Soziale NetzwerkeWenn Mama den Facebook-Account löscht

Ein kalifornischer Gesetzentwurf will Eltern ermöglichen, die Profile ihrer Kinder im Netz zu zensieren. Das aber entlässt soziale Netzwerke aus der Verantwortung. von 

Zwei Zwölfjährige surfen in einem Internetcafè

Zwei Zwölfjährige surfen in einem Internet-Cafè.  |  © ROMEO GACAD/AFP/Getty Images

Wer jünger ist als 13 Jahre, darf Facebook nicht benutzen. So steht es in den Geschäftsbedingungen. Es hält sich jedoch niemand daran. Laut einer Studie des Pew Research Centers verfügt nahezu die Hälfte aller Zwölfjährigen in den USA über ein Facebook-Profil. Schätzungsweise fünf Millionen Nutzer von Facebook seien sogar jünger als zehn Jahre, wie eine Studie des Magazins Consumer Reports ermittelt hat.

Ein aktueller Gesetzentwurf des Bundesstaats Kalifornien will Eltern nun das Recht einräumen, die Profile ihrer Kinder zu bearbeiten oder zu löschen. SB 242 ist die Nummer des Gesetzes , es wurde von der demokratischen Senatorin Ellen Corbett beim kalifornischen Senat eingereicht.

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SB 242 sieht vor, dass Eltern von sozialen Netzwerken verlangen können, die " personal identifying information " ihrer Kinder zu entfernen, also "Name, Adresse, Telefonnummer, Führerschein- und Sozialversicherungsnummer, Adresse des Arbeitgebers, Mädchenname der Mutter, Bankverbindungen oder Kreditkartennummern". Zu den identifizierenden Informationen gehört laut Gesetzentwurf außerdem auch der Aufenthaltsort. Dienste wie Facebook Places, Gowalla oder Foursquare greifen darauf zu.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Der Entwurf möchte jedoch nicht nur Kinder auf diese Art schützen, sondern auch Jugendliche. Bis ihr Kind 18 Jahre alt ist, sollen die Eltern das Recht haben, vom Netzwerkbetreiber eine Änderung der Profilinformationen einzufordern.

Was auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, ist auf den zweiten seltsam – zementiert es doch den Status quo. Mit dem Gesetz, sollte es verabschiedet werden, wird indirekt hingenommen, dass Kinder und Jugendliche sich in sozialen Netzwerken bewegen, die eigentlich für Erwachsene gedacht sind. Statt beispielsweise zu fordern, eine wirksame Altersverifikation einzuführen, würde damit akzeptiert, dass eine solche Überprüfung des tatsächlichen Alters mühsam und im Zweifel teuer ist.

Soziale Netzwerke haben naturgemäß ein Interesse an niedrigen Eintrittsschwellen. Die Anmeldung soll unkompliziert sein und schnell gehen, um so viele Menschen wie möglich anzuziehen. Dieses Geschäftsprinzip, das einen Verstoß gegen Altersgrenzen im Zweifel in Kauf nimmt, will das Gesetz nicht ändern.

Leserkommentare
    • GDH
    • 17. Mai 2011 12:38 Uhr

    Zitat aus dem Artikel: "Statt beispielsweise zu fordern, eine wirksame Altersverifikation einzuführen, würde damit akzeptiert, dass eine solche Überprüfung des tatsächlichen Alters mühsam und im Zweifel teuer ist."

    Zu teuer? Schonmal was von Datenschutz gehört?

    Wohin soll das führen? Eine (sicher und transparent) anonyme Altersverifikation gibt es nicht und wird es voraussichtlich so bald auch nicht geben.

    Im Zweifel sehe ich das berechtigte Interesse erwachsener Nutzer an einer anonymen Internet-Nutzung als wichtiger an. Dass Kinder, die einen Internetzugang unbeaufsichtigt nutzen können, an Dinge kommen (wenn sie wollen), die nicht für Kinder geeignet sind, sollte man endlich akzeptieren. An dieser Stelle ist nunmal dei Verantwortung der Eltern gefragt. Die können noch am ehesten beurteilen, wozu ihr Kind Zugang haben soll und wie das beaufsichtigt werden muss.

    Die Anbieter am anderen Ende der Internetleitung sollten möglichst gerade nicht wissen, wie alt der Nutzer ist. Eine Infrastruktur, die viele Dienste, die eigentlich anonym seien können (Facebook versagt schon da aus meiner Sicht, mit ihrem Klarnamenswahn) nur für autentifizierte Erwachsene bereitstellt, lässt sich viel zu einfach nutzen, um auch unliebsamen Erwachsenen den Zugang zuzudrehen.

    7 Leserempfehlungen
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    "Eine Infrastruktur, die viele Dienste, die eigentlich anonym seien können (Facebook versagt schon da aus meiner Sicht, mit ihrem Klarnamenswahn) nur für autentifizierte Erwachsene bereitstellt, lässt sich viel zu einfach nutzen, um auch unliebsamen Erwachsenen den Zugang zuzudrehen."
    ---
    Was haben Sie gegen Klarnamen?
    Dinge, die man nur ohne Klarnamen im Internet verbreitet, haben sowieso keinen Wert, veröffentlicht zu werden, sonst täte es der Nutzer auch mit Klarnamen. Im Internet sollten nur noch Klarnamen infragekommen, auch bei Foren wie zeit-online und anderen.

    • GDH
    • 17. Mai 2011 12:44 Uhr

    Zitat aus dem Artikel: "Dieses Geschäftsprinzip, das einen Verstoß gegen Altersgrenzen im Zweifel in Kauf nimmt, will das Gesetz nicht ändern."

    Und weiter "Außerdem setzt das voraus, dass Eltern sich überhaupt für die Aktivitäten ihrer Kinder interessieren – wenn sie denn davon wissen. Das tun jedoch die wenigsten"

    Das klingt für mich wie Hetze. Ist es nicht an den meisten Orten auf der Welt so, dass man einen Internetzugang nur als Erwachsener bekommt (Vertrag mit dem Telefonprovider o. Ä.)?
    Wenn die Eltern das dann ihren Kindern zur Verfuegung stellen ohne sich dafür zu interessieren, ist der Inhalteanbieter ungefähr so schuldig wie die Brauerei schuld ist, wenn Eltern ihren kleinen Kindern Bier zu trinken geben.

    6 Leserempfehlungen
  1. Wie soll denn ein Internetdienst die Identität/Alter des Users wirksam überprüfen?

    Und ab wann soll man eine Eignung dazu haben einen bestimmten Dienst zu nutzen?
    Facebook sollte Tausende Mitarbeiter einstellen, die weltweit überprüfen ob junge Nutzer verantwortungsvoll mit ihren Informationen umgehen, ganz individuell.

    Ach das ist ja Aufgabe der Eltern. Wird leider oft vergessen.
    Das Mittel des "elterlichen Zugriffs" ist effektiv.

    Ein Ampelhersteller muss ja auch nicht für jede Kreuzung jemanden abstellen der erklärt :" Bei grün darfst du gehn, bei rot musst du stehn."

    2 Leserempfehlungen
  2. für unsere Gesellschaft zur Grundlage von Kommunikation bestimmter Altersgruppen wird, man als 15-jähriger also ohne Facebook-Account ausgeschlossen wird, muss eine Alternative zu Facebook gefunden werden. Open Source Netzwerke, die echten Datenschutz vielleicht garantieren könnten (aber auch da liegen die Daten auf einem privaten Server) werden sich nicht durchsetzen können, da der Traffic für diese Projekte unbezahlbar werden dürfte.

    Wenn wir also schon verdammt sind mit diesen Netzwerken leben zu müssen, sollte man sich überlegen ein staatlich verwaltetes Netzwerk zu schaffen, in dem die Nutzer ihr Recht auf informelle Selbstbestimmung auch umsetzen können. Diese Form der Kommunikation darf nicht nur verbrecherischen Datensammlern überlassen werden.

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    • GDH
    • 17. Mai 2011 17:17 Uhr

    Zitat: "Wenn wir also schon verdammt sind mit diesen Netzwerken leben zu müssen, sollte man sich überlegen ein staatlich verwaltetes Netzwerk zu schaffen, in dem die Nutzer ihr Recht auf informelle Selbstbestimmung auch umsetzen können. Diese Form der Kommunikation darf nicht nur verbrecherischen Datensammlern überlassen werden."

    Da wollen Sie offenbar den Bock zum Gärtner machen. In staatlichen Händen sind persönliche Daten wohl kaum besser aufgehoben. Und das als Zwangsbeglückung aus Steuergeldern?
    Ein Identifizierungszwang zum Zwecke des Datenschutzes?

    Viel wichtiger finde ich Rahmenbedingungen, unter denen sich niemand identifizieren muss, solange es nur um Kommunikation geht (und nicht um den Abschluss von Rechtsgeschaeften).

  3. Wenn Mama dafür sorgt, dass Facebook als überflüssiges Medium betrachtet wird, in dem Kinder schlichtwegs nichts verloren haben, weils sie mit der Fülle an Informationen gar nichts anfangen können, muss Mama auch nicht den Account löschen, weil erst gar keiner erstellt wird.

    2 Leserempfehlungen
  4. der Eltern aufgedrückt werden sollen.

    In einer Schulveranstaltung hieß es, die meisten Eltern fühlten sich mit der Mediennutzung ihrer Kinder überfordert und hoffe auf staatliche Eingriffe, die Sicherheit bringen, die sie nicht leisten wollen oder können.

    Wenn ich das höre, frage ich mich, wie andere Eltern mit ihren Kindern umgehen bzw. was sie als ihre Aufgabe in Bezug auf den eigenen Nachwuchs ansehen.

    Eine Leserempfehlung
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    > In einer Schulveranstaltung hieß es, die meisten Eltern fühlten sich mit der Mediennutzung ihrer Kinder überfordert und hoffe auf staatliche Eingriffe, die Sicherheit bringen, die sie nicht leisten wollen oder können.

    Erschreckend dieser Ignoranz der Eltern, als würden gesetzliche regelungen irgendeetwas nutzen, wenn die Eltern nicht die notwendige Komeptenz und das Vertrauen der Kinder entwickeln.

    Ich erinnere mich noch an eine Schulveranstaltung zum thema Killerspiele, wo die eltern sich tatsäöchlich hinstellten und behaupteten Ihre kinder würden sowas ja nicht spielen...

    Wie naiv, nur soll ich weil mein Sohn mir vertraut, meinen Sohn zum verräter werden lassen, um die eltern mal darauf hinzuweisen, welche der Kinder sich abends zum Online Call Of duty Spiel einloggen?

    Das traurige ist, daß es zwischen Eltern und kindern kein Austausch statt finden kann, wenn Eltern hier so ahnungslos durch die Gegend irren.

  5. Ist doch typisch für Amerika, aber mittlerweile auch bei uns.
    Anleitung einer Mikrowelle: „bitte keine Haustiere trocknen“. Für alles und jedes die 100% Nerdsicherung.
    Elternaufgaben werden durch Überlastung (wodurch auch immer) oder Desinteresse nicht wahrgenommen oder beiseite geschoben.
    Einfach Facebook und Konsorten im Router sperren und Ruhe is.

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    Das Kind wird sich von den Eltern unverstanden fühlen und bei Freunden zuhause ein facebook-account anlegen, das wird wohl kaum zu verhindern sein. Ebenso wenig ist zu verhindern, daß Kinder an Medien geraten, die nicht für Kinder gedacht sind. Das war bei uns früher so und das hat sich nicht geändert, nur das Angebot hat sich vergrößert. Da hilft nun konstruktive Auseinandersetzung mit den Medieninhalten, lernen von Textkritik etc. Wenn Eltern ihre Meinungen allerdings nur aus Zeitungen haben, wird das wohl nichts: die Zeitungen haben durch das Internet einen großen Werbe-Marktanteil verloren und bekämpfen es daher wo es nur geht, daher auch das große facebook - und Google-bashing. Ein gutes Zusammenleben mit Kindern ist nicht "billig" zu haben, es gibt keine schnellen Lösungen.

    Da gehe ich mit Ihnen völlig d’accord. Natürlich wäre das der beste Weg. Doch es gibt viele Eltern, die sind mit den Medien völlig überfordert und da ist es besser abzuschalten oder zumindest Zeitbegrenzung. Denn Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Leute mit ihren Kindern die ganze Zeit zusammen surfen?
    PS: leider habe ich davon ziemlich viel Ahnung, sehe das Elend täglich ;-)

  6. Wozu hat man denn Kinder, wenn man sich mit ihnen nicht intensiv auseinander setzen möchte und deren Leben wirklich teilen? Wer das nicht möchte, sollte keine Kinder bekommen. Und, wie hier eine Mutter meint, facebook überflüssig zu machen, ist ein armseliger Wahn. Die gute Frau hat wohl selbst keinen facebook-account, kennt es nur aus der Presse. Das kann nur schief gehen. Es dürfte wohl kaum im Interesse der Kinder sein, ihnen den Umgang mit interessanten Techniken und Portalen zu verbieten. Das wird zu Verheimlichungen führen, so wie viele Kinder heimlich rauchen.
    Es ist schon seltsam, daß meistens die Leute am besten facebook und andere normale Dinge Bescheid ( zu )wissen (glauben) , die es gar nicht nutzen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Soziale Netzwerke | Alter | Datenschutz | Einstellung | Eltern | Erwachsene
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