Viktor Mayer-Schönberger"Ein digitaler Radiergummi ist nur ein Teil der Lösung"

Technik kann helfen, das Netz Vergessen zu lehren, sagt Viktor Mayer-Schönberger, Erfinder der Idee des digitalen Vergessens. Vor allem sei aber eine Debatte nötig. von 

Ilse Aigner, Ministerin für Verbraucherschutz, propagiert derzeiteinen "digitalen Radiergummi". Mit ihm soll jeder Bürger Einfluss darauf nehmen können, wie lange Informationen von ihm im Netz zugänglich sind. Die Forderung nach einem solchen digitalen Vergessen stammt vom Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger. Im Interview erklärt er, für wie gelungen er die von Aigner vorgestellte technische Umsetzung hält.

ZEIT ONLINE: Herr Mayer-Schönberger, Sie haben in Ihrem Buch Delete propagiert, Daten sollten ein Verfallsdatum haben, das Internet sollte das Vergessen lernen. Die deutsche Ministerin Ilse Aigner hat nun einen "digitalen Radiergummi" vorgestellt. Funktioniert er so, wie Sie sich das Vergessen wünschten?

Viktor Mayer-Schönberger: Ich wünsche mir ein Vergessen, das den Menschen zum Mittelpunkt hat. Ich bin davon überzeugt, dass es an uns liegt, wieder zu vergessen. Damit uns das leichter fällt, helfen uns auch technische Mittel. Insofern freue ich mich über den Vorschlag von Frau Aigner und hoffe, dass sich aus den Systemen von Michael Backes und anderen diese technischen Werkzeuge entwickeln lassen.

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Viktor Mayer-Schönberger
Viktor Mayer-Schönberger

Mayer-Schönberger studierte Jura in Salzburg, Cambridge und Harvard. Während seines Studiums gründete er eine Firma für Datensicherheit und Antivirussoftware, blieb letztlich aber in der Wissenschaft, unter anderem an der John F. Kennedy School of Government in Harvard und als Director of the Information Policy Research Center an der National University in Singapur. Derzeit ist er am Oxford Internet Institute Professor für Internet Governance and Regulation. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt Big Data – A Revolution That Will Transform How We Live, Work, and Think, das im Oktober auf Deutsch erschienen ist.

Aber die Technik allein wird das Problem nicht lösen – das hat auch Frau Aigner gesagt. Es ist ein wenig wie bei der Brandbekämpfung: Der Wasserschlauch und auch der Hydrant helfen als technische Werkzeuge; aber es bedarf der Institution Feuerwehr, des menschlichen Wissens, wie gelöscht werden muss.

ZEIT ONLINE: Bei dem von Michael Backes entwickelten System werden die Daten verschlüsselt. Wer eine so gekennzeichnete Datei anschauen will, muss von einem Keyserver einen Schlüsselcode herunterladen. Ist das sinnvoll?

Mayer-Schönberger: Das ist ohne Detailkenntnisse schwer zu beurteilen. Sehr allgemein gesprochen sind zentrale Keyserver immer ein potenzieller single point of failure ; ihr Vorteil ist freilich – wenn sie funktionieren – ein gewisses Maß an Sicherheit.

ZEIT ONLINE: Der Begriff single point of failure meint doch auch die Gefahr, dass ein Schlüsselserver als potenziell interessantes Objekt Ziel von Angriffen wird, oder?

Mayer-Schönberger: Ja, diese Gefahr besteht und müsste zum Beispiel durch ein Netz an Keyservern vermindert werden. Wobei sich hier wieder schwierige Folge-Fragen ergeben. Das hat sich auch beim Vanish-System der Forscher an der Universität Washington gezeigt, die vor circa zwei Jahren eine Möglichkeit eines Verfallsdatums geschaffen haben. Kollegen an der Universität Princeton um Ed Felten haben den fundamentalen Baufehler des Vanish-Systems dokumentiert .

Ich hoffe für Michael Backes und seine Kollegen, dass es ihnen besser ergeht. Gleichzeitig haben Felten und seine Mitarbeiter aber auch einen Weg aufgezeigt, wie ein Verfallsdatum ohne Keyserver funktionieren könnte. Ich denke, hier gibt es noch genug Raum für interessante technische Innovationen. Dass Deutschland hier dabei ist, dazu gratuliere ich.

ZEIT ONLINE: Sind so komplexe Systeme überhaupt notwendig? Genügt es nicht, mich als Nutzer daran zu erinnern, dass ich bestimmte Sachen nicht ewig speichern sollte?

Mayer-Schönberger: Technisch geht es auch viel einfacher. Es genügt ja auch ein Symbol für Damen und eines für Herren, damit Frauen nicht aufs Herrenklo gehen und umgekehrt.

ZEIT ONLINE: Oder geht es gar nicht um technische Lösungen, müssen wir uns angesichts nahezu unbegrenzter Speicherkapazität nicht selbst beschränken?

Mayer-Schönberger: Mir geht es um eine gesellschaftliche Debatte über die Wichtigkeit und die Funktion von Erinnern und Vergessen. Aus dieser Debatte entwickelt sich hoffentlich, wie wir konkret mit dem digitalen Erinnern umgehen. Technik kann dabei helfen. Sie ist aber nur ein Element bei unserer Suche nach einer Lösung, wie wir mit dem digitalen Erinnern leben. Es wäre falsch zu glauben, dass wir uns diese gesellschaftliche Debatte durch ein technisches Werkzeug ersparen könnten.

ZEIT ONLINE: Angesichts der Möglichkeiten von technischen Werkzeugen und Gesetzen – was ist mit jenen, die nicht vergessen, die solche Systeme nicht nutzen wollen? Haben Sie ein Recht auf ewige Speicherung, auch wenn dies andere tangiert?

Mayer-Schönberger: Einmal abgesehen von gesellschaftlichen Erinnerns- und Vergessensnormen denke ich schon, dass jene, die Erinnern wollen, das auch können sollten. Wenn ich meine Landschaftsfotos, meine Tagebuchaufzeichnungen, meine pubertären Poetikversuche die folgenden Jahrzehnte aufheben möchte, dann soll ich das können und dürfen.

Schwierig wird es immer, wenn andere davon betroffen sind: bei einem Foto etwa, das nicht nur mich, sondern auch einen Freund in kompromittierender Situation zeigt. Für diese Fälle muss die Frage des Erinnerns beziehungsweise Vergessens zwischen den Betroffenen verhandelt werden. Dazu kann es auch notwendig sein, einen gesetzlichen Rahmen oder eine gesetzliche Default-Regel vorzugeben.

Ich könnte mir für alles digitale Erinnern, das wie ein Foto bei Flickr den unmittelbaren individuellen Kontrollbereich verlässt, ein gemeinsames Verfallsdatum vorstellen. Wenn die Betroffenen sich nicht einigen können, gilt eben das kürzere der beiden Verfallsdaten. Aber das ist eine Frage, die jede Gesellschaft für sich beantworten muss.

Das mag kompliziert klingen, aber es ist eben keine leichte Frage. Wir sollten uns im digitalen Zeitalter aber auf keinen Fall davor drücken, sie zu diskutieren, denn sonst entscheiden andere und unabhängig von unseren Wünschen.

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Leserkommentare
  1. Single point of failure: "Ja, diese Gefahr besteht und müsste zum Beispiel durch ein Netz an Keyservern vermindert werden. Wobei sich hier wieder schwierige Folge-Fragen ergeben. Das hat sich auch beim Vanish-System der Forscher an der Universität Washington gezeigt, die vor circa zwei Jahren eine Möglichkeit eines Verfallsdatums geschaffen haben. Kollegen an der Universität Princeton um Ed Felten haben den fundamentalen Baufehler des Vanish-Systems dokumentiert."

    Lächerlich. Zu akademisch. Die ganze Idee scheint schlecht konzipiert, wenn man in einem heterogenen Systeme auf sog. zentralistische "Keyserver" setzen muss. DRM lässt grüßen. Es scheint eher ein Auswuchs von begeisterten Informatikern und schlecht informierten Politikern zu sein.

    Man denke an Zeitungsbeiträge, die nach 10 Jahren nicht wiederhergestellt werden können, oder daran, dass nur sehr beliebte Beiträge überhaupt ermöglicht werden. Lächerlich. Es würde Foucaults Idee einer Archäologie des Wissens auf den Kopf stellen und zu einem totalitären System führen.

    Es darf unter keinen Umständen grundsätzliche Verfallsdaten geben. Ich kann handlungs- und wissenschaftstheoretisch keinen Bedarf daran feststellen. Es ist nur ungewohnt.

    Der Bezug der Menschen zu Daten und Informationen wird sich in den nächsten Jahren verändern. Auch die Photographie wurde binnen 100 Jahren entmystifiziert.

  2. so schön die Idee auch scheinen mag, so viele Vorteile es auch bietet:

    Jeder einzelne kann JEDERZEIT eine Kopie der Datei/des Bildes/Videos... erstellen, die nicht verfällt.

    Wenn dieser jemand nun möchte kann er eben besagtes Photo z.B. erneut bei Flickr einstellen, so oft er will.

    Um hier vernünftigere Wege als die vorgeschlagene, extrem umständliche und von einem veralteten Anbieter/Nachfrager-ausgehende Variante einzuschlagen benötigen wir wahrscheinlich mit den Möglichkeiten der modernen Technik vertrautere Politiker als wir diese bei CSU, SPD, Grünen und Linken finden (FDP nenn ich hier nicht, die gibts doch eh nicht mehr lang, oder?)

    Zum Glück sind bald in vielen Bundesländern Wahlen, in denen man eine neue Chance bekommt.

    • henry06
    • 11. Januar 2011 14:05 Uhr

    dass dieses Beispiel mit der kompromittierenden Situation immer wieder herangeführt wird, um das Löschen von Daten zu rechtfertigen. Vielmehr müsste die Gesellschaft endlich mal einsehen, dass kein Mensch perfekt ist und jeder Fehler macht oder Dinge an sich hat, die nicht "normal" sind. Dann, und nur dann, sind wir auch in der Lage, mit kompromittierenden Situationen umzugehen.

    Was soll denn der Quatsch, dass Daten jetzt gezielt gelöscht werden (um vergessen gehts ja nicht, sondern ums Löschen). Bis auf wenige Ausnahmen (Kinderpornographie) kann ich schlicht und ergreifend keinen Sinn darin sehen, dass Daten unbedingt gelöscht werden müssen. Im Gegenteil, eine möglichst lange Haltbarkeit ist doch von großem Wert.

    mfg henry

  3. Erfinder des digitalen Vergessens? Zum einen wird man nicht zum Erfinder, nur weil man sich eine technische Möglichkeit wünscht. Er ist bestenfalls der Erfinder der Idee, aber auch das bezweifle ich. So habe ich 2004 einen Text geschrieben und ins internet gestellt, der durch einen mir nicht mehr vorliegenden Beitrag angeregt wurde, in dem über Unsterblichkeit per web philosophiert wurde. Nichts würde mehr vergessen werden, war der Tenor. Dazu schrieb ich in meinem Text, dass man manches schon zu vergessen wünscht. Ich meine, es gab damals auch ähnliche Ideen eines Vergessens durch andere.

    Übrigens thematisierte ich den Punkt in anderer Weise. Nachdem ich ausführte, dass die Kernkompetenz der Netze gerade in einem Bewahren besteht, so dass eine Vergänglichkeit von Daten im Widerspruch dazu steht und nicht ohne Schwierigkeiten eingebaut werden kann, sowie die zukünftige Entwicklung (Dezentralisierung) eher jede Lösung noch erschweren würde, fragte ich eben nach dem, was auch Mayer-Schönberg, allerdings erst in zweiter Linie, anspricht: Wie sollen wir als Menschen und Gesellschaft damit umgehen? Dabei spielt nicht nur die Unsterblichkeit der Information eine Rolle, sondern ihr unbegrenztes Anwachsen bei gleichzeitiger Beschränkung menschlicher Aufmerksamkeit und Verarbeitungskapazität. Das Vergessen, das ich dann meinte, war eben ein zufälliges - das Verschwinden von Einzeldaten unter einem stetig anwachsenden Berg an neuen Daten.

  4. Nämlich das Vergessen der Grammatik, so sie je Kenntnisse auf diesem Gebiet hatten.;)

    In einer Zeit, in der Radiomoderatoren den Relativsatz mit "wo" beginnen, wundert einen gar nichts mehr...

  5. Immer wieder taucht er in Film, Fernsehen und besonders in Krimis auf, der Pornofilm des später Berühmten und durch das Filmchen Kompromittierten.

    Ich bin aber ziemlich sicher, dass wir schnell merken, dass wir kein wie auch immer geartetes Löschsystem benötigen. Die schiere Masse an peinlichen Bilder, Filmen und sonstigen Hinterlassenschaften im Netz wird schnell dazu führen, dass sie so ungewöhnlich sind, wie heute BH tragende Frauen.

    Wichtiger wäre ein günstiges Speichersystem z. B. in der Cloud für alle, die ihre wertvollen (?) Daten sicher und vor unberechtigten Zugriffen geschützt speichern wollen. Alle Backups helfen nichts, wenn z. B. die Bude ausbrennt. Die Backups auf selbstgebrannten CDs und DVDs haben das Vergessen eh schon eingebaut.

    • mecki48
    • 11. Januar 2011 18:02 Uhr

    finde ich irgendwo im netz die nacktfotos von fr. aigner, die sie jetzt unbedingt löschen möchte.;-) ansonsten kann ich diese hype nicht verstehen. vorallem diese unkenntnis der dinge. wir brauchen ein vernünftiges system der datenspeicherung und -sicherung. alle heutigen system taugen nicht für das längere speichern. der aufwand an immwährenden backups ist enorm und verursacht immense kosten. allein für staatliche konntrollbehörden müssen manche daten bis zu 30 (!) jahren gespeichert werden. wer hat diese frau ins amt gehoben.... quotenfrau?

  6. Wenn wir jene Seiten mit einem "digitalen Radiergummi" entfernen könnten, ist das ganz sicher nur die halbe Lösung, weil für die Opfern das Video im Netz irrelevant ist,

    das reale Vergessen wird ihnen schwerfallen,

    meine ich!

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    im Netz auf einem Video findet, da muss ich mich korrigieren, dann wird ein digitales Vergessen notwendig, neben dem realen Vergessen,

    das wäre gut!

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  • Schlagworte Ilse Aigner | Debatte | Feuerwehr | Flickr | Single | Verbraucherschutz
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