Streikender Franzose mit Zorro-Maske. In Deutschland wäre eine solche Maskierung verboten. © JOEL SAGET/AFP/Getty Images

Innenminister Hans-Peter Friedrich hat behauptet, in Deutschland werde in der demokratischen Auseinandersetzung stets "mit offenem Visier" gestritten und forderte das in einem Interview auch für das Internet . Der CSU-Politiker ließ anschließend dementieren, er habe damit eine Ausweispflicht im Internet verlangt . Friedrich will seine Sätze lediglich als "Appell an die Zivilgesellschaft" verstanden wissen. Aber was für ein Appell soll das sein, wenn nicht einer für weniger Anonymität?

Vergessen wir mal, dass Friedrich damit dem Netz unterstellt, undemokratisch zu sein – eben weil es Anonymität und Pseudonyme zulässt. Wichtiger ist, dass der Innenminister Unrecht hat, wenn er sagt: "Normalerweise stehen Menschen mit ihrem Namen für etwas ein."

Denn es gibt viele demokratische Prozesse, die ganz bewusst anonym sind. Wenn wir unsere Stimme abgeben, geschieht das beispielsweise geheim. Die Identifizierung vor dem Wahlgang erfolgt nur, um sicherzustellen, dass niemand zwei Mal wählt. Die Wahl selbst ist anonym – damit wir bei ihr unbeeinflusst und frei sind.

Auch zu einer Demonstration müssen wir uns nicht mit dem Personalausweis anmelden, wir dürfen einfach hingehen und unsere Meinung auf Plakaten kundtun. Polizeien und Innenminister haben sich hierzulande erkämpft, dass wir währenddessen unser Gesicht nicht verbergen dürfen , um im Zweifel mit Hilfe aufwändiger und gerne auch mal ergebnisloser Ermittlungen identifizierbar zu sein.

Schon das hat lange Debatten ausgelöst und ist bis heute umstritten . Denn Konzepte wie das "Vermummungsverbot" führen dazu, dass Ängstliche Ihre Meinung vielleicht nicht sagen und dazu, dass Harmlose verfolgt werden können, nur weil sie ein Halstuch im Rucksack haben.

Auch Artikel oder Bücher – traditionell wichtige Beiträge zu demokratischen Debatten – können hierzulande ganz selbstverständlich anonym veröffentlicht werden, ja sogar unter dem Namen "Anonyma" .

Im Internet dagegen soll das alles nicht möglich sein dürfen, weil das Internet eine "ganz neue Herausforderung" ist, wie Friedrich sagt? Angenommen, das Netz ist wirklich eine solche Bedrohung – Verzeihung: Herausforderung für die Demokratie –, was würde Friedrichs Forderung bedeuten?