Google+Wen interessieren schon "echte" Namen?

Google+ will keine Pseudonyme gestatten. Das ist unfair und unternehmerisch falsch, findet K. Biermann. Selbst gewählte Begriffe sind viel besser vernetzt als Klarnamen. von 

Wie "Lady Gaga" wirklich heißt ist eigentlich egal. Unter ihrem Geburtsnamen kennt sie ohnehin kaum jemand.

Wie "Lady Gaga" wirklich heißt ist eigentlich egal. Unter ihrem Geburtsnamen kennt sie ohnehin kaum jemand.  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Während des Studiums hatte ich einen Freund, Richard. Wir spielten Billard oder Schach oder redeten über Bücher. Eines Tages rief ich bei ihm zu Hause an: "Hallo, hier ist Kai, ich würde gern Richard sprechen." "Wen wollen Sie sprechen?" Die Stimme klang wie die einer Mutter, ich improvisierte: "Äh, ihren Sohn?" "Ach, Holger, kleinen Moment, ich hol' ihn."

Holger mochte seinen Namen nicht, Richard war sein Pseudonym. Google wünscht solche Pseudonyme nicht in seinem Netzwerk Google+ und droht, jeden Account zu löschen, der unter falschem Namen angelegt wird.

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Mich hat es damals nicht gestört, nicht bevor ich von Holger wusste und auch nicht danach. Mich interessierte der Mensch, und der wurde nicht durch seinen Namen definiert. Als ich später anfing, mich in Online-Games herumzutreiben und meine Nächte mit Leuten zu verbringen, die sich "Hastator", "Neltakh" oder "Mabuse" nannten, hatte ich damit auch keine Schwierigkeiten. Obwohl mir selbstverständlich klar war, dass das nicht ihre Geburtsnamen sind.

Unsere Welt ist voller Pseudonyme. Maria Callas, Coco Chanel, Marilyn Monroedie Liste ist endlos . Auch dass Lady Gaga nicht wirklich so heißt, ist jedem klar. Bei Päpsten gehört die Umrubrizierung zum Programm und Könige begnügen sich sogar damit, ein nummerierter Vorname zu sein.

Pseudonyme sind ein Versuch, sich zu schützen . Sie trennen das öffentliche vom privaten Leben; deshalb legen sich bekannte Persönlichkeiten welche zu. Ebenso wie viele Menschen, die sich im Netz bewegen.

Dank eines Pseudonyms kann ich viele Kritiker, Bewunderer, Fans und Gegner haben und trotzdem unbeschwert in meiner Wohnung leben, ohne fürchten zu müssen, dass plötzlich 300 Leute vor der Tür stehen und mir die Meinung sagen wollen. Ich kann Teddybären sammeln und in Teddybären-Sammlerkreisen als Fachmann gelten, ohne Sorge, dass meine Kollegen beim Kommando Spezialkräfte über mich lachen.

Auch Google ist diese Schutzfunktion nicht fremd. Noch im Februar 2011 schrieb Alma Whitten, die oberste Datenschützerin Googles, in einem offiziellen Blogbeitrag , ihr Unternehmen unterstütze sowohl anonyme als auch pseudonyme Nutzung "unserer Dienste". Jeder habe schließlich im Netz die Freiheit, der zu sein, der er sein wolle. Wichtig sei vor allem die Identität, schrieb Whitten.

Leserkommentare
  1. Was ist der wirkliche Grund von Google+????

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    werden hier zwar meistens von ZEIT wegens gelöscht, aber da Sie schon so fragen:
    - Informieren Sie sich zum RFID Chip
    - Stöbern Sie durch ein paar einschlägige Verschwörungsforen
    - Und dann überlegen Sie einfach mal für sich im stillen Kämmerlein, wie Sie es anstellen würden, wenn Sie ein verrückter Krimineller wären, der die Weltherrschaft erobern will. Genau so.

  2. im Netz alle Andreas Schmidt auch im realen Leben Andreas Schmidt heißen.

    Der Vorteil liegt unverkennbar auf der Hand ^^.

    Google+ macht sich damit selbst völlig uninteressant.

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    • sznuffi
    • 15. August 2011 22:09 Uhr

    [Google+ macht sich damit selbst völlig uninteressant.)
    Bei negativen Schlagzeilen ist die Aufmerksamkeit höher. Danach Sorry,OK wir machen das wie es unsere Kunden wünschen.
    Schleichend folgt vll. das Eine und Andere an Änderungen.

    Wer so eine Ansage macht hat das Vertrauen nicht gewonnen und für alle Zeiten verspielt.

  3. Wo ist jetzt eigentlich bitte das Problem?
    Sollte Google tatsächlich Pseudonyme ablehnen und die accounts löschen (was ich erstmal sehen will...), sollen sie doch.

    Wie heisst es so schön? Andere Mütter haben auch hübsche Töchter :P

    • Hermez
    • 15. August 2011 19:10 Uhr

    gehört nicht nur mein Facebook Account der Vergangenheit an, sondern auch mein gerade eröffneter Google+ Account.

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  4. das nenn ich mal einen in sich schlüssigen artikel....
    da ist google wohl in der entscheidungs findung nicht halb so tief vorgedrungen wie der autor.......

    • JKrems
    • 15. August 2011 19:17 Uhr

    Es geht bei Social Networks etc. ums netzwerken. Netzwerken ist vor allem dann möglich, wenn man Leute findet. Wenn ich jemanden in der Uni kennen lerne, stellt er sich für gewöhnlich nicht als "Orkkiller82" vor. Im Netz ist genug Platz für beides: Anonymität und Klarnamen. Google+ will eine Networking Plattform sein anscheinend, ebenso wie LinkedIn und Facebook. Wem das nicht gefällt, der will keine Networking Plattform sondern anonyme Broadcast-Services wie z.B. Twitter & Tumblr. Es gibt beides, es liegt am User zu wählen.

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    • Infamia
    • 15. August 2011 21:04 Uhr

    Das sehe ich ähnlich. Worum geht es denn in einem Sozialem Netzwerk? Dass ich jemanden finde und gefunden werde. Man wird mich in einem Sozialen Netzwerk kaum unter Infamia finden und auch nicht unter meinen anderen Pseudonymen (der Trend geht zum Zweit- und Drittpseudonym :-) ). Nun steht es natürlich jedem frei, sich so zu nennen wie er will und wahrscheinlich sollte es Google+ egal sein. Aber der Sinn von einem Sozialen Netzwerk ist eben ein anderer, als diesen mit Pseudonymen zu fluten.

  5. Kai. Ich will Google wirklich nicht in Schutz nehmen, aber Vic Gundotra (Senior Vice-President of Social Business) sagt hier klar, daß sie auch Namen akzeptieren, die sich "richtig" anhören. Natürlich hätten sie gerne die echten Namen, aber den Gefallen muss man ihnen ja nicht tun.

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    Redaktion

    Sorry, aber ich glaube das ist gequirlter Quark. Das heißt nur, dass sie keine Technik haben, einen echten Namen von einem falschen zu unterscheiden und lediglich die finden können, die offensichtlich Pseudonyme sind. Ich halte es für eine Schutzbehauptung, mehr nicht.

    Denn wenn es ihnen reicht, Namen zu bekommen, "die sich richtig anhören", können sie das auch ganz lassen und Pseudonyme einfach akzeptieren und die Nutzer entscheiden lassen, was sie mit dem Netzwerk anstellen.

    lg
    k

    • NATOT
    • 15. August 2011 19:25 Uhr

    Die Frage ist, wann wir endlich ein eigenes Netzwerk bekommen? Alle großen Anbieter im Web sind doch in den USA ansässig. Wann gibt es endlich ein datenschutzrechtlich unbedenkliches Projekt in der EU? Ein in z.B. Schweden gehostetet Facebook? Da könnte das echte Facebook einpacken. Alle die ich kenne würden wechseln.

    Und Google+ ist da noch schlimmer glaube ich. Noch nichtmal AGB veröffentlicht und schon Millionen User? Wie blöd seit ihr eigentlich?

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    Datenschutzrechtlich unbedenklich?! Dann schau mal hier: http://de.wikipedia.org/w...

    Ein Account, egal wo, ist völlig egal, die Preisgabe von Daten / Datenkombinationen ist das Problem.
    Selbst wenn Sie nicht bei Google+ und EU-gehostet sind, aber geschätzig daherplaudern, können Sie böder sein als jemand mit Google+ und entsprechender Zurückhaltung.

    wie wärs mit Xing oder "Wer kennt wen"??
    Auswahl gibts genug.

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