Algorithmen : Die Polizei als Hellseher

In Kalifornien berechnet die Polizei voraus, wo Verbrechen geschehen werden und wartet dort auf Kriminelle. In Deutschland wäre das verfassungsrechtlich bedenklich.

Als die Frau mit den Drogen durch die Tiefgarage im kalifornischen Santa Cruz lief und immer wieder Blicke in die geparkten Autos warf, wartete die Polizei schon auf sie. Die Beamten wussten, dass sie kommen würde. Sie hatten es berechnet. Genauer gesagt: Sie hatten berechnet, dass irgendjemand kommen würde, den sie würden festnehmen können.

Predictive Policing ist der Versuch, mithilfe von Statistik herauszufinden, wann und wo ein Verbrechen stattfinden wird, um vorher dort zu sein und es verhindern zu können. Steven Spielberg hat zu dem Thema vor fast zehn Jahren mal einen Film gedreht, der damals sehr futuristisch wirkte. Doch das Verfahren ist längst Realität und Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten benötigt es auch nicht.

Bereits Anfang 2010 hat das Los Angeles Police Department (LAPD) mithilfe der Universität von Kalifornien einen Modellversuch zur Verbrechensvorhersage gestartet . In Santa Cruz wird seit einigen Wochen eine weiterentwickelte Version des Programms getestet – und hat laut New York Times seitdem zu fünf Festnahmen und mehreren verhinderten Verbrechen geführt.

Das statistische Modell wurde eigentlich entwickelt, um vorhersagen zu können, wo es nach einem Erdbeben zu Nachbeben kommen wird. Die Polizei bestückt das Programm nun täglich mit Statistiken über Verbrechen und Verbrecher. Die Software sucht anschließend darin nach Mustern, die immer wieder auftreten. Der hohe Aktualisierungsgrad macht die Vorhersagen über Zeitpunkt und Tatort kommender krimineller Akte sehr viel zuverlässiger als früher.

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Für die Polizei , die mit immer weniger Personal immer mehr leisten soll, ist Predictive Policing – wenn es denn funktioniert – ein Segen. Im besten Fall sorgen die gezielte Überwachung und die verstärkte Präsenz an Brennpunkten nicht nur für mehr Festnahmen, sondern gleich für einen Rückgang der Kriminalitätsrate in bestimmten Gebieten.

Doch hat das System selbstverständlich eine Kehrseite: Wenn auch unschuldige Menschen das Gefühl haben, dass sie sich in einer Umwelt bewegen, in der ihr Verhalten vorausberechnet wird, dann hat dieses Wissen höchstwahrscheinlich Auswirkungen auf ihr Verhalten. Sie werden sich also anders benehmen, als wenn sie unbeobachtet wären – wären also nicht mehr frei in ihrer Entscheidung . In Deutschland zumindest wäre das verfassungsrechtlich bedenklich.

Zur Erinnerung: Das Bundesverfassungsgericht hat die Vorratsdatenspeicherung in seinem Urteil vom 2. März 2010 auch deshalb für grundgesetzwidrig erklärt, weil "die anlasslose Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten geeignet" sei, "ein diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetseins hervorzurufen, das eine unbefangene Wahrnehmung der Grundrechte in vielen Bereichen beeinträchtigen kann. "

Ein solches "diffuses Gefühl des Beobachtetseins" könnte sich auch einstellen, wenn man befürchtet, verdächtigt zu werden, nur weil man aus irgendeinem Grund in Gebieten mit hoher Kriminalitätswahrscheinlichkeit unterwegs ist. Dann meidet man diese Gebiete künftig möglicherweise lieber, selbst wenn man sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Dazu muss man nicht einmal wissen, ob ein Gebiet wirklich ein Ort häufiger Verbrechen ist – für das subjektive Empfinden reicht es, wenn man nur glaubt, an einem solchen Ort zu sein.

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Re: Pikant?

dass Minority Report in Hollywood verfilmt wurde? Wie beweist das System, dass ein "verhindertes" Verbrechen, wirklich verübt worden wäre?

Es können selbstverständlich nur Täter auf frischer Tat oder bei der Vorbereitung ihrer Tat ertappt werden. Dass jemand nichts ahnend die Straße runter läuft und plötzlich ohne den geringsten Verdacht - bis auf die Vorhersage des Programms - festgenommen wird, ist mehr Utopie als Realität.

Sie meinen Dystopie?

nur hier:

versucht die Polizei, vorherzusagen, wo Verbrechen geschehen und die Täter vorher zu verhaften

das erste, die Orte vorhersagen, ist sicher auch jetzt schon so, und nur konsequent es mit mehr Statistik zu stützen. Diese Einschätzungen kann man nutzen, um eben das Personal entsprechend zu verteilen.
das, Täter vorher zu verhaften, ist heute noch schwierig ohne begründeten Verdacht. Eine Statistik ist aber keine Begründung, höchstens ein Indiz, eine Projektion aus der Vergangenheit in die Zukunft. Nehmen Sie persönliche Bewegungsprofile etc. hinzu dann sind wir nicht mehr weit von Vorverurteilung und präventiver Verhaftung. Aber heute reicht schon allein die Stigmatisierung, um die Menschen in die Kriminalität zu treiben.

Präventive Verhaftung

>>>Nehmen Sie persönliche Bewegungsprofile etc. hinzu dann sind wir nicht mehr weit von Vorverurteilung und präventiver Verhaftung.<<<

Eben. Und wenn ich dann noch zur "richtigen" Ethnie gehöre, passende gekleidet bin, letzte Woche schon Mal mit was Ähnlichem aufgefallen bin, mir ohnehin keinen Anwalt leisten kann und auch mit keiner Unterstützung der Bevölkerung rechnen kann, dann wird mein Protest gegen die präventive Verhaftung bei den Cops ein Grinsen auslösen.

Dann leiden wir an...

...unterschiedlichen Vorstellungen davon, was eine gesunde Gesellschaft ausmacht.

"Dass jemand nichts ahnend die Straße runter läuft und plötzlich ohne den geringsten Verdacht - bis auf die Vorhersage des Programms - festgenommen wird"

das halte ich für einen Alptraum. Verhaltensprävention sollte in erster Linie und weit vorher durch soziale Maßnahmen stattfinden, statt vorsorgliche Inhaftierung. Eine prognostizierende Strafverfolgung ist eine Wette und der Einsatz ist die menschliche Existenz.
Natürlich will ich nicht vergessen, dass ein nicht verhindertes Verbrechen, eben auch eine oder mehrere zerstörte Existenz(en) ist. Doch sollten wir aufpassen, dass der Technologieglaube nicht unsere Ethik untergräbt. Und diese beinhaltet nun mal die Unschuldsvermutung, die Menschenwürde und soziales Miteinander. Der Glaube an die Technik kann aber schnell davon abgleiten, vor allem wenn die Gier die Technik antreibt. Das sehen wir bereits in anderen Bereichen wie Medizin/Pharma, Agrartechnologie etc.

Gruß