigen im Netz. "Das waren die zwei schlimmsten Wochen meines Lebens", erzählt er mir. Glücklicherweise stellten die ermittelnden Behörden rasch fest, dass ein Pädophiler mit seiner Identität am Werk war. Doch hat die Sache bei ihm Spuren hinterlassen. "Ich bin ein richtiger Datenschützer geworden. Und was die Aktivitäten meiner Tochter im Internet angeht, bin ich schlimmer als jeder Überwachungsstaat", sagt er.

Die Suche nach einem Anwalt ist eine Herausforderung. Ich habe nicht einmal eine Rechtsschutzversicherung und überlege, eine abzuschließen. Nein, dieser Fall wäre nicht versichert, heißt es bei einem Anbieter. Der Streitwert wäre zu hoch. Und jetzt noch eine abzuschließen, würde mir vermutlich sowieso nichts bringen. Ich blicke auf mein Konto. Und schlucke.

Über die Hotline des Bundesverbands deutscher Anwälte finde ich eine Kanzlei. Sie ist groß, renommiert, teuer  – aber glücklicherweise gut: In den kommenden Wochen setzt sich mein neuer Anwalt dafür ein, dass die Inkassofirmen die Vollstreckungsmaßnahmen gegen mich einstellen. Er erfährt beim Amtsgericht, dass dort weitere Haftbefehle vorliegen für Personen mit dem Familiennamen "Groll" und der gleichen falsche Adresse. Ich google die Namen und finde im Internet die Identitäten, inklusive Geburtsdaten. Der Verdacht, dass hier Betrüger systematisch am Werk waren, erhärtet sich.

Mein Anwalt führt einen umfangreichen Schriftwechsel mit der Creditreform, die sich nicht nur bei mir entschuldigt, sondern auch erklärt, dass ich nicht mit der gesuchten Schuldnerin identisch bin und es keine Forderungen an meine Person gebe. Nur die Datenlöschung, so wie es das Bundesdatenschutzgesetz verlangt, muss der Anwalt dem Unternehmen mehrmals erklären. Dabei sind Auskunfteien dazu verpflichtet. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, können Verbraucher auf juristischem Weg Schadensersatz geltend machen.

Ich recherchiere weiter zum Thema Identity Theft. In den USA ist diese Straftat bereits verbreitet. Dort ist es noch einfacher, unter der Identität eines Fremden Betrug zu begehen. In Deutschland braucht man für die meisten größeren Rechtsgeschäfte eine Unterschrift und einen gültigen Personalausweis. Trotzdem, selten ist es auch hier nicht. Besonders häufig werden Abgeordnete und Prominente Opfer, weil man über sie leicht alle nötigen Daten findet.

Die Frage: "Wie kann denn so etwas passieren?", kann ich mittlerweile nicht mehr hören. Ich wünsche anderen, dass sie die Erfahrung machen, wie einfach so ein Identitätsdiebstahl passieren kann. Die meisten finden die Geschichte auf gruselige Weise faszinierend. Ein Bekannter sagt: "Sei froh, dass die Betrüger nur normale Waren bestellen und keine Wettschulden bei der russischen Mafia haben."