Wir haben die Schwelle zur computerisierten Gesellschaft ganz beiläufig überquert. Unser Leben wird in Bits und Bytes gespeichert, ob wir wollen oder nicht. Wir telefonieren, lesen und schreiben digital, unsere Musik und unsere Bilder sind auf Festplatten gespeichert, der Großteil unserer Nachrichten stammt aus Online-Quellen. Unser Mobiltelefon kann verraten, wo wir gerade sind, und unsere "Freunde" bei Facebook & Co. erfahren alles über unseren Alltag. Egal, was und wo wir arbeiten, es gibt praktisch keine Tätigkeit mehr, die keine Datenspuren hinterläßt. Die Digitalgesellschaft macht vor kaum einem Lebensbereich halt – und sie erzeugt immer mehr Daten, die ausgewertet, analysiert, gefiltert und verarbeitet werden können.

Wir haben uns in die Rolle des ständigen Datengebers eingelebt, erlauben bewußt oder unbewußt tiefe Einblicke in unser Kommunikationsverhalten, unsere Wünsche, unser soziales Umfeld. Die neue Spezies des Homo reticuli hat sich durchgesetzt. Milliarden Informationsschnipsel werden weltweit jede Minute in sozialen Netzwerken und Internetdiensten erzeugt. Sie zu sammeln und aus ihnen Profile zu erstellen, sortiert nach Alter, Geschlecht, Aufenthaltsort und Wohnort, Arbeitgeber oder Nationalität, ist zum lukrativen Geschäft geworden. Das fast magische Verhältnis, das wir zu Computern und Mobiltelefonen entwickelt haben, füllt wie nebenbei die Taschen der Datenfresser, der Profiteure der digitalen Goldmine. Hier herrscht der Wilde Westen, der ganz nebenbei über uns kam.

© S. Fischer Verlag

Versprochen wird uns eine bessere, einfachere, vernetztere Welt. Maschinelle "Intelligenz" soll uns angeblich helfen, bessere Entscheidungen zu fällen, uns intensiver mit unseren Freunden zu vernetzen und die Informationsflut zu organisieren und zu bewältigen. Noch sind die virtuellen Heinzelmännchen, die scheinbar intelligenten Helferlein, unvollkommen. Die Ecken und Kanten werden jedoch von lernenden Algorithmen abgeschliffen, für die jede menschliche Reaktion, jede Suchanfrage, jede digital aufgezeichnete Lebensäußerung ein wertvoller Hinweis ist, es beim nächsten Mal besser zu machen. Mehr und mehr Wissen über uns wird angehäuft und gespeichert, damit uns die Computer immer besser zu Diensten sein können. Das Datenfutter für die Perfektionierung der "künstlichen Intelligenz" liefern wir selbst, und wo diese noch nicht ausreicht, helfen wir gern aus.

Was aber bleibt, ist ein diffuses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Überforderung, der hilflosen Unfähigkeit, die Zusammenhänge und Mechanismen zu verstehen. Wer weiß eigentlich, wo ich mich gerade befinde? Und warum weiß er auch, wo meine Freunde gerade sind – sogar besser als ich? Wie genau kann er es wissen? Warum ist die Buchempfehlung des Online-Shops so gespenstisch gut? Und wer kann meinen Literaturgeschmack noch einsehen? Woher weiß der Online-Buchladen, daß ich eine Gitarre besitze?

Die Technologien verändern sich mit großer Geschwindigkeit, über die neuesten Entwicklungen lückenlos informiert zu sein ist fast unmöglich. Doch ohne ein wenigstens intuitives Verständnis der technischen Systeme, ihrer Grundlagen und Funktionsweisen ist es schwer, die Risiken der zunehmenden Digitalisierung zu verstehen und unsere digitale Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Analogien und Geschichten können aber helfen, die wichtigen Muster zu erkennen, auch ohne Detailkenntnis der technischen Funktionsweisen. Angst vor komplexer Technik befördert eine Lähmung und den Unwillen, sich mit den Risiken zu befassen, die durch die Digitalisierung der Gesellschaft und des Alltagslebens entstehen. Diese Lähmung macht einen jedoch zum prädestinierten Opfer sowohl der kommerziellen und staatlichen Datenfresser als auch krimineller Online-Übeltäter. Ein Grundverständnis der vernetzten Welt ist mittlerweile unabdingbar geworden – und auch nicht zu schwer zu erlangen.

Wichtig für das Verständnis der digitalen Welt ist, die finanziellen Mechanismen zu durchschauen, um die daraus resultierenden Motivationen der Menschen und Institutionen erkennen zu können. Wer profitiert davon, wenn sich die sozialen Normen in Richtung weniger Datenschutz und hin zu mehr "digitaler Nacktheit" verschieben? Schnell stellt sich bei genauerem Hinsehen heraus, daß die lautesten Beschwörer des "Endes der Privatsphäre" die größten Profiteure dieser propagierten Entwicklung sind. Die Bewertungsmechanismen für Internetfirmen belohnen Innovation vor allem in einem Gebiet: den Nutzern immer mehr Informationen zu entlocken, sie auf den Plattformen zu halten und alle ihre Freunde einzuladen. Entsprechend agieren auch die Betreiber und ihre Eigentümer: Ob Google oder Facebook, gepriesen wird eine Illusion von Freiheit durch Datenfreigiebigkeit. Zum Wohle des Unternehmenswertes werden menschliche Grundnormen wie die Achtung der Privatsphäre oder die Diskretion zerrüttet.

Und welcher Antrieb steckt hinter der raumgreifenden Speichergier des Staates? Flächendeckend soll unser Kommunikationsverhalten gespeichert werden, mit der vagen Begründung, daß man die Daten ja eventuell mal zur Strafverfolgung benötigen könnte. Durch die biometrische Erkennung macht die Datengier inzwischen nicht mal mehr vor unseren Körpern halt. Die neuen Techniken treten schleichend in unser Leben, wie zum Beispiel die an eine erkennungsdienstliche Behandlung erinnernde Prozedur auf den Meldeämtern, wenn wir einen Paß beantragen. Sie gilt inzwischen fast als selbstverständlich. Auch der Führerschein enthält seit 2008 ein biometrisches Foto. Fragen Sie nicht, warum. Es ist irgendwas mit "Sicherheit". Damit, daß die politischen Entscheidungsträger, die Minister und Staatssekretäre, die als Verantwortliche die Beschlüsse genehmigt haben, mittlerweile lukrative Aufsichtsrats- und Beraterverträge in der Sicherheitsindustrie haben, hat es natürlich ganz sicher nichts zu tun.

Wir sind der Versuchung des Versprechens von der immer größeren Effizienz, von der Plan- und Berechenbarkeit, von Sicherheit und Fortschritt erlegen, ohne nachzufragen, ob wir einen adäquaten Gegenwert für die Daten bekommen, mit denen wir kollektiv für die Verheißungen bezahlen. Wir geben Informationen über uns preis – freiwillig und unfreiwillig –, von denen wir nicht einmal ahnen, wie sie in Zukunft verwendet werden. Doch daß die Datenwährung, mit der wir faktisch für all die kostenlosen Internetdienste und auch für das Versprechen von mehr staatlicher Sicherheit bezahlen, uns später noch viel teurer zu stehen kommt, als wir momentan annehmen, ist absehbar. Daten zu speichern und aufzuheben gilt als besser, als sie zu löschen: Man weiß ja nie, wozu sie noch gut sein können. Das digitale Gedächtnis wächst und wächst, ein Ende ist nicht vorgesehen.

Die gute Nachricht ist, daß wir nicht wehrlos sind gegenüber der Informationsmagie und -gier, daß wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen können und Entwicklungen keineswegs zwangsläufig sind. Es gilt, die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas in eine positive Richtung zu lenken, auch dadurch, daß man sich zuallererst um seine eigene Datensouveränität kümmert. Auch die digitale Zukunft entsteht durch die Summe der vielen kleinen Handlungen, die wir alle jeden Tag tun, lassen, ignorieren oder kritisieren. Erste Anzeichen eines Umschwungs weg von der Herrschaft der Datenfresser sind schon zu beobachten. Die Diskussionen der letzten Jahre über staatliches und privates Datenhorten, über Skandale und Mißbrauch zeigen eine wachsende Sensibilität für Fragen der digitalen Privatheit.

Sich der Bedeutung seiner Privatsphäre bewußt zu werden, darüber nachzudenken, wo die Grenzen sind, was man wirklich für sich behalten will, ist der erste Schritt zur digitalen Mündigkeit. Jeder von uns hat etwas zu verbergen – die Frage ist immer nur, vor wem.