Elena Der Anwalt, der zurückbeißtSeite 2/2
Der junge Starostik stellte fest, dass die deutsche Geschichte noch nicht vergangen war. Dass es die Leute, die diese Geschichte gemacht und überlebt hatten, auch alle noch gab. Und er musste sich einen Platz zwischen ihnen suchen. "Ich hab mich eher wie ein Untertan gesehen, wie ein Gewalt Unterworfener", sagt er. Er ging zu den Jusos, und dann kamen zum ersten Mal die Grundsätze ins Spiel: "Mit meiner Neigung zu grundsätzlichen Positionen war mir das nicht grundsätzlich genug." Starostik wurde Kommunist, Spezialgebiet Maoismus. Die Umstände schienen ihm Recht zu geben.
Es war die Zeit um 1968, die Notstandsgesetze wurden beschlossen, eine Art Nebenverfassung für Kriegszeiten, die Grundrechte beschränkte. Das hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Hitlers Ermächtigungsgesetz von 1933, das der Naziregierung erlaubte, Gesetze zu beschließen, die von der Reichsverfassung abwichen. Starostik jedenfalls sah es so.
Er sagt, er wisse heute längst nicht mehr, warum er damals so dachte. Vielleicht ist das ja so bei Menschen, die ihren Grundsätzen wirklich auf den Grund gehen. Vielleicht stoßen sie dann auf etwas, das so dermaßen unverrückbar und felsenfest ist, dass es vielleicht passt zu ein paar Wahrnehmungen und Erlebnissen in ihrem Leben, aber längst nicht zu allen. Vielleicht müssen solche Menschen sich immer wieder fremd werden.
Starostik jedenfalls sagt, er sei "momentan ganz froh, in diesem Staat zu leben". Er ist mit dieser Beschreibung schon nah an dem, was der Antikenphilosoph Platon als Ziel eines idealen Staates erkannte. Glückseligkeit, für alle allerdings.
Der Staat. Er ist ein bisschen göttlich und gut, ein bisschen auch das Reich des Bösen, fand Augustinus. Er sollte nicht zu groß sein, schrieb Rousseau. Machiavelli sah in ihm die quasi naturgesetzliche Herrschaft der Starken, Marx auch, er nannte das Klassenherrschaft, die jedoch überwunden werden müsse. Starostik formuliert rein technisch: "Der Staat ist eine Machtmaschine mit dem Zweck, Macht auszuüben."
Diese Macht hat er einmal deutlich gespürt. Berufsverbot wegen der Kommunistenphase, jahrelang. Starostik durfte nicht Jurist sein. Er brachte sein Zweitstudium, Sozialwissenschaften, zu Ende, landete dann in einer Import-Export-Firma. "Wir haben mit allem gehandelt, von 'Bac'-Deo bis Klopapier", sagt er, dann kamen Schallplatten dazu, und Anfang der achtziger Jahre war er schließlich Firmenbesitzer. Ihm gehörte die Hälfte der Plattenfirma Rough Trade Deutschland. In Nachschlagewerken steht, Rough Trade sei klein, doch sehr einflussreich gewesen.
Auch dieser Musikunternehmer ist ihm heute fremd, sagt Starostik. Doch vielleicht stimmt das nicht ganz. Rough Trade verkaufte Musik, die das Nichteinverstandensein zur Lebenshaltung erklärte, die Rockgruppe Stiff Little Fingers zum Beispiel sang: Glaub ihnen nicht, glaub ihnen nicht, lass dich nicht zweimal beißen.
Der Datenschutzanwalt Meinhard Starostik könnte diese Zeile heute ergänzen: Falls das nicht zu verhindern ist – dann beiß wenigstens zweimal zurück.
- Datum 30.03.2010 - 10:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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