Leserdebatte: Hüllenlos ins Netz
Beim Surfen bangen wir um private Daten, in der Sauna zeigen wir alles – Jeff Jarvis nennt dies das "Deutsche Paradox". Ist unsere Angst vor dem virtuellen Striptease unbegründet?
© Ina Fassbender / Reuters

Lieber nackt als ausspioniert: Freiwillige lassen für den Künstler Spencer Tunick in Düsseldorf die Hüllen fallen
Bloß keine peinlichen Fotos bei Facebook hochladen. Auf keinen Fall sollten Datenkraken wie Google die geheimen Wünsche aus unseren Suchanfragen herauslesen können. Das sind die Mantren, mit denen Internetnutzer die Angst vorm Verlust ihrer Privatsphäre beruhigen – zumindest in Deutschland.
In den USA sieht das ganz anders aus, behauptet der Blogger und Journalistikprofessor Jeff Jarvis. Denn statt sich wie die Deutschen um die Geheimhaltung der eigenen Peinlichkeiten zu kümmern, gehe es längst um eine andere, wichtigere Frage: Wie kann die Öffentlichkeit geschützt werden?
"Das Internet selbst ist die Öffentlichkeit, und wir müssen sie verteidigen", sagt Jarvis. Deshalb sei es auch falsch, Google Street View das Fotografieren zu verbieten – mit der gleichen Argumentation könne dies dann auch Journalisten untersagt werden. Jarvis ist überzeugt: "Wer etwas aus der Öffentlichkeit herausnimmt, stiehlt es uns allen!"
Er selbst bloggte detailreich über seine Prostata-Operation und die folgende Impotenz und erhielt viel Zuspruch. Warum nur, fragt er, bangen wir Deutschen so sehr um unsere Daten, obwohl wir doch nackt in gemischten Saunen sitzen?
Ein Vergleich, der hinkt, findet ZEIT ONLINE-Redakteur David Hugendick. Denn im Gegensatz zu der oft unfreiwilligen Öffentlichkeit, die unsere Daten im Internet erlangen, entscheiden wir über einen Saunabesuch immer noch selbst. Außerdem sorgt eine universelle Öffentlichkeit keineswegs dafür, dass Firmen aus privaten Daten keinen Profit mehr schlagen, oder Hierarchien verschwinden.
Dem stimmt auch unsere Redakteurin Tina Klopp zu. Wissen und Macht sind immer asymmetrisch verteilt und stehen daher nicht allen Internetnutzern im gleichen Maße zur Verfügung. Die bloße Schaffung von Transparenz ändert nichts an diesen Verhältnissen.
Was halten Sie von Jarvis' Hymne auf die Öffentlichkeit? Müssen wir auf Geheimnisse verzichten, um ein Allgemeingut zu schützen? Werden wir in Zukunft nicht mit Facebook-Bildern Misstrauen auf uns ziehen, sondern wenn Google, nach unserem Namen gefragt, anzeigt: "Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden"? Diskutieren Sie mit! David Hugendick wird sich am Donnerstag zwischen 14.30 und 16.00 Uhr an der Debatte beteiligen.









@10 es muss heißen 'so vor sich hin am Meeressaum'
Apropos nackt im Netz --- diese Nackten ahnen
vermutlich nichts von ihrer Peepshow ;)
>>Warum nur, fragt er, bangen wir Deutschen so sehr um unsere Daten, obwohl wir doch nackt in gemischten Saunen sitzen?<<
Ich finde das nicht paradox. Den Anblick unseres Körpers kann nicht so leicht missbraucht werden, z.B. von potentiellen Arbeitgebern oder Versicherungen - mal ganz abgesehen von Kriminellen, um deren Aktivität wir nicht einmal wissen. Schon deshalb ist diese Art von "Nacktheit" wesentlich gefährlicher und liefert uns unseren Mitmenschen viel mehr aus als die physische Nacktheit.
Andere Menschen sind nicht dazu da, Ihren (oder anderer Leute) Schönheitssinn zu befriedigen. Dafür müssen Sie sich dann doch einen Helmut Newton Fotoband um teures Geld zulegen.
Da es aber viele solche unbescheidenen Individuen wie Sie gibt, erübrigt sich auch die Frage, warum so viele wiederum andere Menschen unter eingebildeter Häßlichkeit leiden.
Vielleicht will der Künstler auch keine ÄsthetikfaschistInnen bedienen :))))))))
Irgendwie habe ich das Gefühl, mich für meine typisch deutsche Paranoia rechtfertigen zu müssen:
Meine Vorsicht im Umgang mit meinen persönlichen Daten rührt von den schlimmen Betrugsfallen, in die ich zu Anfang meiner Erfahrungslaufbahn mit dem Medium Internet machen musste.
Wenn mich in der Saune irgendjemand wegen meiner Speckröllchen auslacht, tut das noch lange nciht so weh, als wenn man betrügerischen Instutitionen (z.B. PayPal) sein teuer verdientes Geld anvertraut und anschließend tief in die imaginäre Röhre gucken muss.
Von daher: meine Paranoia ist sehr wohl berechtigt. Deswegen melde ich mich am Telefon auch nicht mehr mit Nachnamen. Was hingegen der Nachbar in seinem gelben Sack hat, ist mir völlig wurscht.
Ich schätze Helmut Schmidt sehr, und wie sicherlich viele wünsche ich mir, daß er noch aktiv Politik machen würde. Aber sein Spruch "Wer Visionen hat, braucht einen Augenarzt" ist ein Ausrutscher.
Ebenso habe ich großen Respekt für Jeff Jarvis, den US-amerikanischen Professor für Journalismus. Aber sein "Deutsches Sauna-Paradoxon" ist einfach Unsinn.
Man fragt sich, was den Mann antreibt und dazu bringt so einen Unsinn zu schreiben? Treibt er im Euphorie-Wind von Google? Was hat eine jahrtausend alte Kultur und Tradition, die freiwillig und zur steigerung der Lebensqualität dient mit den Zielen vom Wachstum abhängiger Unternehmen zu tun? Was hat diese alte Kultur des Saunabades mit dem Überwachungs- und Sicherheitswahn aktueller Regierungen zu tun (Stichwort Nacktscanner).
Man sollte Jeff Jarvis auf die Paradoxien in der US-amerikanischen Kultur hinweisen. Alkohol darf erst mit 21 getrunken werden, aber als Teenager dürfen sie mit >100km/h über den Highway fahren. Frauen, die "oben ohne" über den Strand bummeln, laufen Gefahr von den Cops abgeholt zu werden. Aber beim Einchecken werden sie komplett nackt gescannt. Welche Ironie.
Ich finde, Google ist eine fantastische Suchmaschine. Und die die Google Labs bringen viele spannende Innovationen hervor.
Haben wir aus der Finanzkrise nichts gelernt? Ja, da gibt es Zusammenhänge. Die Finanzkrise war möglich, weil alles dem Wachstum und der Laune der Shareholder unterworfen wurde. Weil man den hals nicht voll bekommen konnte.
Helmut Schmidt hat seinen "Visionen"-Spruch übrigens wieder relativiert. "Eine flapsige Antwort auf eine dämliche Frage" nannte er den Spruch kürzlich, wenn ich mich recht erinnere.
Helmut Schmidt hat seinen "Visionen"-Spruch übrigens wieder relativiert. "Eine flapsige Antwort auf eine dämliche Frage" nannte er den Spruch kürzlich, wenn ich mich recht erinnere.
Ein anonymer Saunabesuch kann doch nicht mit der Preisgabe persönlicher Daten verglichen werden.
Ich weiss nichts über Menschen die mir nackt in der Sauna gegenüber sitzen. Ich kenne vielleicht ihre Muttermale, aber keine sensibelen Informationen wie ihre Gewohnheiten, Vorlieben, ihr soziales Netzwerk, ihre Kommunikation, ihren Wohnort, Beruf, Familie...
Da stimme ich Ihnen zu, lieber NicName, der Vergleich ist sehr verwegen. In der Sauna sind keine Kameras, zudem ist es meine freiwillige Entscheidung, dort überhaupt hinzugehen. Trotzdem ist Jeff Jarvis Ansatz zumindest insofern interessant, als er sich Transparenz als "Default"-Einstellung (wie er es nennt) wünscht. Damit würde sich auch unser Peinlichkeitsempfinden ändern, sagt er. Wir würden lockerer mit Scham umgehen.
Er vergisst dabei, dass Menschen immer in Situationen geraten werden, in denen unsere Offenheit und unsere Peinlichkeiten negative Folgen haben könnten. Sobald wir in Hierarchien eintreten, sobald wirtschaftliche Interessen dahinter stehen.
Da stimme ich Ihnen zu, lieber NicName, der Vergleich ist sehr verwegen. In der Sauna sind keine Kameras, zudem ist es meine freiwillige Entscheidung, dort überhaupt hinzugehen. Trotzdem ist Jeff Jarvis Ansatz zumindest insofern interessant, als er sich Transparenz als "Default"-Einstellung (wie er es nennt) wünscht. Damit würde sich auch unser Peinlichkeitsempfinden ändern, sagt er. Wir würden lockerer mit Scham umgehen.
Er vergisst dabei, dass Menschen immer in Situationen geraten werden, in denen unsere Offenheit und unsere Peinlichkeiten negative Folgen haben könnten. Sobald wir in Hierarchien eintreten, sobald wirtschaftliche Interessen dahinter stehen.
hat nun einen tragischen Verlusst zu verkraften: ein hagego will nichts über sich erzählen. Wie schade...
Ich glaube, es ging bei dem Bild mit der Sauna mehr um die kulturellen Unterschiede - was in einem Land undenkbar ist, ist in dem anderen selbstverständlich. Daher finde ich vor allem die hier schon geäußerte Frage spannend, wo ein Mittelweg sein kann...
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