Ortsdaten"Wir wissen mehr über Straßen als der Staat"

Harold Goddijn, Chef der Navigationsfirma TomTom, redet über mobile Datenerfassung, Anonymisierung und darüber, warum er keine Daten mehr an die Polizei verkauft. von Ben Schwan

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Kunden wussten nicht, dass TomTom anonym Verkehrsdaten sammelt, bevor es zur Affäre um die holländische Polizei und ihre dank TomTom-Daten besonders gut platzierten Radarfallen kam. Wissen die Leute jetzt, was ihr Navi da im Hintergrund erfasst?

Harold Goddijn: Erst einmal würde ich sagen, dass das so nicht stimmt. Die Leute wussten das auch früher schon. Erstens fragen wir unsere Kunden innerhalb der Software, ob sie mitmachen wollen. Zweitens sagen wir schon lange klar, dass wir anonym Daten sammeln, um unsere Verkehrsdatenbank IQ damit zu füttern. Diese Informationen helfen uns, bessere Produkte anzubieten, mit denen die Kunden schneller ans Ziel kommen.

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Harold Goddijn

Der Niederländer Harold Goddijn gründete nach seinem Studium eine Firma für Wagniskapital. 1989 sicherte er sich für diese die europäischen Vertretungsrechte für die Computerfirma Psion, die damals Organizer herstellte. Später wurde er dort einer der Direktoren. 1999 stieg er aus und investierte gemeinsam mit zwei Freunden in das Unternehmen Palmtop, aus dem später TomTom wurde. 2001 wurde er zum CEO berufen. Gemeinsam mit seiner Frau hält er ungefähr ein Drittel der Firmenanteile.

In unserem öffentlichen "Traffic Manifesto" steht zum Beispiel, dass wir Bewegungsdaten sammeln und auch GPS-Punkte, um unsere Karten zu validieren, um Fehler und Veränderungen in der Straßenlandschaft zu finden und um Stauinformationen zu bekommen. Deshalb glaube ich nicht, dass das für die Kunden wirklich eine Überraschung war.

ZEIT ONLINE: Kritisiert wurde vor allem, dass TomTom Daten an Stellen verkauft hat, die Autofahrer normalerweise nicht mögen, an Polizeibehörden mit ihren Blitzgeräten...

Goddijn: Ganz so einfach ist das nicht. Ja, wir wissen viel über das Straßennetz, in vielen Fällen sogar mehr als staatliche Stellen. Regierungen kommen seit Langem zu uns und fragen, wie ist die Situation an dieser Stelle ihrer Straßeninfrastruktur, wie ist sie an jener, was könnten wir besser machen? Aus diesem Grund haben wir unsere anonyme Datenbank geöffnet und lizenziert. So ist es möglich, besser zu planen, Staustellen zu erkennen, zu ermitteln, was eine neue Straße bringen würde und vieles mehr.

Geolocation-Dienste

Foursquare, Gowalla und Brightkite gehören zu den bekanntesten Geolocation-Diensten. Das Prinzip ist bei allen ähnlich: Mitglieder können sich über ihr Handy Plätze in der Nähe anzeigen lassen und dort "einchecken". Ob in Bars, Restaurants, im Einkaufscenter, am Arbeitsplatz oder im heimischen Wohnzimmer – über Twitter teilt man den aktuellen Standort seinen Freunden mit. Bei Foursquare und Gowalla gibt es für jedes Check-In virtuelle Punkte. Wer bei Foursquare am häufigsten an einem Ort eincheckt, wird dessen Bürgermeister. Brightkite erlaubt zudem, eigene Bilder zum jeweiligen Standort hochzuladen.

Google Latitude

Googles neuer Service Latitude ermöglicht nicht nur gelegentliche Check-Ins, sondern zeigt permanent den Aufenthaltsort des Handybesitzers an. Natürlich nur für Personen, die man zuvor autorisiert hat. Über Google Maps sieht man so, wo sich seine Freunde gerade aufhalten. Das ist je nach Einstellung der genaue Standort oder bloß die jeweilige Stadt. Darüber hinaus erstellt Latitude auch komplette Bewegungsprofile. 

Soziale Netzwerke

Auch renommierte soziale Netzwerke integrieren zunehmend ortsbezogene Funktionen. Seit März erlaubt Twitter, einzelne Tweets mit Positionsdaten zu verknüpfen. Der Bilderservice Twitpic ermöglicht mittlerweile, anzugeben, wo die jeweiligen Bilder aufgenommen wurden. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kündigte vor Kurzem an, dass man bald Positionsdienste anbieten möchte.

Wir kümmern uns um diesen Bereich nicht selbst, wir sind keine Straßenbauingenieure und keine Verkehrswissenschaftler. Wir arbeiten aber mit Regierungen und Baufirmen zusammen, die darauf spezialisiert sind. Genau das passierte auch in diesem Fall. Wir lizenzierten die Daten an eine Ingenieursfirma, die wiederum eine Provinz in den Niederlanden beraten hat. Und die Leute von der Provinzregierung sagten dann: Schaut doch mal, wo viele Unfälle passieren und wo es einen Zusammenhang zu erhöhter Geschwindigkeit gibt. Da könnte man doch dann eine Radarfalle einrichten.

Daraus wurde dann eine große Geschichte. Wir haben den Sachverhalt dann erklärt und gesagt: Eigentlich finden wir das grundsätzlich nicht falsch, aber da unsere Kunden das nicht mögen, tun wir es auch nicht mehr. Deshalb untersagen wir seither eine solche Verwendung unserer Daten. Rechtlich gesehen war das aber in Ordnung, wir haben uns an alle Datenschutzgesetze gehalten, schließlich war und ist die Erfassung anonym.

Leserkommentare
  1. Gesetze machen, die verbieten diese Daten wie auch immer zu Nutzen. Oder gleich verbieten, dass sie überhaupt erst erstellt werden. Irgendeine doofe tatterige Oma klickt eh immer 'ja ich will'. Gleich hinterherfahren und aus dem Verkehr ziehen - hat eh nichts im Strassenverkehr verloren. Eigentlich müsste es dafür ein Daten-Urheberecht geben. Das dauert auch nicht jahrelang, wenn sich mal einer mit Sinn und Verstand hinsetzen würde. Es muss eine Datenverwertungsgesellschaft geben, die jeden entschädigt/vergütet wenn (mit seinem Einverständnis) seine Daten kommerziell verwertet werden. Aber daran haben nur die Verbraucher ein Interesse nicht die Unternehmen, die sich zur Zeit einer kostenlosen Gelddruckmaschine erfreuen. Es gibt ohne Ende Ansätze dafür. Man muss es nur wollen undzwar nicht erst in 10 Jahren sonder jetzt sofort. Aber dafür dass das nicht passiert werden ja unsere Politiker von den Unternehmens(verbänden) 'gefüttert', dass sie nichts anderes tun als sich im Parlament ihren Hintern platt zu sitzen. Naja... Wie dem auch sei. Schöner Artikel aber wenn man so darüber nachdenkt treibt es einem wie immer die Tränen in die Augen.

  2. Schon doof, wenn der direkte Vorgesetzte unmögliche Zeitvorgaben macht, um bestimmte Strecken mit TomTom zu fahren. Selbst TomTom ist sehr optimistisch in seiner Zeitabschätzung. Trotz DongDongDong kommt man nicht schnell genug voran.

    Da denkt man noch: Würde man in der Zukunft leben, dann würde bei jedem DongDongDong gleich ein Ticket mitrauskommen.

    Mir ist der Kragen geplatzt. Bei mir dongt nichts mehr. Ich bin auf er Arbeit - nicht auf er Flucht. Egal was mein Vorgesetzter oder TomTom dazu denken.

  3. "Und die Leute von der Provinzregierung sagten dann: Schaut doch mal, wo viele Unfälle passieren" Die Vermeidung von Verkehrsunfällen ist doch ein wunderbares Beispiel für einen sinnvollen Einsatz von Technologie. Von daher kann ich die empörte Aufregung mancher Foristen hier überhaupt nicht nachvollziehen. Was mich viel mehr aufregt sind unschuldige Verletzte oder gar Tote, die das Opfer verantwortungsloser Raser wurden.

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    Ich weiß natürlich nicht, wo Sie wohnen, aber in meiner Stadt stehen die Radarfallen grundsätzlich dort, wo sie am meisten Geld einspielen, und nicht dort, wo sie am sinnvollsten Raserei unterbinden würden.

    • Cando
    • 05. Juli 2011 20:49 Uhr

    ... so mögen Sie recht haben: Wer heutzutage einem durchschnittlichen Lebenswandel nachgeht, der hinterlässt überall seine Datenspuren.

    Übrigens auch auf der Seite dieser Zeitung, die allzu oft Datenschutzverletzungen anprangert. Während Sie das hier lesen, lesen mindestens fünf fleißige Datensammler bei Ihnen mit:

    ivwbox.de, nuggad.net, research.de.com, doubleclick.net und googleapis.com

    Es grüßt,
    Cando

    Antwort auf
  4. Ich weiß natürlich nicht, wo Sie wohnen, aber in meiner Stadt stehen die Radarfallen grundsätzlich dort, wo sie am meisten Geld einspielen, und nicht dort, wo sie am sinnvollsten Raserei unterbinden würden.

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    Da, wo die meisten Leute rasen, lässt sich das meiste Geld verdienen.
    Der Sinn von Blitzern ist ja nicht nur Unfallvermeidung, sondern auch generell Geschwindigkeitsüberschreitung zu sanktionieren. Wenn man nicht damit rechnen müsste, bestraft zu werden, raste man doch einfach, wie man will.

  5. 6. Wozu?

    Wozu braucht der Staat die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Autofahrer um Unfalltote zu vermeiden?
    Reicht es nicht, die Unfallschwerpunkte aus der Polizeidatenbank (gefiltert nach dem Kriterium "nicht angepasste Geschwindigkeit") zu nehmen und dort die Radarfallen zu plazieren? Innerhalb kürzester Zeit hätte die Polizei dann ein Gefühl dafür, wie viele Leute zu schnell unterwegs waren.

  6. Da, wo die meisten Leute rasen, lässt sich das meiste Geld verdienen.
    Der Sinn von Blitzern ist ja nicht nur Unfallvermeidung, sondern auch generell Geschwindigkeitsüberschreitung zu sanktionieren. Wenn man nicht damit rechnen müsste, bestraft zu werden, raste man doch einfach, wie man will.

  7. ... für mich ist der Besitzer des GPS-Systems - die Vereinigten Staaten von Amerika. Was dort gespeichert und ausgewertet wird entzieht sich dem kleinen Mann jedweder Kenntnis.

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    Das GPS System als solches hat KEINEN Rückkanal, was Sie trivial an den pimpeligen Antennen der GPS Geräte sehen können, die KÖNNEN weder von der Antennengröße noch von der nötigen Sendeenergie Kontakt mit einem Sateliten aufnehmen.

    Die TomTom Geräte (zumindestens die größeren) haben aber ein eingebautes GSM-Modem, d.h. ein spezialisiertes Mobiltelefon, das den Rückkanal zu TomTom bereitstellt (und die Stauinfos von dort bekommt). Das witzige ist, das die das nicht offen kommunmizieren. Vermutlich ist ihnen klar das die meissten Leute es nicht mögen, wenn sie ein Telefon am Leib haben das sie nicht selbst kontrollieren.

    Die Amerikaner sind mal nicht schuld.

    das ist Quatsch !
    Wenn ich mein GPS Gerät benutze, dann ist das "passiv", die Signale kommen jeweils aus 20.000 km Höhe, aber kein GPS Gerät sendet etwas - es empfängt immer nur.
    Bezahlt wird GPS von den U.S.A. - Europa kriegt es nicht auf die Reihe, bzw Jahrzehnte erst später.

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  • Schlagworte Innovation | Polizei | Software | Sonde | Autofahrer | Fahrzeug
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