BiometrieIndien scannt all seine Einwohner

Es ist das größte Biometrieprojekt der Welt: 1,2 Milliarden Inder will es erfassen, zum Wohl aller, heißt es. Doch geht es vor allem um Geld für Wirtschaft und Staat. von 

Ein Bürger stellt sich der Datenerfassung während einer Testphase in der indischen Stadt Chellur

Ein Bürger stellt sich der Datenerfassung während einer Testphase in der indischen Stadt Chellur  |  © AFP/Getty Images

In Tembhli, im Südwesten Indiens, geht es hektisch zu. Sonia Ghandi, Präsidentin der indischen Kongresspartei, hat gemeinsam mit anderen Offiziellen ihren Besuch angekündigt. Zur Feier wurden alle Häuser des kleinen Dorfes an das Stromnetz angeschlossen. Die Straßen sind frisch asphaltiert und die örtliche Schule erstrahlt in neuer Farbe. Ganz Indien blickt auf das unscheinbare Dorf, in dem am Mittwoch die ersten zehn Bürger Indiens ihre persönliche Identifikationsnummer, kurz UID, erhalten werden.

Mangu Sonawne ist einer von ihnen. "Man hat uns eine Karte versprochen", sagt der Landwirt der indischen Zeitung The Hindu , "aber wir wissen gar nicht für was". Sonawne ist nicht allein. Aadhar nennt sich das Projekt, das allein in den kommenden vier Jahren 600 Millionen Inder mit UIDs ausrüsten soll – übersetzt bedeutet Aadhar Grundlage oder auch Unterstützung. Die Grundlage wofür und Unterstützung für wen? Die Meinungen gehen auseinander. Das Vorhaben helfe der Bevölkerung, sagen die Verantwortlichen. Nichts da, es unterstütze vor allem Politik und Wirtschaft, sagen die Kritiker.

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Jedenfalls in einem Punkt ist man sich einig: Aadhar ist ein Mammutprojekt. Rund 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Sie alle sollen früher oder später erfasst werden. Um eine der 12-stelligen Nummern zu bekommen, müssen die Bewohner nicht nur ihre persönlichen Daten, sondern auch ihre Fingerabdrücke, Iris-Scans und Passfotos hinterlassen. Damit ist Aadhar das größte Biometrie-Projekt der Welt. Um den Ablauf zu kontrollieren, wurde im Februar vergangenen Jahres mit der UIDAI eigens eine Behörde gegründet. Sechs Milliarden Dollar soll das Projekt nach offiziellen Angaben kosten. Doch das sei Wunschdenken, sagen einige Experten: Die Kosten könnten sich auf über 30 Milliarden belaufen , heißt es.

Die indische Regierung verteidigt das Projekt. Es soll zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine klare und eindeutige Identifikation aller Bürger ermöglichen. Aktuell weisen sich die Inder, wenn überhaupt, über eine Vielzahl von Dokumenten aus: Führerscheine, Rationskarten, Wahlzettel – Fälschungen und Korruption sind allgegenwärtig. Dem soll Aadhar ein Ende machen. Vor allem Einwanderer, Arme und die ländliche Bevölkerung sollen davon profitieren: Durch eindeutige Identifikation können sie künftig Bankgeschäfte tätigen, Sozialhilfe beantragen und eine Schulausbildung bekommen. Befürworter des Projekts glauben, dass längerfristig die Menschen unterhalb der Armutsgrenze gestärkt werden .

Doch die Kritik an der UID ist laut. Viele fürchten, dass das Projekt ein Schnellschuss sei, unausgeklügelt und nicht ausgelegt für den riesigen Umfang. Viele Menschen leben in abgeschiedenen Regionen ohne Strom und festen Wohnsitz. Um überhaupt alle Bürger zu erreichen, müssen 30.000 Leute ausgebildet und 22.000 Standorte für die Erfassung errichtet werden.

Dazu kommen Probleme mit Datenschutz und Privatsphäre. 220 Behörden und Firmen, darunter Banken, IT- und Telekommunikationsunternehmen, sind mit der Aufnahme der Daten vertraut. Sie alle sollen ihre Ergebnisse in eine zentrale Datenbank einspeisen. Viele Kritiker fürchten nicht nur Angriffe durch Hacker von außerhalb, sondern auch die unautorisierte Nutzung der Daten. "Die Informationen werden an Behörden, Banken und Unternehmen weitergegeben und niemand weiß, wofür sie letztlich verwendet werden", sagte Usha Ramanathan, eine Anwätin und UID-Gegnerin der Washington Post . Zudem enthalte der Gesetzesentwurf noch immer zahlreiche Schwachstellen im Hinblick auf unerlaubte Nutzung der Daten .

Und dann gibt es noch eine ganz anders motivierte Befürchtung. Einige Inder glauben, dass durch die UID Millionen illegaler Einwanderer staatliche Hilfeleistungen in Anspruch nehmen könnten .

Die Regierung kontert die Anschuldigungen: Wer seine Daten nicht preisgeben möchte, müsse schließlich keine UID beantragen. Das Projekt ist freiwillig – jedenfalls theoretisch. Doch die Praxis sieht anders aus. Schon jetzt verlangen viele Einrichtungen und Dienstleistungen in Indien einen Identifikationsnachweis. Mit der Einführung der UID wird die Zahl steigen. Immer mehr Bürger werden damit indirekt gezwungen, eine Nummer zu beantragen.

Dabei ist die indische Regierung ohnehin nicht auf die Kooperation der Bürger angewiesen. Denn bereits seit April diesen Jahres läuft in Indien ein zweites, ganz ähnliches Projekt: Die Volkszählung 2011. Auch hier werden biometrische Daten aller Bürger erfasst. Und zwar verpflichtend. Zusätzlich dazu werden auch Informationen zu Religion und Kaste der Bürger eingeholt – genau jene Daten, die bei Aadhar ausdrücklich nicht erfasst werden, um Diskriminierung oder mögliches Profiling zu verhindern.

Das Erstaunliche an beiden Projekten ist, dass sie offensichtlich dem gleichen Zweck dienen. Denn die Daten werden zusammengeführt. Nandan Nilekani, Vorsitzender der UIDAI, bezeichnete Aadhar sogar öffentlich als "Backoffice" des Zensus : Seine Behörde gleicht die Daten ab und versieht jeden Bürger mit einer Nummer. Somit spielt es keine Rolle, ob die Bürger eine UID möchten oder nicht: Sie bekommen sie trotzdem. Und die Behörden bekommen die Daten.

Angesichts dieser aggressiven Politik stellt sich die Frage, wer wirklich davon profitiert. Sicherlich bringt die UID längerfristig neue Möglichkeiten für weite Teile der Bevölkerung. Doch hinter der vermeintlichen Unterstützung der Bürger steckt mehr. Es geht auch um Lobby- und Wirtschaftsinteressen. Kurz, es geht um viel Geld.

Da wäre zum einen die indische Regierung. Nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten erhofft sie sich Einsparungen von bis zu vier Milliarden US-Dollar pro Jahr. Denn mit der UID werde nicht nur die Korruption reduziert, sondern es qualifizieren sich auch mehr Leute für die Einkommenssteuer. Momentan zahlen diese nur knapp fünf Prozent der Bevölkerung. Jede Abfrage der Daten durch externe Unternehmen oder Dienstleister spült zudem Geld in die Staatskasse. Dazu gehören auch die Banken. Sie erhoffen sich mehr Kunden: Sogenannte "Mikro-Kredite", die es nur nach Vorlage eines Ausweis gibt, sollen gerade ärmere Bürger anlocken. Die Gefahr, dass diese sich dadurch zusätzlich verschulden könnten, erwähnt dabei niemand.

Der wohl größte Gewinner des Projekts ist aber die IT-Branche. Das ist wenig überraschend, ist der UIDAI-Vorsitzende Nandan Nilekani doch ehemaliger Geschäftsführer von Infosys, einem der größten IT-Unternehmen Indiens. 2004 nannte ihn Forbes einen der 25 einflussreichsten Männer Asiens. Dass sein Ex-Unternehmen maßgeblich am Aufbau der Infrastruktur für Aadhar beteiligt ist, dürfte wenige verwundern.

Mehr als vierzig hochrangige IT-Experten gehören mittlerweile dem Projekt an. Große Firmen wie HP, IBM und Intel stellen Software und Ressourcen zur Verfügung. Und auch die deutsche Wirtschaft profitiert: Mit dem Jenaer Unternehmen Cross Match ist ein weltweit führender Anbieter biometrischer System an Aadhar beteiligt.

Die Bewohner von Tembhli wissen davon nichts. Sie freuen sich über die zusätzlichen Getreiderationen, die ihnen die Regierung geschenkt hat. Wenn die Politiker und Medien am Ende der Woche weiterziehen, werden auch sie das Dorf wieder verlassen, um auf den Feldern der Region zu arbeiten. Nur diesmal werden sie eine Nummer mit sich herumtragen.

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Leserkommentare
  1. Auch hierzulande ist man ja nicht mehr allzuweit davon weg. Stichwort neuer Personalausweis, elektronische Gesundheitskarte etc.

    Erstaunlich ist aber, dass es in Indien wohl nur anderthalb Jahre dauert vom Entschluss zur Durchführung. Entweder sind die Inder wirklich effektiv, oder die Sache wird ein ziemliches Chaos. Ich glaube ja eher letzteres.

    Ansonsten kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es der bettelarmen Bevölkerung dadurch besser geht wenn sie jetzt wählen oder zur Bank gehen können...

  2. Unbestätigten Meldungen ist zu entnehmen, daß die Aktion ausgeweitet wird. Mittels eines Lactose-Scans soll ein DNA-Profil von heiligen Kühen erstellt werden. Ziel dieser anlasslosen Vorratsdatenspeicherung ist ein Abgleich, welche Provinz die süssesten Exemplare beheimatet.
    Kaum daß von dem Vorhaben etwas an die Öffentlichkeit drang, regte sich sofort Widerstand. Mahatma Schankar von der Vereinigung "Free Udder" bezeichnete die Maßnahme als exibitionistische Zitzenschändung. Die Regierungspartei FDP (First Dug Party) verteidigte jedoch die dadurch entstehenden Arbeitsmarkteffekte. Ihre Vorsitzende Anisha Urmika kündigte harte Konsequenzen für den Fall an, dass dadurch die Bildung des Hormons Oxytocin beeinflusst wird. Unklar ist noch, inwieweit die Spende einer Firma, die Melkmaschinen herstellt, in diesem Zusammenhang steht. Von einem unausgegorenen Plan sprach die Regierungschefin Anisha Mayura. Sie möchte in Absprache mit ihrem Finanzmister Subhadra durch weitere Daten, wie z. Bsp. die Erfassung der Laktationskurve ein Produktivitätsprofil erfassen, um eine sogenannte "Melkschemelsteuer" einzuführen.
    Ganz andere Töne kamen von der SPD (Suck Pressure Drip). Die Vertreterin des linken Flügels Gazala sprach von einer unverhohlenen Euterschau.

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://www.sehrazat.de/in...

  3. Die UID erinnert in erschreckender Weise der SIN (Systemidentifikationsnummer) aus dem Rollenspiel Shadowrun:

    http://www.shadowhelix.de...

    Wer Shadowrun nicht kennt: Das ist ein Sci-Fi (Dark Future) Welt, deren Gesellschaftsstruktur davon bestimmt ist, dass Konzerne die Macht von Staaten teilweise übernommen haben... Alles unrealistischer Humbug also.

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    Entfernt. Beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/sh

  4. IN Deutschland Haben wir die SteuerIdentifiktationsnummer (SIN) sie haben nicht mal die Intialen geändert.

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    Ja, die SIN haben wir in D-Land schon, nur trägt sie noch keiner auf einem Ebbie (oder Credstick, wie die Chummer in den UCAS so schön sagen) mit sich rum. Und du wirst nicht dafür bestraft, SINlos zu sein. NOCH nicht.

    Aber wenn ich mir Projekte wie ELENA oder den ePA (Verzeihung, nPA. Der hat mit dem ePA natürlich nichts zu tun */sarkasmus*) ansehe, ist klar wohin der Wind weht.

    Es freut mich dennoch, dass man sich nicht nur in der Regierung mit Pen&Paper-RPGs beschäftigt. :)

  5. Waehrend die Bedenken sicherlich wichtig sind, wird sehr schnell klar, dass die Autorin Indien nur vom Hoerensagen kennt.
    Wer hier in Indien schon mal probiert hat einen Fuehrerschein zu beantragen, ein Konto zu eroeffnen oder einfach nur ein Pre-Paid Handy zu kaufen wird den Sinn dieser Nummer sehr schnell verstehen. Im Moment ist die einzige ID, die allgemein anerkannt ist, der Fuererschein, der nur den gehobenen Schichten zur Verfuegung steht. Menschen am unteren Ende der Gesellschaft haben kaum eine Chance ein Konto, staatliches Dokument oder aehnliches zu erhalten. Und mit den voellig unklaren Regulierungen, ist niemals klar welche Dokumente bei einer Behoerde, oder einem Unternehmen wirklich gebraucht werden. Dies ist der Naehrboden fuer eine grassierende Korruption, da die Beamten dies voellig willkuerlich ausnutzen. Und Korruption ist in Indien ein viel groesseres Problem als der Datenschutz.

    Dieser Artikel verkennt die indische Wirklichkeit vollstaendig und schaut mit einer deutschen Brille und deutschen Vorstellungen auf ein Land, das aus diesem Blickwinkel ueberhaupt nicht zu verstehen ist. Aergerlich, dass so ein flacher Kommentar dies so in der Zeit zu lesen ist.

    Beste Gruesse aus Indien!

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