Deutsche Behörden haben eine Überwachungssoftware eingesetzt, von der sie nicht genau wissen konnten, wozu sie in der Lage ist. Die beteiligten Ministerien bestreiten es zwar – trotzdem ist genau dies das Fazit einer Befragung der Bundesregierung zum Thema Staatstrojaner. Denn sowohl das Innenministerium als auch das für den Zoll zuständige Finanzministerium haben bei der Befragung eingestanden, dass sie den Quellcode des Staatstrojaners nicht kennen.

Der Quellcode ist so etwas wie der Bauplan des Programms. Um das Programm auf einem Rechner ausführen zu können, wird dieser von einem Programmierer geschriebene Quellcode durch einen Assembler oder einen Compiler in den sogenannten Maschinencode übersetzt, also in Nullen und Einsen.

Sowohl Bundeskriminalamt als auch Zollkriminalamt haben nun gesagt, dass sie von der gekauften Software, die für die Quellen-Telekommunikationsüberwachung eingesetzt wird, nur den Maschinencode kennen. Den Quellcode hätten sie nie bekommen.

Das aber wirft zwei Fragen auf. Erstens schrieb der Spiegel gerade, die Firma Digitask, die die Software programmiert und an Behörden verkauft , habe "deutsche Fahnder in den Quellcode schauen" lassen. Dank dieser "vertrauensbildenden Maßnahme" habe die hessische Firma überhaupt erst die millionenschweren Aufträge der Bundes- und Landesbehörden bekommen.

Nun aber sagte Ole Schröder, der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, vor dem Bundestag: "Wir kennen den Quellcode nicht, wir kennen nur den Maschinencode." Das gleiche bestätigte der Parlamentarische Staatsekretär im Finanzministerium, Hartmut Koschyk, für den Zoll.

Der Zoll führe eine "Funktionsprüfung" durch, um zu sehen, dass der Trojaner tue, was Digitask verspreche, sagte Koschyk. Auch Innenstaatssekretär Schröder sagte, Experten des BKA hätten die von Digitask gelieferte Software vor dem Einsatz "in einer Testumgebung" geprüft.

Wenn aber nie eine Behörde den Quellcode gesehen hat, warum bekam Digitask dann den Auftrag? Immerhin hat die Firma eine bewegte Vergangenheit. So wurde ein ehemaliger Mitarbeiter der Vorgängerfirma, aus der Digitask hervorging, wegen Bestechung verurteilt. Er hatte Zollbeamte bezahlt, um an Aufträge zu kommen.