Bangalore Die Stadt der offenen Funknetzwerke
Bangalore ist Indiens IT-Zentrum. Kostenloses offenes WLan gibt es überall in der Metropole, sogar in den Bussen des Nahverkehrs. Störerhaftung ist dort kein Problem.
Untypischer als Bangalore könnte eine indische Stadt kaum sein: Keine Schlaglöcher auf der Straße, keine Zelte von Wanderarbeitern am Straßenrand oder Auswüchse von Slums sind zu sehen. Stattdessen reihen sich indische Neuwagen artig aneinander, säumen öffentliche Mülltonnen den Straßenrand und unzählige Parkanlagen haben der Metropole den Beinamen "Gartenstadt" eingebracht.
Bengaluru, wie die Metropole in der Landessprache Kannada heißt, ist mit 8,4 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Indiens. Sie ist ein wichtiges Zentrum für die Luft- und Raumfahrt und vor allem Hightech-Zentrum des Subkontinents. Viele in- und ausländischen Hightech-, Computer- und Softwareunternehmen haben sich hier angesiedelt. Bangalore ist das indische Silicon Valley. Gründe dafür sind das moderate Klima und günstige Mieten. Mumbai und Delhi platzen aus allen Nähten, längst haben die Büromieten dort europäisches Niveau erreicht. In Bangalore dagegen waren die Preise lange Zeit sehr niedrig. Zudem pumpt die Regierung Millionen in den Ausbau der städtischen Infrastruktur – inklusive öffentlicher Funknetzwerke.
Wer Karriere machen will, kommt nach Bangalore
Und natürlich sind die geringen Lohnkosten für viele ausländische Konzerne attraktiv. Indien bietet ein Heer an gut ausgebildeten IT-Fachkräften, die vergleichsweise billig zu haben sind. Zwischen 300 und 800 Euro im Monat verdienen ITler, Ingenieure bekommen einen durchschnittlichen Monatslohn von 500 bis 900 Euro und selbst Führungskräfte im mittleren Management haben mit einem Monatseinkommen ab etwa 1.000 Euro ein eher bescheidenes Auskommen. Für Indien sind die Einkommen dennoch gigantisch. Und darum geht, wer Karriere machen möchte, nach Bangalore.
Mithilesh Kumar Singh etwa hat das getan. Der 28-Jährige arbeitet in einer internationalen PR-Agentur, die in Bangalore viele große IT-Unternehmen betreut. Samsung, IBM, Lenovo, Nokia oder Skype zählen zur Kundschaft. Singh hofft, über seinen Job den Sprung in die Kommunikationsabteilung eines dieser Unternehmen zu schaffen. "Dort wird man viel besser bezahlt und man hat die Chance, ins Ausland zu gehen. In die USA oder nach Großbritannien vielleicht", sagt er. 500 Euro im Monat verdient er in der Agentur, 60 Stunden arbeitet er durchschnittlich in der Woche. Meist dauert sein Arbeitstag von 9 bis 20 Uhr. Und auch danach muss er für das Büro erreichbar sein. Ein Diensthandy gibt es nur für die Führungskräfte. Immerhin zahlt ihm sein Arbeitgeber eine monatliche Pauschale dafür, dass er sein Privathandy dienstlich nutzt. Die Pauschale deckt die Kosten für Internet- und Telefonate zwar nur zum Teil, doch Singh stört das nicht. "Das ist normaler Arbeitsalltag", sagt er.
Der Job in der PR-Agentur ist Singhs dritter, dabei ist er gerade erst vor drei Jahren ins Berufsleben eingestiegen. Jedes Jahr einen anderen Job, auch das ist normal in Indiens Hightech-Metropole. Mit jedem Wechsel steigt das Gehalt. Und das ist wichtig, denn die Lebenshaltungskosten in Bangalore steigen ebenfalls rasant. Singh wohnt in einem 20 Quadratmeter kleinen Zimmer in der Nähe des Zentrums. Viele Oberschichtfamilien und hohe Beamte des Militärs leben hier. Das Viertel ist nur selten von den sonst in indischen Städten so häufigen Stromausfällen betroffen. 100 Euro Miete zahlt Singh im Monat für sein Zimmer, Strom und Internet kommen noch hinzu. Die Kosten für den Netzanschluss spart sich der 28-Jährige jedoch. Schließlich gibt es unzählige ungesicherte WLAN-Verbindungen in der Nachbarschaft. "Eines ist immer an", sagt er und führt dies sogleich vor. Der Rechner ortet etwa 15 ungesicherte Netze in der Nachbarschaft.
Unbekümmert in Sachen Datenschutz
Über mögliche rechtliche Probleme machen sich die Inder offenbar nur wenig Sorgen. Die Hauptsache ist, dass es freies Netz für jeden gibt. "Was soll schon passieren?", fragt Singh achselzuckend. In seiner Freizeit lädt er oft Filme, Musik oder Computerspiele aus dem Netz herunter. Von Abmahnanwälten hat er noch nie etwas gehört. Von Störerhaftung auch nicht. Die ist der Grund dafür, dass in Deutschland die meisten Netzwerke passwortgeschützt sind. In offen zugänglichen Funknetzwerken ist im Normalfall nur der Betreiber des Routers zu identifizieren, und der wird haftbar gemacht, wenn jemand das Netzwerk für illegale Aktivitäten nutzt.
Wie wichtig den Indern der freie Netzzugang ist, wird auch auf einer Entdeckungstour durch die Stadt deutlich. Vor wenigen Wochen hat die Metro in Bangalore ihren Betrieb aufgenommen. Bislang gibt es erst wenige Strecken, auf der die Bahn verkehrt. Völlig klar aber, dass die Passagiere in den Metro-Bahnhöfen Computer mit Internetzugängen finden und WLAN selbstverständlich auch in der Bahn zu haben ist. Das gleiche gilt für die Bahnhöfe, die ohnehin eher einem Flughafen ähneln. Kostenloses, ungesichertesWLAN gehört hier zum Standard. Wer in Ruhe surfen will, setzt sich mit seinem Notebook einfach in den Metrobahnhof.
Selbst im öffentlichen Nahverkehrsbus ist Internet verfügbar – und zwar in der Rückenlehne des Sitzes vom Vordermann, allerdings nur im Shuttlebus zum Flughafen. YouTube, LinkedIn, Facebook oder einfach nur Surfen: Das Touchscreen zeigt eine große Auswahl an. Das private Facebookprofil im öffentlichen Omnibus checken? In Bangalore offenbar das normalste der Welt. Der Computer hat noch die Daten einer anderen Nutzerin gespeichert. Die hat offenbar vergessen, sich auszuloggen. Aber auch das ist normal in Bangalore.
- Datum 16.11.2011 - 15:17 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 17
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Offene WLans haben nur sehr bedingt etwas mit Datenschutz zu tun.
Natürlich sollte man über offene WLans keine wichtigen Daten unverschlüsselt übertragen, aber das sollte man sowieso nicht tun. Mit etwas Vorsicht kann man sie also problemlos benutzen.
Hinzu kommt, dass andere Nutzer auch in verschlüsselten WLans oft Daten mitlesen können.
Die Verschlüsselung ist wirklich hauptsächlich notwendig, um unserer Rechtslage gerecht zu werden.
Ohne Störerhaftung und deren Auslegung hätten wir auch an jedem Eck ein offenen WLan.
Genau, Datenschutz und offene WLans haben ersteinmal überhauptnichts miteinander zu tun, wenn man verschlüsselte Verbindungen nutz - https statt http beispielsweise - ist auch der Datenschutz gewahrt.
... wir haben das geändert. Der Begriff "Datenschutz" bezog sich auf den Fall am Ende des Artikels, wo jemand seine eigenen Daten nicht für schützenswert hielt und den Facebook-Logout vergaß.
Danke für die Hinweise.
Genau, Datenschutz und offene WLans haben ersteinmal überhauptnichts miteinander zu tun, wenn man verschlüsselte Verbindungen nutz - https statt http beispielsweise - ist auch der Datenschutz gewahrt.
... wir haben das geändert. Der Begriff "Datenschutz" bezog sich auf den Fall am Ende des Artikels, wo jemand seine eigenen Daten nicht für schützenswert hielt und den Facebook-Logout vergaß.
Danke für die Hinweise.
Genau, Datenschutz und offene WLans haben ersteinmal überhauptnichts miteinander zu tun, wenn man verschlüsselte Verbindungen nutz - https statt http beispielsweise - ist auch der Datenschutz gewahrt.
Mir komme es auch so vor, als ob in diesem Thema Datenschutz, bzw. Der Umgang mit seinen eigenen Daten mit dem Thema offene WLAN Access Points zu tun hat.
via ZEIT ONLINE plus App
ist der einzige Grund, warum man in Deutschland gezwungen ist, sein WLan zu verschlüsseln. Mit der "schönen" Folge, dass in Wohngegenden 20 und mehr WLans sich gegenseitig stören und mit höheren Leistungen senden müssen. Aber das kommt natürlich nicht nur Internet-Providern entgegen, sondern auch Routerherstellern und UMTS-Anbieter.... wir haben ja genug Ressourcen zu verschwenden.
Schade, dass der Artikel sich an einem groben Missverständnis aufhängt, wie die Vorkommentatoren bereits erläutert haben. Hoffentlich wird das noch korrigiert, denn solche Berichterstattung ist letztlich dafür verantwortlich, dass in der breiten Öffentlichkeit der Fokus bei Technik- und Datenschutzthemen häufig völlig falsch gesetzt wird. Im offenen Netzwerk besteht für den einzelnen Nutzer jedenfalls die Möglichkeit, seine Daten besser zu schützen als im eigenen, geschlossenen Netzwerk, weil die Anonymität gewahrt werden kann. Ob die Datenübertragung verschlüsselt geschieht oder nicht, steht auf einem anderen Blatt, unterliegt aber immerhin der Verantwortung und Kontrolle des Nutzers.
... wir haben das geändert. Der Begriff "Datenschutz" bezog sich auf den Fall am Ende des Artikels, wo jemand seine eigenen Daten nicht für schützenswert hielt und den Facebook-Logout vergaß.
Danke für die Hinweise.
Das im Artikel gezeichnete Bild von Bangalore trifft es dann doch nicht ganz. "Gartenstadt" war einmal, vor dem großen Boom der IT-Industrie. Die Autos dort reihen sich auch keineswegs in geordnete Reihen. Auch Arbeiterslums werden Sie finden, wenn sie genau hinsehen.
Doch vielleicht ist das alles eher Nebensache, genau wie die Mithilesh Kumar, der im Artikel mal "Singh" und mal "Sing" heißt.
Dass junge Inder das Ziel vor Augen haben in die USA oder Großbritannien auszuwandern, ist im Allgemeinen auch eher ein Phänomen der Vergangenheit. Indien selbst ist der Zukunftsmarkt.
...und wenn dann das Bild noch aus Neu Delhi stammt, ist die Artikel-Collage perfekt :) http://www.metro.co.uk/te...
...und wenn dann das Bild noch aus Neu Delhi stammt, ist die Artikel-Collage perfekt :) http://www.metro.co.uk/te...
...und wenn dann das Bild noch aus Neu Delhi stammt, ist die Artikel-Collage perfekt :) http://www.metro.co.uk/te...
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