Privacy "Wir müssen den Menschen helfen, sich zu schützen"

Datenschutz wird künftig stärker in unseren Händen liegen, sagt Michael Friedewald. Er ist Koordinator eines EU-Forschungsprojekts zur Zukunft der Privatsphäre.

Am liebsten opfern wir unsere Privatsphäre dem Versprechen von mehr Sicherheit – beispielsweise durch Körperscanner wie hier am Flughafen von Chicago

Am liebsten opfern wir unsere Privatsphäre dem Versprechen von mehr Sicherheit – beispielsweise durch Körperscanner wie hier am Flughafen von Chicago

ZEIT ONLINE: Herr Friedewald, Sie koordinieren ein neues Forschungsvorhaben der EU-Kommission zur Zukunft der Privatsphäre. Was wollen Sie erforschen?

Michael Friedewald: Wir arbeiten an einer konzeptionellen Weiterentwicklung des Begriffs Privatsphäre. Wir testen mit mittelfristig relevanten Technologien, welche Wirkungen sie haben und wollen dazu fünf Fallstudien machen: über Identifikations- und Ortungstechnologien wie beispielsweise RFID, über Human Enhancement, also Möglichkeiten von Implantaten, über Biometrie, über die preiswerte  Totalsequenzierung des menschlichen Genoms und über intelligente Überwachungstechnologien wie Videogesichtserkennung.

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ZEIT ONLINE: Die EU-Kommissarin Cecilia Malmström hat gerade mit der Ankündigung von Netzsperren für Aufregung gesorgt. Die Gegner der Sperren argumentieren, es würde eine Überwachungsinfrastruktur aufgebaut. Sie sollen die Auswirkungen erforschen. Ist das nicht schizophren?

Friedewald: Das Überwachungspotenzial sehe ich noch als das geringere Problem des Vorstoßes. Wichtiger sind das Zensurdilemma und die Tatsache, dass es eine wirkungslose Initiative ist. Doch es ist ein Fakt, dass wir Infrastrukturen aufbauen, die wir auch nicht mehr loswerden. Auch wenn wir sie nicht mögen.

ZEIT ONLINE: Und damit im Zweifel in der Zukunft Möglichkeiten zur Überwachung schaffen, an die bei der Entwicklung der Techniken gar nicht gedacht waren.

Friedewald: Die innovativsten Anwendungen sind oft die, für die ein System nicht entwickelt wurde. Nichtsdestotrotz gibt es Entwicklungen, die die Einstellungen der Bürger ändern. Doch muss man deswegen nicht den Scott McNealys dieser Welt folgen und die Privatsphäre für tot erklären, weil sie nicht zu schützen sei. Das ist zu kurz gedacht und würde einen hohen Wert ohne Not aufgeben. Vielleicht müssen wir einfach überlegen, wie Privatsphäre in der Zukunft aussehen könnte und was wir tun können, um diesen Wert zu schützen.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie dabei vor?

Friedewald: Der erste Schritt, den wir in dem Forschungsprojekt dazu machen wollen, ist zu schauen, worauf die verschiedenen Forschungsrichtungen Wert legen, welche Stellung Privatsphäre also in der Wirtschaft oder der Medizin hat. Der zweite ist, zu prüfen, welche Wirkungen die Techniken haben, die es jetzt schon gibt, wie nahe sie uns kommen. Sind es also beispielsweise nur die personenbezogenen Daten, die wir schützen müssen? Oder sollten wir in Zukunft generell über Daten reden, da wir gar nicht mehr abschätzen können, ob Daten, die einmal erhoben wurden, dank neuer Verknüpfung nicht neue Schlüsse zulassen? Müssen wir also über den Schutz aller Daten reden? Oder wächst eine Generation heran, die andere Werte entwickelt und wir müssen unseren Fokus ändern?

ZEIT ONLINE: Was wäre der Kern der Privatsphäre, den wir unbedingt erhalten müssen? Wohin bewegt sich das Konzept in Zukunft?

Friedewald: Die Frage ist, warum schützen wir eigentlich Privatsphäre? Wir tun es doch, weil wir wollen, dass jeder autonom Entscheidungen treffen kann, ohne sich beobachtet oder unter Druck gesetzt zu fühlen. Aber das ist nur eine Sicht. Private Daten haben auch einen ökonomischen Wert. Vielleicht müssen wir den Menschen also Instrumente geben, um ihr ökonomisches Potenzial nutzen und schützen zu können. Damit jemand, der seine Daten hergibt, auch etwas davon hat. Ich kann Ihnen nicht sagen, in welche Richtung das in Zukunft gehen wird. Wir werden in unserem Projekt darüber diskutieren.

ZEIT ONLINE: Hat Deutschland eine Vorreiterrolle im Datenschutz?

Friedewald: Die Haltung, die das Bundesverfassungsgericht einnimmt, sorgt für Impulse. Wobei man darüber streiten kann, ob es nicht eher die Aufgabe des Parlaments wäre, diese Debatte anzutreiben. Aber in der europäischen Diskussion spielen diese deutschen Haltungen eine große Rolle. Mit dem Ergebnis, dass Datenschutz auf der politischen Ebene derzeit eher als ein Grundrecht wahrgenommen wird.

Leser-Kommentare
  1. So ein Projekt zur starten, während gleichzeit das Projekt INDECT (s.u.) läuft, ist an Zynismus kaum zu überbieten.
    Ich wär ja dafür, man stellt einfach beide ein.

    http://de.wikipedia.org/w...

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    • joG
    • 02.04.2010 um 9:24 Uhr

    ....widersprechen. Ich würde zuerst dieses Projekt zur Feststellung der Implikationen und Folgen der Datensammlung für die Bürger durchziehen, der Bevölkerung verständlich aufbereiten und dann eine politische Debatte verlangen, wie man den Staat organisieren kann, damit solche Datensammlungen beim Staat oder privat kontrolliert werden, so dass sie nicht gegen den Bürger verwendet werden können.

    • joG
    • 02.04.2010 um 9:24 Uhr

    ....widersprechen. Ich würde zuerst dieses Projekt zur Feststellung der Implikationen und Folgen der Datensammlung für die Bürger durchziehen, der Bevölkerung verständlich aufbereiten und dann eine politische Debatte verlangen, wie man den Staat organisieren kann, damit solche Datensammlungen beim Staat oder privat kontrolliert werden, so dass sie nicht gegen den Bürger verwendet werden können.

  2. Das am Ende des Artikels angerissene Dilemma ist ja nicht, wie es aus der Kürze der Zeilen den Anschein haben mag, auf die Thematik des Datenschutzes beschränkt.

    Grundsätlicher formuliert, und unter prekäreren Umständen als in unserem Land für das "Prekariat" in dritten Welt Ländern längst Realität geworden, lautet es:

    Es gibt eine Elite, die sich, unter größten Bemühungen ihren Status aufrecht zu erhalten, die gewünschte Sicherheit erkauft (Stichworte: Gated Comunitys, private Sicherheitsdienste, private Bildungsstätten für kommende Generationen, private Verkehrs- und Kommunikationsmittel, private IT-Beratung und Betreuung und so fort..).
    Diese, und da gehören wir mit dem Gedanken uns im globalen "Wettbewerb" bestmöglich zu platzieren ebenso dazu, wird jedes erdenkliche Mittel ergreifen um zu verhindern, dass ihre Möglichkeiten der sogenannten Allgemeinheit eröffnet werden - denn, geschähe dies, so müsste jeder Einzelne wieder Tag täglich aufs Neue und unter Aufwendung all seiner Talente und Fähigkeiten seine Ressourcen ausschöpfen um die zuvor erkaufte soziale, wirtschaftliche und technische "Sicherheit" zu bewahren. Und doch wäre jene Sicherheit nicht mehr aufrecht zu erhalten, wenn das von den heutigen Eliten vor- und ausgelebte "Leistungs"-Dogma nicht einer Spareinlage gleich, sondern in jedem Moment konsequent umgesetzt und gefordert wäre.

  3. Sicherheit würde dann alleine aus dem Engagement in die Entwicklung des Kollektivs in dem man sich bewegt erreicht werden. Und läge damit nicht mehr in den eigenen Händen.

    Vorraussetzung wären Vertrauen und konsequente Entwicklung des Individuums im Kontext seines Umfeldes.

    Nun liegt der Schrei nach Utopie auf der Zunge..

    Schließlich haben sogar diejenigen, die im Artikel mit Prekariat angesprochen werden (Ob wohl rein quantitativ wir damit eine sehr "prekäre" Gesellschaft wären), mittlerweile die Losung vom globalen (Wirtschafts-)Wettstreit so tief aufgesogen, dass sie jener oben beschriebenen Elite die gerne die Leitung der Geschicke ihres Landes übertragen und sich mehr Gedanken um ideelle, und damit moralische Konsequenzen deren Handelns machen (Stichwort: Lobbyismus & der Herr Aussenminister) - als über den Fakt, dass eben dieses Handeln darauf zielt eine viel größere Zahl von Menschen ein Stück von jener tripolige Sicherheit zu nehmen, oder zumindest deren Aneignung durch "Andere" (Konkurrenzunternehmen, -länder und so begriffene Gesellschaften) zu begrenzen um die eigene Aufrecht zu erhalten.

    Ein Dilemma, dass sich lokal, regional, national, supranational und eben global ausdrückt.

  4. Um auf den Ausgangspunkt zurück zu kehren: Erst wenn die Errungenschaften von Aufklärung, der Fortschritt der letzten Jahrhunderte durch Bildung jedem offen steht, ist die Grundlage geschaffen die Sicherheit (innerhalb und die des Kollektivs)vollständig in die Hände des Individuums zu legen. Bis dahin gilt es jene moralischen, ideellen und real geschaffenen Misstände zu beseitigen, und zwar durch eben jene Organe die wir jedes Jahr, jede Legislaturperiode wieder damit beauftragen unsere Ansprüche an uns und unsere Existenz konsequent umzusetzen.

    Leider stehen wir derzeit an einem Punkt, an dem wir diesen Organen - und uns als ihren Auftraggebern die Fähigkeit dazu absprechen, die geforderte Verantwortung übernehmen. So sorgen wir uns Angst und Überforderung lieber im privaten um unsere persönliche Sicherheit..

    (Und feiern das, ohne dem guten Interviewpartner Kompetenzen absprechen zu wollen, als Fortschritt - während uns das wachsende Gefühl begleitet uns in punkto soziale Entwicklung eher im Rückschritt zu befinden..)

    p.jumbo

  5. Antwort auf "Ich fass es nicht"
    • joG
    • 02.04.2010 um 9:24 Uhr

    ....widersprechen. Ich würde zuerst dieses Projekt zur Feststellung der Implikationen und Folgen der Datensammlung für die Bürger durchziehen, der Bevölkerung verständlich aufbereiten und dann eine politische Debatte verlangen, wie man den Staat organisieren kann, damit solche Datensammlungen beim Staat oder privat kontrolliert werden, so dass sie nicht gegen den Bürger verwendet werden können.

    Antwort auf "Ich fass es nicht"
  6. ... wie man solche Ansichten vertreten kann.
    Haben Sie sich den WP-Artikel mal durchgelesen?

    Das ist sowas von jenseits von gut und böse für mich, allein das Bewusstsein, dass ich Tag und Nacht ausspioniert werde, wohin ich auch gehe, würde mich krank machen - selbst wenn sich der Mißbrauch solcher Daten vermeiden ließe.
    Und ich bin damit nicht der einzige, wie man an den ganzen Aktivitäten sieht, die sich gegen diese Pläne richten.

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