Stephan Noller, Gründer und Chef von nugg.ad, will Nutzerverhalten vorhersagen © nugg.ad

ZEIT ONLINE: Herr Noller, Sie verdienen Ihr Geld mit Predictive Behavioral Targeting. Was ist das?

Stephan Noller: Man kann es mit einem Tante-Emma-Laden vergleichen. Die Verkäuferin dort kennt einen und gibt personalisierte Empfehlungen – was man in diesem Fall durchaus schätzt. Doch geht das nur, weil der Ladenbetreiber aufmerksam verfolgt, wie seine Kunden sich verhalten. Behavioral Targeting ist der Tante-Emma-Laden als Algorithmus: schauen, was Leute tun, und darauf basierend der Werbung relevantere Antworten geben.

ZEIT ONLINE: Nun will nugg.ad dabei der Gute sein, der den Datenschutz beachtet, und Sie haben auch ein entsprechendes Siegel vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) bekommen. Wie kann man identifizieren, ohne zu deanonymisieren?

Noller: Ich glaube, dass es einen Korridor gibt – wie in dem Tante-Emma-Beispiel –, in dem der User Kontrollmöglichkeiten hat und in dem das Ausmaß der Informationen über ihn in gutem Verhältnis zum Nutzen steht. Auch Datenschützer wie Thilo Weichert vom ULD  sehen das so. Es geht vor allem um Transparenz, darum, was der User weiß, und dass er es kontrollieren kann. In der Industrie galt es als unmöglich, Targeting von Datenschützern absegnen zu lassen. Die Lösung besteht darin, so wenig Informationen wie möglich zu erfassen, nicht zu speichern, was man nicht braucht. Die IP-Adresse beispielsweise braucht man nicht für das Targeting.

ZEIT ONLINE: Was braucht man?

Noller: Überraschend grobe Informationen darüber, in welchen Contentbereichen sich jemand bewegt. Liest er eher Kultur- oder Sportseiten oder Politik, auf keinen Fall einzelne Artikel oder bestimmte Websites.

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie den Leser wieder?

Noller: Es geht nicht darum, den Leser zu finden, sondern nur sein statistisches Modell. Dafür verwenden wir Cookies. Die Schwierigkeit ist, einerseits dieses technisch sauber zu identifizieren und dann aber, wenn wir es gefunden haben, nur das Nötigste aufzuzeichnen: keine Adresse, keinen Namen, keine spezifischen Informationen. Ich muss nicht wissen, nach welchen Krankheiten jemand gegoogelt hat. Für solche Daten hat die klassische Werbung gar keine Verwendung. Es gibt nur ein Werbemodell, das den einzelnen Nutzer will, Direktmarketing. Alle anderen haben kein Interesse an solchen Informationen.

ZEIT ONLINE: Woher – wenn Sie solche Daten nicht erheben – wissen Sie dann, zu welcher Alterskohorte oder Einkommensgruppe jemand gehört?

Noller: Die Daten erheben wir schon. Aber nur so grob, dass sie für die Werbung noch gerade relevant sind, und niemals personenbezogen. Unser System weiß mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von X, dass jemand in Nordrhein-Westfalen lebt, sich für Kultur und Sport interessiert und vor allem abends surft. Das trifft aber auf viele Tausend Menschen zu. Den Einzelnen wollen wir nicht tracken.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel, bitte.

Noller: In dem Moment, wo jemand auf die Website eines unserer Kunden kommt (beispielsweise ZEIT ONLINE, Anm. d. Red.) nimmt er einen Cookie mit. Kommt er wieder, lesen wir die Informationen darin aus.