NutzerdatenZuckerberg verspricht weitreichende Änderungen bei Facebook

Die US-Handelskommission wirft Facebook vor, Nutzer über den Umgang mit ihren Daten zu belügen. Das Netzwerk verpflichtet sich nun, bedeutende Änderungen einzuführen. von 

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg  |  © Chris Ratcliffe/dpa

Sieben Punkte umfasst die Beschwerdeliste der Federal Trade Commission FTC , die darlegt, in welchen Fällen Facebook die Privatsphäre seiner Nutzer verletzt haben soll. Darunter sind schwerwiegende Vorwürfe. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gab nun eine Erklärung ab , in der er zugibt, "eine Reihe von Fehlern" begangen zu haben und in der er weitgehende Änderungen verspricht. Änderungen, die Auswirkungen auf die Grundausrichtung des Netzwerks und sogar den angeblich bevorstehenden Börsengang haben könnten.

Die FTC beklagt unter anderem, dass Facebook seinen Nutzern gegenüber behauptet habe, Apps von Drittanbietern würden nur Daten bekommen, die sie für die App brauchen. Tatsächlich aber konnten die Anbieter fast alle Daten der Nutzer einsehen. Ein Programm, von dem Facebook behauptete, dass es Apps überprüfe, bevor sie auf Facebook angeboten würden, habe nie existiert.

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Facebook habe zudem erklärt, Nutzerdaten nicht an Werbetreibende zu verkaufen – und habe es dann doch getan. Facebook erklärte am Mittwoch dazu, dass es sich damals um einen Einzelfall und einen technischen Fehler gehandelt habe. Facebook verkaufe niemals Daten an Drttte.

Interessanterweise befindet die FTC auch, dass Facebook sich nicht an die Maßgaben des Safe-Harbor-Abkommens der USA mit der EU halte, das die Übermittlung personenbezogener Daten in die USA unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Beschwerde legt die FTC immer dann ein, wenn sie Grund zu der Annahme hat, dass ein Gesetzesverstoß vorliegt. Eine Einigung mit der FTC ist jedoch kein Eingeständnis, Gesetze gebrochen zu haben. Facebook umgeht damit aber eine mögliche Klage.

Einige der angemahnten Schwachstellen hat Facebook nach Angaben von Zuckerberg längst beseitigt oder klargestellt. Doch Facebook verpflichtet sich nun zusätzlich zu weiteren Maßnahmen, die den Schutz der Privatsphäre seiner Nutzer verbessern sollen. So muss Facebook laut dem Abkommen jedes Mitglied künftig ausdrücklich um Erlaubnis fragen, wenn es Daten in einem Maße verbreiten will, die über dessen Privatsphäre-Einstellungen hinausgehen. Das bedeutet, das das Netzwerk eine Opt-In-Option installieren muss, wenn es den Umgang mit Nutzerdaten ändert. Das betrifft Änderungen, die das Teilen von Informationen der Mitglieder untereinander betreffen, aber auch die Weitergabe von Daten an Dritte.

Facebooks "Strategie, lieber um Vergebung zu bitten als um Erlaubnis, muss damit enden", schreibt Josh Constine bei Techcrunch . Denn Facebook war einige Zeit nach seiner Gründung dazu übergegangen, Änderungen erst einmal für alle einzuführen und standardmäßig zu aktivieren. Wer etwas nicht wollte, musste es nachträglich in seinen Privatsphäre-Einstellungen abschalten. Die Wende zum Opt-In würde den Charakter des Netzwerks verändern – so, wie es sich Datenschützer schon lange wünschen.

Leserkommentare
  1. Was Facebook sonst, jenseits der Präsentationsplattform, anbietet zeigt was sie wollen. Und wer glaubt schon den Besserungsverpsrechen?

    Einfach aussteigen! Raus in die reele Welt, um nachhaltig zu erleben! Reele Netzwerke knüpfen. Schmecken, riechen, sehen, fühlen, hören. Lasst euch doch nicht in diese virtuelle, kommerzialisierte Maschinerie einspannen und euch eure Leben stehlen.

  2. Das menschliche Gehirn ist permanent auf der Suche nach Belohnungen. Mit dem Einstellen einer Information (Text, Bild, Video) in ein soziales Netzwerk im Internet, erhofft sich der Ersteller positives Feedback, z.B. von seinen Freunden.
    das ist im Grunde der Motor, der Facebook treibt.

    Dabei verdrängt der Nutzer mehr oder weniger bewusst, dass er die Kontrolle über diese Daten, aus denen die Betreiber der kostenfreien Dienste Informationen herstellen und verkaufen, vollständig verliert.

    So hängt er sich die Karotte immer wieder selbst vor die Nase, in der Hoffnung, Anerkennung im Netz zu erhalten während im Hintergrund hochkomplexe Profile von ihm entstehen, die ihn über Jahre hinweg hilflos gegenüber Firmen und Behörden machen.

    Zuckerberg hält Privatsphäre für überflüssig. Keine Überraschung, bei seinem Geschäftsmodell. Viele werden sich in Zukunft die Augen reiben, was ihnen die Datensorglosigkeit an Segen bringen wird.

    Die Bremse der FTC kommt viel zu spät, der Embryo ist schon lange in den Ozean gefallen. Denn niemand aus der Fraktion der Facebook-Lemminge weiss, wer zwischenzeitlich von ihm welche und wieviele Daten und Informationen besitzt.
    Die Versicherungen, Parteien, der Arbeitgeber. Usw.

    Ich finde, ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl.

    • comeon
    • 30. November 2011 2:16 Uhr

    .. ist doch das, dass keiner mehr Lust hat zu persönlich zu netzwerken, weil jeder A**** mit jedem "befreundet" sein will und die meisten nur noch auf akzeptieren klicken, wenn wieder jemand "Freund" werden will. Es ist viel zu anstrengend, jemandem die Wahrheit zu sagen: Du bist nicht mein "Freund". Man geht immer mehr dazu über unpersönlicher zu werden und FB nur noch als Web-Visienkarte zu nutzen und als Briefkasten für Einladungen, Veranstaltungen, die die "Freunde" gerade so empfehlen. Und ob 10 meiner Freunde gerade wieder die Glücksnuss geöffnet haben oder bei Farmville ein kariertes Schwein gezüchtet haben, intersssiert mich nun auch gar nicht. Die Startseite wir höchstens alle zwei Wochen gecheckt, wenn mich der "Status" meiner "Freunde" interessiert, klicke ich sie manuell. Facebook ist nur noch Gossip, Wiederaufbereitungsanlage für Informationen aus dem Netz.

    Bitte achten Sie auf Ihren Ausdruck. Danke, die Redaktion/se

    • Fluhu
    • 30. November 2011 5:01 Uhr
    • PigDog
    • 30. November 2011 8:08 Uhr

    Man gewöhnt sich daran...

    Alle 4 Wochen ein neuer Artikel über's Fratzenbuch. Datenschutzprobleme heute, gestern waren's Probleme mit dem Datenschutz, und letzten Monat hat man dort den Datenschutz nicht so genau genommen...

    Wann erkennen die "Nutzer" eigentlich mal, daß sie nicht nutzen, sondern benutzt werden? Leute, Ihr (bzw. eure Daten) seid die Ware!

    • ismus
    • 30. November 2011 9:05 Uhr

    aber kundendaten sind nun mal das geschäftsmodell des kostenlosen angebots. love it or leave it.

  3. Worin sonst bestünde wohl der derzeitig auf 100.000.000.000 $ geschätzte Wert eines Unternehmens, das ja angeblich nichts verkauft? Schon klar, in der Klickbannerwerbung ;-)
    Ein kluger Kopf brachte einmal das Geheimnis des unendlichen Reichtums gut auf den Punkt: Jede Sekunde wird ein Dummkopf geboren.
    Wer das noch für harmlos hält und naive Fragen à la "was sagt das schon aus" stellt, vermeidet das ernsthafte Nachdenken darüber, wie aus einzelnen, scheinbar irrelevanten Informationen mittels Vernetzung detailierte Profile werden.
    Daran ändern offensichtlich auch die diversen Profiler-Serien im TV nichts.

    Uns ging's noch nie so gut wie heute, sagten die Gänse kurz vor Weihnachten…

    Antwort auf "Ich kann"
    • RoH
    • 30. November 2011 10:24 Uhr

    Möchte der Staat auch nur Daten, die er eigentlich eh schon hat abgleichen, wie beim Zensus in diesem Jahr, geht ein Aufschrei durch die Gesellschaft "DATENSCHUTZ".
    Andererseits werden einem Weltkonzern mit ausschließlich wirtschaftlichen Interessen persönlichste Daten hinterhergeworfen.
    Wie geht das zusammen?
    Ich stelle meine relativ unspannenden Daten für den Zensus lieber zur Verfügung, um Wohnungsbedarf, Bevölkerungsentwicklung und anderes von öffentlichem Interesse zu ermitteln, ansatt einem Konzern, der sich mit meinen persönlichsten Daten dumm und dämlich verdient.
    Eine Freundin, meinte mal zu mir: "Aber Facebook bietet Dir ja auch was dafür."
    Mir ist Facebook zu teuer.
    Aber das muss jeder selbst wissen.
    Ich jedenfalls benutze immer noch E-Mail und Telefon um mit meinen echten Freunden zu kommunizieren, und das geht wunderbar.
    Sollten einige vielleicht mal wieder ausprobieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Apps | Börsengang | Facebook | Privatsphäre | Gründung
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