ÜberwachungGeheimdienste fahnden mit Statistik nach Attentätern

Körperscanner? In den USA arbeiten Geheimdienste bereits an Gedanken-Scannern und Videoauswertungen, die potenzielle Attentäter identifizieren. Die Technik ist riskant. von Andreas Kraft

US-Behörden sind für ihren Datenhunger berüchtigt: Nach dem 11. September 2001 hörte etwa der Geheimdienst NSA ohne richterliche Genehmigung zahllose Bürger ab. Der ehemalige NSA-Mitarbeiter Bill Binney glaubt sogar, dass die Behörde vorsorglich die E-Mails aller US-Bürger speichert  – für den Fall, dass Ermittlungsbehörden sie irgendwann brauchen. Entsprechend hoch soll die Saugkraft des vor allem für die Überwachung weltweiter Kommunikation zuständigen Geheimdienstes sein: Berichten zufolge kann er innerhalb von sechs Stunden so viele Daten abgreifen und speichern, wie in der Library of Congress lagern, der zweitgrößten Bibliothek der Welt.

Die Daten zu sammeln ist aber nur der Anfang. Derzeit arbeiten die US-Sicherheitsbehörden am nächsten Schritt: Die Vergangenheit auszuwerten reicht ihnen nicht mehr, sie wollen mit neuen Techniken die Zukunft vorhersagen. Die Liste der entsprechenden Versuche ist lang und bedrückend. Und der Drang, immer mehr Informationen zu bekommen, wird dabei zunehmend zur Gefahr für den Rechtsstaat.

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Es ist ein alter Traum, in der neuen Welt der Zukunft sollen Verbrechen gar nicht erst begangen werden. "Ende des 19. Jahrhunderts glaubte man daran, aus den Gesichtszügen kriminelle Veranlagungen ablesen zu können", sagt Lillie Coney von der US-Bürgerrechtsorganisation Epic. Heute versuche man etwas Ähnliches, aber mit neuen Technologien.

Derzeit testet etwa das Heimatschutzministerium den Nachfolger des Nacktscanners, den Gedanken-Scanner. Laut Dokumenten, die Epic veröffentlicht hat, soll das neue Gerät anhand von Stimmhöhe, Herzfrequenz oder Atmung böse Absichten erkennen. Das Ziel: Die Attentäter sollen gefunden werden, bevor sie die Bombe zünden.

Geschwärzte Dokumente

Was nach Science Fiction klingt, könnte tatsächlich bald zum Standard an amerikanischen Flughäfen werden. Ein Prototyp wurde bereits im Frühjahr getestet. Ob die Menschen, die gescannt wurden, wussten, bei welchem Test sie da mitmachen, ist den Dokumenten, die die US-Regierung jetzt herausgeben musste, nicht zu entnehmen. Große Teile sind geschwärzt.

Dem Prototypen ist auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass er letztlich in den Kopf hineinschauen soll. Er erinnert an eine Sicherheitsschleuse, wie man sie vom Flughafen kennt. Wer gescannt wird, muss sich auf eine Matte stellen und in eine Kamera schauen. Anschließend muss er durch ein Tor laufen, das einem Metalldetektor ähnelt.

Doch nicht nur ein schneller Herzschlag soll Täter verraten. Auch der Gang eines Menschen kann etwas über ihn aussagen. Biometrie-Experten der Universität Notre Dame im Bundesstaat Indiana arbeiten daran, neue Instrumente zu entwickeln, damit Sicherheitsbehörden die Bilderfluten von Überwachungskameras verarbeiten können. Ihre Software soll künftig Menschen, die sich auffällig verhalten, aus dem Bilderstrom der Überwachungskameras auf Flughäfen oder Bahnhöfen herausfiltern. 

So sei etwa bekannt, dass Selbstmordattentäter ihren Tatort vor der Tat mehrfach aufsuchen. Anders als Pendler kämen sie aber nicht in regelmäßigen, sondern eher in unregelmäßigen Abständen an den Kameras vorbei. Die neue Software soll das Sicherheitspersonal auf diese Verdächtigen aufmerksam machen – für weitere Ermittlungen.

Leserkommentare
    • JK68
    • 21. Oktober 2011 9:40 Uhr

    War es bisher nur eine Zeile aus einem sehr guten Science Fiction Roman oder auch nur der Titel einer leider weltweit erfolgreichen TV-Show (nerv!!!), zeigt sich mehr und mehr, dass wir mittlerweile fast rund um die Uhr ueberwachbar sind.
    Unser Kaufverhalten wird erfasst mit all den schoenen Boni Karten, die Bewegung unserer Smartphones kann ohne weiteres nachvollzogen werden, viele von uns sind mobil oder zu Hause rund um die Uhr on LINE und die Staatstrojaner gucken auch mal vorbei, was wir so machen. "Big Brother is watching YOU" ist schon da. Auch weil wir es zulassen und mitmachen.

  1. Ich glaube nicht, dass man besondere KI Systeme benötigt, um so etwas zu realisieren. Was als "normal" angesehen wird, bestimmt die Software selbst, einfach indem sie ein Durchschnittsverhalten ermittelt. Sie stellt umfangreiche Statistiken auf darüber, wie Menschen zu einer bestimmten Zeit handeln. Das kann man sehr wohl verallgemeinern, auch wenn es viele Menschen kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Man muss die Menschen nur in bestimmte Kategorien einteilen, und schon kann man sehr einfach das Verhalten eines unsicheren Touristen von einem Typen unterscheiden, der einen Ort regelrecht inspiziert.

    Das vorausgesagte Verhalten von Menschenmassen wird schon seit vielen Jahren als Maßstab für die Konstruktion z.B. von Beförderungssystemen genutzt. Laut einer Doku, die ich letztens gesehen habe, ist es heutzutage ohne weiteres möglich, eine Person allein durch ihren Gang unter Menschenmengen automatisiert herauszufiltern. In UK setzen sie es vermutlich bereits ein.

    Also ist der nächste logische Schritt, Menschen mit abweichenden Verhaltensmustern zumindest in eine besondere Kategorie "zur Überprüfung" zu stecken und ein Auge auf sie zu haben. Dass davon dann 99% unschuldig sind, ist doch klar. Aber wenn man den einen potentiellen Täter dadurch findet, finde ich es gelungen. Natürlich dürfen die Rechte der anderen Personen nicht eingeschränkt werden, indem sie alle eingesperrt werden. Es muss subtiler erfolgen. :-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Statistik | Überwachung | Finanzkrise | Flughafen | Früherkennung | Nacktscanner
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