In Modern Warfare kann man dank eines weltumspannenden Überwachungssystems einzelne Menschen lokalisieren und sehen, ob es sich bei ihnen um einen "geheimen Informanten" handelt. Bei Splinter Cell ist es nahezu unmöglich, den Kampfschauplatz unbemerkt zu betreten. Und in das Szenario von Full Spectrum Warrior, einer Kriegssimulation, die ursprünglich zu Rekrutierungszwecken entwickelt wurde, sind Überwachungskameras wie selbstverständlich ins Spiel integriert.

"Der Computer weiß immer, wo man selbst ist und wo die Feinde sind, dem kann man sich noch nicht mal bei einem gehackten oder modifizierten System entziehen", sagte der Moralphilosoph Michael Nagenborg. Auf der Computerspielkonferenz Clash of Realities in Köln sprach er über "Überwachung und Sicherheit in Video- und Computerspielen". Und er findet, Games wären eine gute Möglichkeit, sich mit dem Problem umfassender Überwachung zu beschäftigen und es zu thematisieren.

Immerhin böten sie den Überwachungsstaat oft als Selbstverständlichkeit dar. Zum Beispiel die Simulation SimCity. Die werde, wie Nagenborg berichtete, inzwischen auch in Stadtplanungskonferenzen als Referenz für die grandiosen Möglichkeiten der Technik genannt. Bei ihr, wie auch in der heiteren Simulation Tropico hat der Spieler die Möglichkeit, jederzeit den gläsernen Bürger nach seinen Einstellungen und Gefühlen zu befragen, um zu erfahren, wie zufrieden die Pixelwesen mit ihrem Diktator sind.

Dabei wären Computerspiele der ideale Ort, um jungen Menschen die Probleme der Technik zu zeigen und eine kritische Reflexion anzustoßen. Gelegentlich passiert das auch. Bei Bioshock etwa kann der Spieler Überwachungskameras hacken, indem er sie mit Elektroblitzen überzieht. Und in der China Town Episode von Grand Theft Auto erhält er Medaillen, wenn er möglichst viele Kameras zerstört.

Zwei Bedingungen seien wichtig für die kritische Reflexion, sagte Nagenborg: Zum einen müssten die Szenarien ein Mindestmaß an Komplexität besitzen. GTA ist dafür ein Beispiel. Hat man die Kamera an einem Ort zerstört, werden an dem Ort bald Drogen verkauft. Was dazu führt, dass die Preise für den Stoff sinken. "Ich will jetzt nicht sagen, dass es das Nonplusultra ist, um eine kritische Reflexion anzustoßen." Doch es sei ein Anfang, sagte der Philosoph.

Zweites Kriterium: Spiele sollten selbstreferentiell sein, die Wirkungen der Technik also im Spiel zeigen. Nagenborg wünscht sich ähnlich reichhaltige Beispiele wie im Kino, wo die Kamera als Überwacher oft thematisiert wird. Für Nagenborg ist es ein echtes Versäumnis, dass das nicht viel häufiger passiert. Immerhin böte sich das Thema in Games geradezu an. Bislang aber wird es nur im Indie-Game-Bereich aufgegriffen. Bei dem Online-Spiel Tycoon etwa muss man seine Mitspieler ausspionieren.

Doch dass sich die großen Hersteller des Themas annehmen, bezweifelt Nagenborg. Spionierten sie doch schließlich selbst gern ihre Nutzer aus. Sei es, um ihre Games vor Tauschbörsianern zu schützen, um mehr über ihre Single Player zu erfahren, oder um Marktforschung zu betreiben und personalisierte Werbung anzubieten.