MicrobloggingDaten sind Twitters Geschäftsmodell

Nicht Werbung wird Twitter profitabel machen, sondern die Tweets seiner Nutzer. Das Unternehmen hat erste Deals zur Auswertung der Daten geschlossen. von 

Was machst Du gerade?, fragt Twitter und Millionen antworten jeden Tag

Was machst Du gerade?, fragt Twitter und Millionen antworten jeden Tag  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Allzu viel Werbung gibt es auf Twitter nicht und bislang war nicht klar, wie sich der für Nutzer kostenlose Dienst finanzieren könnte. Zwar legen 2009 im Netz aufgetauchte Informationen nahe, dass Twitter Umsatz macht. Gleichzeitig aber steht in diesen Unterlagen auch, dass jeder Nutzer jährliche Kosten von circa einem Dollar verursacht – angesichts einer geschätzten Nutzerzahl von 200 Millionen eine erhebliche Summe.

Inzwischen aber scheint das Nachrichtennetzwerk ein Modell zum Geld verdienen zu haben, auch wenn das nicht jedem gefallen wird: Es verkauft den Zugriff auf seine Datenbank.

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Twitter ist öffentlich und jeder kann sehen, was über das Netzwerk rauscht, 140 Millionen Kurzbotschaften sind es an einem durchschnittlichen Tag. Auch eine Suche gibt es , um bestimmte Themen, Menschen oder Tweets wiederzufinden.

Doch vollständig ist der Zugang, den normale Nutzer haben, nicht. Das Twittergedächtnis, auf das sie zugreifen können, reicht nur kurze Zeit zurück. Die Suche beispielsweise ist beschränkt auf 1500 Ergebnisse . Bei Themen, zu denen viel getwittert wird, kann das heißen, dass Tweets nach einigen Monaten nicht mehr über die Suche zu finden sind.

Vernetztes Geschnatter

Twitter bietet nicht viel Platz, 140 Zeichen lang sind die Nachrichten dort nur und bis zu dem gleich folgenden Punkt sind es schon 136. Trotzdem ist Twitter sehr viel mehr als nur eine Plattform zum Versenden von kurzen Informationen. Das Geheimnis ist die Vernetzung.

Wer sich nicht mit den "Feeds" von Freunden, Kollegen, Bekannten, Stars, Nachrichtenportalen, Firmen verbindet, ihnen folgt, für den ist der Dienst lediglich ein endloser Strom wirren Geschnatters. Schwer zu durchschauen, praktisch nicht zu gebrauchen. Doch wer sich vernetzt, für den bekommt Twitter Bedeutung: für den einen wird es damit Marketinginstrument, für den zweiten der Ort, an dem er erfahren kann, was seine Freunde bewegt, für den dritten Recherchewerkzeug, für den vierten Zeitung.

Suchwerkzeuge

Um den Dienst zu nutzen, braucht es nicht zwingend einen Account, man kann bei Twitter auch nur lauschen, lesen, zuhören. Die Suche ist dabei das wichtigste Instrument. Im Gegensatz zu Google werden neue Ergebnisse zu Ihrem Stichwort in Echtzeit hinzugefügt, sodass sich ein Strom von Neuigkeiten zu Ihrem Thema ergibt.

Und es gibt Werkzeuge, dank derer sich noch viel mehr erfahren lässt. Beispielsweise What the Trend. Die Seite zeigt, was gerade am häufigsten via Twitter diskutiert wird – und erklärt dabei auch gleich die dazugehörenden kryptischen Begriffe. Denn die sogenannten Hashtags, symbolisiert mit dem Rautezeichen #, sind so etwas wie die Verschlagwortung des Twitteruniversums und oft nicht leicht zu verstehen. Unter #cebit, um ein sich selbst erklärendes Beispiel zu nehmen, finden sich tausende Tweets zu der Computermesse. Fügen Sie in der Suche weitere Hashtags hinzu, lässt sich dieser Strom beliebig verfeinern.

Der Strom selbst verfasster Nachrichten lässt sich zwar komplett abrufen, auch der von beliebigen Profilen, wenn sie einzeln aufgerufen werden – zumindest wenn er nicht länger als 3200 Tweets ist . Doch gibt es keine Möglichkeit, automatisiert alle Tweets aus Twitter abzusaugen. Und schon gar nicht lassen sich alle Metainformationen einsehen, die mit jeder Botschaft verknüpft sind.

Das alles kann aber derjenige kaufen, der dafür bezahlt. Lohnend ist das allemal, hat der Dienst doch eine gigantische Datenbank menschlicher Kontakte, Wünsche und Gedanken angesammelt. Dank der umfangreichen Metainformationen lassen sich die unzähligen Tweets nach diversen Kriterien durchforsten und sortieren.

Das IT-Portal ReadWriteWeb hat diese bis zu 40 zusätzlichen Informationen aufgelistet . So wird zu jedem Tweet gespeichert, in welcher Zeitzone und Sprache, zu welchem Zeitpunkt und Ort, mit welcher Software und von welchem Account aus er abgeschickt wurde. Außerdem speichert Twitter, wie viele Follower der Account hat und wie vielen er folgt. Wenn ein Tweet sich auf einen anderen bezieht, wird auch die ursprüngliche Botschaft gespeichert.

Leserkommentare
  1. Damit ist dann wohl auch die privacy Einstellung bei Twitter hinfällig, oder ?

    "Nur die Leute, denen ich es erlaube, können meine Tweets erhalten.Wenn Du dieses Kästchen abhakst, werden Deine künftigen Tweets nicht öffentlich erscheinen. Tweets, die zuvor veröffentlicht wurden, können aber an manchen Stellen noch sichtbar sein."

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    Das XML eines Tweets enthält die Markierung, ob die privat ist. Der Käufer kriegt die aber wohl dennoch. Das ist im Grunde das Einzige, was mich wirklich stört. Denn alle anderen Daten (Standort, Foto, Bio, Location der Tweets, Geokoordinaten in Photos usw.) kann ich als Nutzer befüllen oder nicht befüllen.

  2. Ich werfe per flattr deutlich mehr pro Monat raus. Gerne gebe ich Twitter einen Dollar pro Monat und somit 12x mehr als ich Kosten erzeuge. Leider wurde ich nicht gefragt.

    2 Leserempfehlungen
  3. Das XML eines Tweets enthält die Markierung, ob die privat ist. Der Käufer kriegt die aber wohl dennoch. Das ist im Grunde das Einzige, was mich wirklich stört. Denn alle anderen Daten (Standort, Foto, Bio, Location der Tweets, Geokoordinaten in Photos usw.) kann ich als Nutzer befüllen oder nicht befüllen.

    Antwort auf "Privacy Einstellungen"
    • traude
    • 08. April 2011 9:36 Uhr

    Es geht ja hier nicht darum einen einzelnen möglichst genau zu Verfolgen und Bewegungsprofile oder ähnliches zu erstellen.

    Das Ziel liegt doch darin große Trends zu erforschen und es den Unternehmen zu ermöglichen darauf zu reagieren.

    Meines Erachtens mache Marktforschungsinstitute genau das schon seit Jahren.
    Und wenn sie etwas herausbekommen haben, was vielleicht noch nicht ein mal die Marktteilenehmer selbst "über sich wussten", dann was das ein riesen Erfolg!
    (Das ist an sich schon eine eigenartige Formulierung, da nichts über einen einzelnen ausgesagt werden kann und somit "der Marktteilnehmer" eine fiktive Mittelwertsperson darstellt)

    Ich sehe in den Daten ein großes Potential mehr über (einen Teil) unserer Gesellschaft zu erfahren.
    Leider wird dieses Potential durch die Bezahlhürde wohl nicht genutzt werden. Obwohl es sein kann, dass auch Uni-Institute dafür Geld ausgeben.
    Denn diese Daten sind meines Erachtens "ehrlicher" als Telefonumfragen oder ähnliches.

    Jedoch muss man auch beachten, dass zunehmend Marktlenkung über Twitter von automatisierten Accounts betrieben wird. Das könnte die eigentlich gute Ausgangslage der Daten wieder verschlechtern und nur Ergebnisse liefern, wie sie die Steuermeister haben wollen.

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    mehr über sich erfahren wollen, dann können Sie sich zB. mal mit dem Startup "recorded future" und deren Investoren befassen.

  4. Ein Unternehmen, das 200 Mio. Dollar Kosten im Jahr produziert (2009), hat jetzt nach 5 Jahren sogar ein Geschäftsmodell. Und was für eins. Eine tolle Überraschung. Respekt!

    Eine Leserempfehlung
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    ist es wenigstens aufgefallen, dass da was nicht ganz gerade läuft :) Are you ready for it?

  5. ist es wenigstens aufgefallen, dass da was nicht ganz gerade läuft :) Are you ready for it?

    Antwort auf "Gratuliere!"
  6. ..oder wer ist wirklich so naiv und glaubt, dass etwas in unserer Zeit noch wirklich gratis, kostenlos und/oder umsonst ist? Twitter hat es lediglich geschafft - wie auch Google - ein äusserst positives, 'herzliches' Image zu etablieren.

    Etwas, was Facebook nicht ganz so gut gelungen ist. Scheinbar verführt solch ein Image zu naivstem Vertrauen (und das ist nicht abwertend gemeint! Keinesfalls! Es ist nur natürlich).

    Immerhin scheint man bemüht, die Datenauswertung halbwegs kontrollierbar zu halten - oder lässt zumindest diesen Eindruck (bewusst) entstehen. Oder nicht? ;-)

    PR ist viel krasser als man denken kann, ja, denken WILL. In allen Bereichen. So eine Meldung kommt nicht ohne Grund raus... Nie! Unser Zeitalter ist eindeutig das der Manipulationen. Denkt mal drüber nach...

    Eine Leserempfehlung
    • huxi
    • 08. April 2011 10:05 Uhr

    Es ist leider dem einzelnen Twitter-Nutzer eben nicht möglich, alle seine Tweets auszulesen. Diese Möglichkeit soll eventuell in Zukunft geschaffen werden.

    Zur Zeit besteht lediglich die Möglichkeit, die letzten 3200 Tweets abzurufen.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Ich hatte es extra nochmal getestet, hab aber offensichtlich zu wenig getwittert, um an diese Grenze zu stoßen :)

    Ich korrigiere es.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

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  • Schlagworte Google | Botschaft | Dollar | Facebook | Information | Marktforschung
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