Jeder vierte Teenager schützt in sozialen Netzwerken sein Profil nicht gegen Blicke von außen, meldete der Branchenverband Bitkom vor einigen Monaten unter Berufung auf eine Umfrage in Deutschland. 19 Prozent zeigten ihre Daten allen Mitgliedern des Netzwerks oder gar gleich allen Internetnutzern.

Eine Hamburger Jugendliche lud versehentlich via Facebook Tausende zu ihrem 16. Geburtstag ein und konnte den Sturm nicht mehr stoppen. Mehr als 1.500 ungebetene Gäste kamen und randalierten vor dem Elternhaus, 100 Polizisten mussten sie von der Erstürmung abhalten.

Zwei Meldungen, ein Thema: Privatsphäre in sozialen Netzwerken. Wer von solchen Netzwerken redet, meint meistens Facebook – wegen der schieren Größe und wegen der legendär komplexen Einstellungsmöglichkeiten im Bereich Privatsphäre. Der Marktführer müht sich inzwischen, transparenter zu werden und seinen Nutzern mehr Kontrolle über die eigenen Daten zu geben. In den vergangenen Monaten wurde viel an der Seite verändert. Auch, um genauer darüber zu informieren, welche Dienste welche Daten abfragen und weitertragen. Wer will, kann inzwischen durchaus kontrollieren, was wohin geht.

Das aber sollte nicht von der Tatsache ablenken, dass Facebook nicht dazu gedacht ist, die Privatsphäre seiner Nutzer zu schützen. " Privacy is an interesting concept for a plattform, which is fundamentely designed about sharing. " Diesen Satz sagte Richard Allan vor Kurzem, er bedeutet: Wer etwas für sich behalten will, sollte nicht zu Facebook gehen. Allan ist Director EU Policy von Facebook und damit der oberste Lobbyist für den europäischen Markt. Er soll Politikern die Idee Facebook erklären.

Zitat Allan: "Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jemand, der zu Facebook kommt, anderen etwas mitteilen möchte. Wer privat sein will, der postet nichts im Internet." Facebook ist ein System, das zu dem Zweck gebaut wurde, Informationen mit anderen zu teilen.

Selber schuld also, wer versehentlich Tausende Menschen zu sich nach Hause einlädt. Für Facebook ist damit die Debatte beendet, ebenso die Debatte über eine eventuelle Verantwortung für solche Probleme.

Ganz so leicht ist es aber nicht. Auch Autos sind dazu gedacht, sich schnell zu bewegen. Trotzdem brauchen sie Bremsen, falls jemand anhalten will. Und es ist Aufgabe der Autohersteller, solche Bremsen zu installieren. Und zwar so, dass der Fahrer sie im Ernstfall auch finden und bedienen kann.

Das haben auch die Entwickler Facebook begriffen. Unter dem Punkt "Privatsphäre-Einstellungen" gibt es inzwischen drei Ebenen – Vernetzen, Inhalte teilen, externe Anwendungen – mit jeweils vielen Unterpunkten, bei denen es gilt, Häkchen zu setzen. Jedes einzelne verändert, was andere über den Inhaber des Accounts erfahren können.

Nur knapp 50 Prozent ändern die Einstellungen

Doch längst nicht alle nutzen diese Kontrollmöglichkeiten. Genaue Zahlen dazu gibt Facebook nicht heraus. Es heißt lediglich, mehr als die Hälfte der Nutzer hätte irgendeine der Standardeinstellungen zum Datenschutz an ihrem Profil verändert. Das aber bedeutet, dass fast die Hälfte der wahrscheinlich 600 Millionen Menschen alles von sich preisgibt, was sie bei Facebook eintippt oder hochlädt. Und das wohl auch, weil viele einfach nicht durchsehen.

Zwar sind die Erklärungen zu den einzelnen Einstellungen ebenfalls verbessert worden, trotzdem haben offensichtlich viele Menschen keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Das zeigt auch die oben erwähnte Studie. Das ist jedoch geradezu fahrlässig leichtsinnig, wie das Beispiel der ungewollten Massenfete zeigt. Denn wenn eine Information einmal unterwegs ist, lässt sie sich kaum noch zurückholen.

Facebook argumentiert, die Einstellungen seien so vielfältig wie das menschliche Leben. "Jeder will verschiedene Dinge mit unterschiedlichen Menschen unterschiedlich teilen – das führt zu einer gewissen Komplexität", sagt Facebook-Policy-Chef Allan.

Doch ist das nicht die ganze Erklärung. Oft ist es einfach nicht möglich, die Folgen einer Handlung im Netz abzuschätzen. Daher sagte beispielsweise ein Sprecher der Hamburger Polizei, man könne die betroffene Jugendliche nicht dafür verantwortlich machen, dass die Party so außer Kontrolle geriet und einige Besucher schließlich sogar festgenommen werden mussten. Im Internet sei eine solche Eigendynamik entstanden, dass der Einzelne sie nicht mehr steuern könne.

Eine Erfahrung, die schon andere gemacht haben. So sollte ein junger Mann aus Schleswig 20.000 Euro bezahlen, weil er via StudiVZ zu einer spontanen Party auf Sylt aufgerufen hatte . 5.000 Menschen kamen zu seinem Flashmob, die Gemeinde musste bergeweise Müll beseitigen.

Teilen bedeutet Kontrollverlust. Ich kann nicht wissen, was Du mit der Information machst, die ich Dir gebe. Immer wieder gibt es beispielsweise Berichte über Politiker, die abfällige Bemerkungen über den politischen Gegner in vermeintlich geschlossenen Facebook- oder Xing-Zirkeln machten, und diese bald darauf frei im Netz lesen konnten, weil jemand anderes sie weitertrug. Wer Dinge nicht mit der ganzen Welt teilen will, sollte sie nicht nur nicht zu Facebook, sondern gar nicht erst ins Internet tragen.

Insofern ist der Fall der Hamburger Jugendlichen kein Unfall, keine Panne. Er ist ein Feature, wie es im Netz heißt, eine bewusst eingebaute Möglichkeit. Deshalb sind die Spekulationen einiger Medien durchaus passend, bei der gesamten Aktion habe es sich um eine geplante und inszenierte Show gehandelt, um mit der Geschichte Geld zu verdienen. Auch wenn es nicht stimmt, möglich wäre es – dank Vernetzung.

Allans eigenes Profil übrigens ist so geschlossen, wie es bei Facebook nur geht: lediglich sein Name und sein Foto sind zu sehen.