DatenschutzWas Vorratsdaten über uns verraten

Der Chaos Computer Club nennt Handys "Ortungswanzen". Zu Recht, wie unsere interaktive Grafik zeigt: Die Vorratsdaten des Grünenpolitikers Malte Spitz enthüllen sein Leben. von 

Bewegungsprofil von Malte Spitz, basierend auf den Vorratsdaten seines Handys

Bewegungsprofil von Malte Spitz, basierend auf den Vorratsdaten seines Handys. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen.  |  © ZEIT ONLINE

"Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard, Flensburg und das BKA, haben unsere Daten da", sangen Kraftwerk 1981 in Computerwelt . Es klang damals unglaublich, später bedrohlich, und heute klingt es lächerlich. Denn die Wirklichkeit ist viel banaler. Unsere Telefone sind es, die am meisten über unsere Gewohnheiten verraten. Der Chaos Computer Club nannte die kleinen, mächtigen Computer in unseren Taschen deswegen auch schon "Ortungswanzen".

In einem Gutachten für das Bundesverfassungsgericht hat der Verein im Juni 2009 theoretisch beschrieben , welche Informationen bei der sogenannten Vorratsdatenspeicherung übermittelt werden und was sich daraus alles ablesen lässt . Das Verfassungsgericht hat die damalige Regelung inzwischen gestoppt , aufgegeben aber wurde die Idee von Ermittlern und Politik keineswegs . Zu interessant sind die Möglichkeiten, aus diesen auf den ersten Blick harmlos wirkenden Daten Erkenntnisse zu gewinnen. In den kommenden Wochen will die Bundesregierung über eine neue Regelung entscheiden.

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Klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Karte zu gelangen

Klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Karte zu gelangen  |  © ZEIT ONLINE

Was genau sich aus den Daten erfahren lässt, das konnten die meisten Menschen bis heute nur in der Theorie sehen, praktische Beispiele gab es nicht. Der Grünenpolitiker Malte Spitz hat sich daher entschlossen, seine Vorratsdaten aus dem Zeitraum August 2009 bis Februar 2010 zu veröffentlichen. Um sie zu überhaupt bekommen, musste er gegen die Telekom klagen .

Die Daten, die ZEIT ONLINE hier zum Download zur Verfügung stellt und die Basis der hier gezeigten interaktiven Karte sind , entstammen einem Exceldokument mit 35.831 Zeilen. Mehr als 35.000 Mal also hat sein Mobiltelefon in diesem halben Jahr Informationen Preis gegeben. Jede einzelne davon ist im Zweifel unbedeutend und harmlos, in der Summe aber ergeben sie das, was Ermittler ein Profil nennen – ein klares Bild über Gewohnheiten und Vorlieben, ja über das gesamte Leben.

Das Profil enthüllt, wann Malte Spitz durch Straßen läuft, wann er Bahn fährt, wann er fliegt. Es zeigt, in welchen Städten und an welchen Orten er sich aufhält. Es zeigt, zu welchen Zeiten er arbeitet und zu welchen er schläft, wann man ihn am besten erreichen kann und wann eher nicht. Es zeigt, wann er lieber telefoniert und wann er lieber eine SMS verschickt und es zeigt, in welchem Biergarten er gerne sitzt. Es zeigt ein Leben.

Vorratsdaten

Wer mit wem, wann, wie lange, von wo aus und womit: Das ungefähr sind die Informationen, die anhand der Vorratsdatenspeicherung erfasst werden sollen.

Das Gesetz, das das Bundesverfassungsgericht am 2. März 2010 für verfassungswidrig erklärte, war 2008 in Kraft getreten. Die Basis bildet eine EU EU-Richtlinie von 2006. Sie verpflichtete alle Telekommunikationsanbieter, die mehr als 10.000 Kunden haben, die sogenannten Verbindungsdaten für mindestens sechs Monate und maximal zwei Jahre zu speichern.

Dies bedeutet: Die gesamte Kommunikation und auch alle Kommunikationsversuche via Telefon, SMS, E-Mail oder Internet werden erfasst und sind ein halbes Jahr rückwirkend noch nachvollziehbar – nicht ihr Inhalt, aber sämtliche Metadaten, die über Art und Umfang des Kontaktes etwas aussagen.

Unschuldsvermutung

Diese Daten sollen, so die Idee des Gesetzgebers, Strafverfolgern zur Verfügung stehen und ihnen vor allem bei der Suche nach Terroristen helfen. Allerdings lassen Schätzungen der Kommunikationsanbieter den Schluss zu, dass sie vor allem dazu dienen, leichtere Vergehen wie illegales Datentauschen, Betrug oder Beleidigungen zu verfolgen.

Unabhängig davon ist der Hauptkritikpunkt, dass mit der Vorratsdatenspeicherung jeder Bürger potenziell verdächtig ist und überwacht wird und dass die Datenspeicherung so dazu beiträgt, die Unschuldsvermutung abzuschaffen.

Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass sich anhand von solchen Verbindungsdaten detaillierte Aussagen über das Verhalten der Beobachteten machen lassen und dass die Daten mindestens genauso aufschlussreich sind wie ein Abhören der Inhalte der Kommunikation.

Streit in der Koalition

Das Bundesverfassungsgericht hatte zwar das deutsche Gesetz dazu kassiert, nichtsdestotrotz schreibt die zugrunde liegende EU-Richtlinie von 2006 vor, Telefon- und Internetdaten zu Fahndungszwecken zu speichern. Die Bundesregierung, weder die schwarz-gelbe noch die große Koalition, hat sich bislang auf ein neues Gesetz einigen können. Man wollte die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof im April 2014 abwarten. 

Gerichtsverfahren

Am 8. April 2014 kippte der Europäische Gerichtshof die EU-Richtlinie von 2006. Die Vorratsdatenspeicherung stelle einen "Eingriff von großem Ausmaß und besonderer Schwere in die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens" dar, hieß es in dem Urteil. Die Speicherung von Kommunikationsdaten ohne Verdacht auf Straftaten sei nicht mit EU-Recht vereinbar. Bürgerrechtler aus Irland und Österreich hatten zuvor geklagt.

Um zu verdeutlichen, wie genau sich ein Leben abbilden lässt, hat ZEIT ONLINE die Vorratsdaten mit öffentlichen und für jeden problemlos verfügbaren Datensätzen "angereichert": Zu den Bewegungen von Malte Spitz werden seine Tweets und Blogeinträge angezeigt, die er in dieser Zeit geschrieben hat. Ein Verfahren, dass im Zweifel auch Ermittler nutzen würden, um ein Beobachtungsobjekt "aufzuklären".

Um zu belegen, wie genau die Angaben seines Telefons sind, sind auch seinen Termine sichtbar, wie sie auf der Website der Grünen veröffentlicht wurden. Die Orte, die sich im Muster der Funkzellen zeigen, finden sich dort sämtlich wieder.

Leserkommentare
    • Maebh
    • 24. Februar 2011 15:55 Uhr

    Wenn man sich zum Beispiel mit den schäublischen Dimensionen des Generalverdachts auseinandersetzt, dann kann man schon den Eindruck bekommen, dass es sich hier (teilweise) um Stasi-Methoden handelt.

    Allein der Ausdruck Online-Durchsuchung ist zum Beispiel absolut irreführend, weil der Eindruck erweckt wird, es handle sich um einen richterlich angeordneten Durchsuchungsbefehl, wie man ihn für eine Hausdurchsuchung braucht. Das ist nicht der Fall.
    Zur Terrorabwehr kann zum Beispiel jeder Computer ausgespäht werden - vielleicht sogar Ihrer.

    Aber solange man damit einen pösen Kindesentführer fassen kann...

  1. " manchmal glaube ich...
    dass diese ganzen tollen modernen kommunikationsmittel von den geheimdiensten erfunden wurden."

    Das Internet aus der Dezentralisierung des Computernetzes des Pentacon entstanden. Sollte es da keine Weiterverfolgung der Entwicklung geben?

    Antwort auf "manchmal glaube ich..."
  2. Hoffnung macht dagegen die totale Inkompetenz der Überwacher. Wie lange hat es gedauert, den E-Personalausweis zu hacken? 16 Stunden? Und die elektronischen Wahlautomaten? Nicht einmal 3 Tage...
    Solange unfähige Trottel dieses Land regieren, liegt die größte Gefahr wohl eher im privaten Bereich; etwa kann jeder Abmahnanwalt diese Daten aufgrund einer Gesetzeslücke (die ich nicht ganz verstehe - läuft über Akteneinsicht bei Ermittlungen) diese Daten einsehen.

    Andererseits: war der Staat nich ein mal dafür da, das Recht, Würde und die Freiheit der Menschen in diesem Lande zu schützen, statt eine Gefahr für sie darzustellen? Vielleicht wird´s mal wieder Zeit für einen Sturm auf die Bastille; immerhin zeigt man uns ja gerade im arabischen Raum, wie so was funktioniert.

    Antwort auf "1984..."
  3. Sehr geehrter Mike M.,
    es ist gar nicht so lange her, da nutzen einige "findige" "Datenjäger" jegliche Daten/Möglichkeiten um bestimmte Bevölkerungsgruppen ausfindig zu machen....

    ...sie zu deportieren und zu töten.
    Niemand hätte jeh gewollt Daten dafür gesammelt. Diese Daten waren für ganz andere Dinge gedacht - und doch waren wir (!!) Deutschen sehr perfekt darin, sowas zu nutzen.

    Es gibt NICHTS mit dem sie so etwas verhindern können ! Und auch Sie sind kein Garant für eine friedliche Zukunft !
    Genau deshalb ist mir meine Privatspähre wichtig und sie haben es einfach zu respektieren !

    Letztendlich können Sie nicht dagegen argumentieren..und Sie können noch so behaupten : Das würde keiner mehr tun, das wäre doch strafbar !
    Mich könnten sie nicht davon abhalten..und das hebelt Ihre Argumentation schon aus ! Damals...ist noch gar nicht so lange her. Politik und Zeiten ändern sich - wer weis schon was morgen kommt !

    Da wo nichts ist - kann es nicht Mißbraucht werden !
    Da wo was ist - wird es Missbraucht...die Frage ist nur : Wann !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Da wo nichts ist - kann es nicht Mißbraucht werden !"

    werfen sie ihr mobiltelefon in die tonne (vergessen sie nicht, die sim-karte zu entfernen) und machen sie sich auf in die steinzeit. oh, ich vergaß - die hatten faustkeile und schlugen sich die köpfe ein.

    • flusser
    • 24. Februar 2011 16:29 Uhr

    Genau, wir haben ganz andere Probleme im Land:

    Zum Beispiel den Juchtenkäfer im Stuttgarter Schloßgarten oder den dazu gehörenden Bahnhofsbau! Für soetwas tröten die Stuttgarter Ökofundies mit dem scharfen Blick für das Unwesentliche täglich um 19 Uhr mit dem Deppenstreich und gehen ihren Nachbarn auf den Wecker. Bravo!

    Dagegen ist die Generalüberwachung der Bürger durch den Staat und die Wirtschaft natürlich lächerlich, Datenschutz ist Panikmache der Paranoiker!

    NEIN! Datenschutz ist immens wichtig und keineswegs eine Kleinigkeit um die man sich nicht weiter kümmern muss! Schön, daß Zeit-Online diesem Thema mal den gebührenden Platz einräumt: Ganz oben auf der Seite!

    Antwort auf "Panikmache."
  4. "Vielleicht gefällt ihrem Arbeitgeber ihre Route zur Arbeit nicht?"

    wenn das so wäre, würde mir der arbeitgeber nicht gefallen; wo ist das problem?

    im ernst: in diesem licht erscheint der aufstand der gartenzwergbesitzenden gutmeinenden gegen google-streetview vollends als stück aus dem tollhaus (der anstalt?).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Ihnen Ihr Arbeitgeber nicht gefällt ist das vielleicht ein Luxusproblem.

    Aber was wenn auf Grund politischer Veränderungen eine Partei an die Macht kommt, der nicht gefällt, dass Sie:
    - weniger als drei Kinder haben
    - mehr als drei Kinder haben
    - eine Bibliothek besuchen
    - keine Bibliothek besuchen
    - auf dem gleichen Platz waren, auf dem eine Demo gegen die Regierung statt fand
    - nicht auf dem gleichen Platz waren, auf dem eine "Demo" für die Regierung statt fand

    usw.

    Unwahrscheinlich? Mag sein. Sie haben sicher auch im Januar vorhergesehen was zur Zeit in Nordafrika los ist.

    Nicht vergleichbar? Werfen Sie mal ein Blick ins Geschichtsbuch. Die letzten 150 Jahre reichen.

  5. 48. tonne

    "Da wo nichts ist - kann es nicht Mißbraucht werden !"

    werfen sie ihr mobiltelefon in die tonne (vergessen sie nicht, die sim-karte zu entfernen) und machen sie sich auf in die steinzeit. oh, ich vergaß - die hatten faustkeile und schlugen sich die köpfe ein.

    Antwort auf "Mike M..."

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