Street View Wenn’s nur Google wäre
Nicht Street View bedroht die Privatsphäre, sondern die Digitalisierung des Lebens. Der beste Schutz ist, wenn wir bewusst mit unserem Namen umgehen. Ein Kommentar
© Carl Court/AFP/Getty Images

Der CEO von Google, Eric Schmidt
Den am weitesten gehenden Vorschlag zur Frage, wie man Google & Co. bändigen kann, hat Eric Schmidt vorgebracht. In Zukunft, sagt er, soll einfach jeder Jugendliche bei Erreichen der Volljährigkeit seinen Namen ändern können und das Problem mit den im Internet für die Ewigkeit festgehaltenen Jugendsünden wäre gelöst.
Der Google-Chef hat damit natürlich nicht sein Datensammelimperium gemeint, sondern die sozialen Netzwerke, in denen sich Jugendliche heute bewegen wie früher im nächsten Jugendhaus. Und ja, die Zuordnung über das Gesicht und sonstiges Datenmaterial ist auch bei einer Namensänderung kein Hexenwerk. Aber Schmidt, der meint, wir könnten uns gar nicht vorstellen, wie sich das Leben mit all den verknüpften Informatioen verändern wird, trifft einen unbequemen Kern: Vor Google & Co. kann uns kein Staat schützen.
Ist die ganze Aufregung um Google Street View also unangemessen?
Wenn Innenminister Thomas de Maizière das allgemeine Unbehagen verspottet, drückt er genau das aus. Aber selbst de Maizière gibt dem Druck des Schutzbedürfnisses nach – weil es ein legitimes ist. Es kann sein, dass die Deutschen eine spezielle Sensibilität in der Frage entwickelt haben, wer sich und mit welchen Methoden einen Überblick über ihr Privatleben verschafft. Das Unbehagen mag in Deutschland historisch verstärkt sein. Deshalb auch hat das Leben der anderen die Deutschen in die Kinos gezogen, und darum pflegen wir seit dem Volkszählungsurteil eine große Empfindsamkeit.
Allerdings stand auch am Anfang der Street-View-Fahrten auf den britischen Inseln der Protest gegen die Fotos von Häusern, Straßen, Menschen. Im Frühjahr 2009 musste, so wurde berichtet, in der Stadt Milton Keynes die Polizei anrücken, weil wütende Anwohner das Google-Auto blockierten. Dabei sind die Briten nicht als die größten Datenschützer bekannt.
Der Bezugspunkt einer ungewöhnlichen Koalition gegen Street View ist die Moderne. Die CSU-Ministerin reiht sich ein neben dem grünen Gemeinderat, dem linken Staatsfeind und dem wertkonservativen Bürger. Aber wenn schon eine ebenso milieuübergreifende Bewegung in Stuttgart gegen die Modernisierung ihrer Stadt mit einem Bahnhof Sturm läuft, als ginge es darum, die Heimat zu verteidigen – um wie viel größer muss dann das Misstrauen gegen ein Modernisierungsprojekt sein, das in alle Lebensbereiche eindringt? Die Digitalisierung der persönlichen Lebenswelt vollzieht sich in hohem Tempo. Nicht nur älteren Menschen fällt es schwer, mitzuhalten. Umso stärker wird der Wunsch vieler, den Zug zu stoppen – damit man vielleicht später kontrolliert zusteigen kann.
Niemand außer Google weiß wirklich, was Google über uns weiß. Noch weniger wissen wir, welche Datenverknüpfungen künftig möglich werden. Hilflos wirkt da die Forderung des Bundesdatenschützers Peter Schaar nach einem Verbot der Bildung von Persönlichkeitsprofilen. Zu kurz gegriffen erscheint der Ansatz einer differenzierten Widerspruchslösung des Innenministers. Und bisher hört man von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nur Allgemeines zur Anpassung an die Digitalisierung.
Selbstverständlich brauchen wir Bürger eine Widerspruchslösung, die nicht von Googles Gnaden ist. Trotz allen Gepolters, das wohl der Profilierung dienen soll, wird es angesichts des engen Handlungsspielraums eine Einigung im Kabinett geben. Der Staat kann das digitale Persönlichkeitsrecht Einzelner gegenüber Unternehmen auch in anderen Bereichen schützen. Zur allgemeinen Gelassenheit würde sicher beitragen, die tatsächlichen Möglichkeiten unter Verzicht auf Koalitionszänkereien zügig zu benennen und umzusetzen. Eine lokale Geschwindigkeitsbegrenzung sozusagen.
Die Insel der seligen Analogen wird es aber nirgendwo mehr geben. Der beste Umgang mit unserem Namen im Netz in der Bürgergesellschaft 2.0 ist der bewusste Umgang. Und da nimmt sich neben Facebook & Co. Google Street View eher harmlos aus.
Der Text erschien im Tagesspiegel.
- Datum 19.08.2010 - 10:45 Uhr
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Guter Artikel. Vielleicht sollte man das Thema sogar schon in der Schule behandeln. Staatliche Kontrolle ist im Internet kaum ausreichend möglich.
Einen anderen interessanten Artikel zum Thema habe ich hier gelesen: http://bit.ly/bl86qn
Es hat schon auch mit Bequemlichkeiten zu tun denke ich. Letztendlich versuchen Unternehmen wie Google nicht mehr als dem bequemen Nutzer ein Maximum an Dienstleistungen anzubieten. Dabei geht es nicht nur um Street View sondern auch um Standortlokalisierungen über den eigenen Brauser usw. um dem Nutzer z.B. den nächstgelegen Friseur anzeigen zu können. Vermutlich benötigen wir nicht nur einen bewussteren Umgang mit der Freigabe uns betreffender Informationen oder der Teilnahme im Internet sondern auch Möglichkeiten zum Eingreifen oder gar zur Mitbestimmung. Also Berechtigungen um z.B. ggf. Dienste, Funktionen usw. abschalten zu können und dergleichen. Auch bleibt mir unverständlich wieso oder wozu man sich immer öfter registrieren lassen "muss" um Dienste nutzen zu können. In den meisten Fällen dürfte es meiner Einschätzung nach ausreichen wenn Dienste "nur" erworben um genutzt werden zu können. Das gilt auch für Anbieter welche z.B. ihre Dienste "kostenlos" zur Verfügung stellen und sich dafür z.B. aus Werbeeinnahmen und dergleichen finanzieren lassen.
Anbieter wie Google und weitere brauchen doch nicht zu wissen um welche Personen es sich bei ihren "Kunden" denn genau handelt. Schließlich geht es doch nicht um den Kunden direkt sondern um eine Dienstleistung für... Außerdem reicht es doch wenn der/die Anbieter der Internetzugänge schon persönliche Daten erhalten und diese dann im besten Falle für sich behalten. Dezentralisierung wäre vielleicht ein möglicher Ansatz.
Daran kann man nichts ändern. Wichtiger wäre es
zu verhindern, daß Google und Konsorten mit den
Regierungen zusammen arbeiten.
Lesen Sie mal Bücher von William Gibson und Sie
werden merken, daß wir die "Matrix" ncith mehr
aufhalten können.
GoogleEarth SecondLive augmented reality
das ist UNSERE Zukunft!
Hysterischer Häuserkampf via Internet
.. "Wir sehen ein lineares Verhältnis zwischen Medienecho und der Zahl der Widersprüche", sagt Panogate-Chef Wild. Menschen verlangten gar, Fotos von Ortschaften zu löschen, die Sightwalk nicht abbildet. Im Streit über die Bilderdienste hat die Hysterie die Fakten verdrängt.
http://www.ftd.de/it-medi...
... dass Google zwar viele Daten hat, aber nicht wirklich etwas weiß. So lange man nicht selbst einen der Googledienste nutzt und dort explizit seine Adresse oder sonstige Daten eingibt, weiß Google nichts.
Persönliche Daten hat aber z. B. mein E-Mail-Anbieter. Wenn es ein Gratisdienst ist, werde ich von dem regelmäßig auf allerhand Vorlieben abgeklopft, um mit passender Werbung versorgbar zu werden. Was die E-Mail angeht, wäre mir ganz lieb, wenn es einen wirksamen Datenschutz gäbe, aber wie soll das gehen? Ein Polizist neben jedem E-Mail-Postfach?
Am End kann man sich nur darauf verlassen, dass es dem E-Mail-Provider zu blöd ist, in E-Mail zu stöbern, oder falls nicht, dass er die, die mich erpressbar machen könnten, übersieht.
Wer echte Sicherheit will, muss verschlüsseln. Das geht aber nur, wenn der Gesprächspartner ähnlich paranoid ist. Ansonsten muss man damit leben oder wieder normale Briefe schreiben und ins Hinterhaus ziehen, wo Google nicht hinfährt. Auch das geht.
sondern paranoid.
Schaut man sich an, was mehr oder minder legal hier von Regierung, Payback, Deutschlandcard, GEZ u.v.m bereits gesammelt wird und direkt einer Person zugeordnet werden kann, OHNE dass nur einer daran Anstoss nimmt, komme ich doch ins Grübeln. Wenn ich nur sehe, wie beim Einkauf freiwilig!() die Deutschlandcard genutzt wird, mit dem ich so viel mehr von mir preisgebe. ( Wieviel kann ich kaufen, was kaufe ich und wann. Zudem geb ich auch noch meine Kontendaten Preis, meinen Namen sowieso. Jetzt noch die Verbindung des EInkaufsstandorts und des örtlichen Telefonbuchs und der Schaden dürfte um etliches höher sein als ein Foto einer Häuserfront, welches u.U. schon Jahre alt ist. )
Entsetzt bin ich aber über das Niveau, mit dem Medien und Politiker durch Sommerloch hetzen und das sogar Parteiübergreifend.
Wer seine Daten nicht preisgeben will, ist jederzeit dazu in der Lage, dazu ist es nicht einmal nötig, den eigenen Internetzugang zu kündigen.
Leider ist ihr Kommentar viel zu begründet, als das ihn hier jemand ernst nehmen würde. Trotzdem danke dafür.
Einerseits ist es sicher wichtig Google & Co genau auf die Finger zu schauen, die Hysterie um StreetView finde ich aber auch etwas übertrieben, ähnliche bedenken gab es auch als Google seinen Dienst EarthView startete.
Das wirkliche Problem dahinter ist meiner Meinung nach, nicht nur auf auf das Internet bezogen, daß die Nutzer nicht wissen was die Konzerne mit ihren Daten anstellen, zu Intransparent ist die Arbeitsweise der Dienste-Anbieter egal ob Google, Payback-Karte oder Ratingagenturen.
Ein allgemeines Problem online wie offline ist die Tendenz das Konzerne versuchen auf alles und jedes ein Preisschild zu kleben, angefangen bei Patenten auf Lebewesen und deren Genom bis hin zum Trinkwasser und eben auch mit unseren persönlichen Daten wird munterer Handel betrieben. Die Dystopie das Konzerne irgendwann selbst auf die Luft zum Atmen eine Gebühr erheben könnten, weil sie dafür sorgen das sie atembar ist, ist wohl der "worst case" derartiger Gedankengänge.
Die Angst den Konzernbossen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, ohne Kontrolle darüber was mit uns, unseren Daten und unserer Welt geschieht ist wohl die eigentliche Triebfeder hinter den Protesten gegen StreetView.
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