KlarnamenFacebook wollte Salman Rushdie umbenennen

Ahmed Rushdie müsse das Profil des berühmten Autors heißen, fand Facebook. Dessen Fans liefen Sturm gegen den Klarnamen-Unsinn. Google+ sollte das eine Mahnung sein. von 

Salman Rushdie hat sich mit Facebook angelegt – und gewonnen.

Salman Rushdie hat sich mit Facebook angelegt – und gewonnen.  |  © Ian Gavan/Getty Images

Facebooks rigide Klarnamenpolitik macht auch vor Prominenten nicht halt. So hatte das blaue Netzwerk am vergangenen Wochenende das Profil des Bestseller-Autors Salman Rushdie gesperrt. Er solle bitte, hieß es, eine Kopie seines Reisepasses einsenden und beweisen, dass er wirklich Rushdie sei. Nach erfolgreicher Identifikation werde er wieder Zugang zu seinem Profil bekommen.

So etwas passiert, wenn Facebook und auch Google+ glauben, dass der Name eines Nutzers nicht sein echter Name ist. Der chinesische Journalist Michael Anti kann ein Lied davon singen .

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Die offizielle Begründung: Nur so könne eine sichere und zivilisierte Kommunikation zwischen Nutzern ermöglicht werden. Die inoffizielle: Nur mit echten Namen kann Facebook Geld verdienen, lassen sich so doch eindeutige Verhaltensprofile an Werbetreibende verkaufen.

Der Fall Rushdie jedoch zeigt, wie unsinnig die Klarnamen-Politik aus Nutzersicht ist. Nachdem der Autor eine Passkopie eingesandt hatte, schaltetet Facebook das Profil wieder frei – allerdings unter dem Namen Ahmed Rushdie . Denn Ahmed ist laut Pass der erste Vorname . Den allerdings nutzt Rushdie selbst nie. Dass es sich bei Ahmed Rushdie um den bekannten Schöpfer der "Satanischen Verse" handelt, dürften auch nur die wenigsten wissen.

Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Facebook betont, dass dabei keine "Schattenprofile" von Nichtmitgliedern erstellt werden. Der Konzern hat auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Wie oft so etwas bei Facebook oder Google+ passiert, ist kaum abzuschätzen. Profile mit verfälschten oder komplett erfundenen Namen gibt es viele, viele Menschen schätzen ihre Anonymität. Wer gesperrt wird, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Anweisungen Folge zu leisten. Rushdie aber profitierte von seiner Bekanntheit. Bei Twitter entfachte er mithilfe seiner weit über 100.000 Follower einen veritablen Shitstorm , den Facebook nicht übersehen konnte.

Er veröffentlichte unter anderem eine Reihe von Promi-Namen, die ebenfalls ihren zweiten Vornamen benutzen, wie etwa Paul McCartney . Dann fragte er, ob Facebook jemanden wie den Ex-Beatle zwingen würde, sein Profil als James McCartney anzulegen, weil das nun mal dessen erster Vorname sei. Seine Tweets wurden dutzend- bis hundertfach weiterverbreitet.

Am Montagabend lenkte Facebook ein. "Victory!", twitterte Rushdie , "Facebook ist eingeknickt! Ich bin wieder Salman Rushdie. Ich fühle mich SO viel besser. Eine Identitätskrise in meinem Alter ist kein Spaß. Danke Twitter!" Facebook entschuldigte sich sogar bei dem Autoren. Einen Grund nannte das Netzwerk nach Angaben der New York Times zwar nicht, räumte aber ein, einen Fehler gemacht zu haben.

Leserkommentare
  1. kann ich mir die Vorteile nicht vorstellen. Wenn ich was zu lesen bekomme, dann zumeist die negativen Seiten solcher Netzwerkanbieter.
    Was mich jedoch stutzig macht: google und facebook arbeiten ja quasi für die Nutzer ehrenamtlich? stimmt das so (ungeachtet der Werbeeinnahmen und Profilerstellungen) - für die reine Nutzung der Netzwerkeseiten brauchen die Nutzer keine Gebühren bezahlen? Wie kommt es dann, dass sie von Facebook immer so viel Zeugs verlangen können und gleichzeitig sich um Anonymität in der Masse wenig sorgen.

    Offenbar besteht eine große Abhängigkeit zu diesen Plattformen, dass man sich so einiges Gefallen lässt, zugleich aber dem Glauben anheim fällt, etwas gewonnen zu haben, wenn Rushdie seinen Künstlernamen, statt wie Otto-Normal mit Klarnamen offiziell weiter facebooken kann.

    3 Leserempfehlungen
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    Der Sinn von Facebook et alii im Leben ist: Es ist ein digitales Adreßbuch, Vereinsfinder, Gerüchteküche, Newsticker, etc. Es ersetzt den Besuch öffentlicher Einrichtungen, es ist ein ewiger Schulhof, eine ewige Party. Kurzweil, Neugier, Lästern, sozialer Kontakt.

    Es ist nicht die Vervollkommnung des Besten im Menschen, es ist die Vervollkommmnung des existierenden Menschen.

  2. ...sollten prinzipiell tabu sein, erst recht im deutschen Teil des Internets mit seinem lästigen und teuren Abmahnwesen für jeden noch so kleinen Fehltritt. Auch die fortschreitende Zensur und Sperrung von Nutzern, wie sie etwa bei großten Medienseiten mittlerweile leider zum Standard gehört, ist ausreichend Grund, eben niemals seinen echten Namen zu posten und sich entsprechenden Forderungen zu verweigern. Das Internet vergisst nichts (zumindest nicht das was es vergessen soll :-)

    2 Leserempfehlungen
  3. "Wir sind uns bewusst, dass Ihnen Ihre Präsenz auf Google+ wichtig ist und unsere Richtlinien im Hinblick auf Namen zurzeit einige Nutzer stört. Es wäre schade, wenn Sie uns deswegen verlassen."

    Das lese ich so: "Wir wissen, dass es einige Nutzer stört. Entweder sie nehmen es hin oder sie kündigen ihr Konto bei uns. Das wäre natürlich sehr schade, wäre aber ihr Problem, nicht unseres."

    • tchonk
    • 15. November 2011 16:48 Uhr

    ...wird mir immer unsympathischer. Ich glaube die sind größenwahnsinnig geworden und überschätzen ihre Macht.
    Da spar ich mir lieber den Facebook-Account.

    Eine Leserempfehlung
    • 15thMD
    • 15. November 2011 16:54 Uhr

    Ich bin seit 1,5 Jahren in Facebook mit einem Nachnamen bestehend aus 2 Buchstaben angemeldet.
    Ich denke, facebook wollte das zur Abschreckung machen, dass man auf jeden Fall seinen echten Namen verwendet. Und? Wenn ich gesperrt werde, erstelle ich mir in 20 Sekunden einen neuen Account. Blöd ist nur, wenn man sein komplettes Leben in seinem Acc. gespeichert hat....

  4. wär das nicht passiert. joindiaspora.org verdient auch kein geld mit meinen privaten daten. es wird zeit, dass mehr leute umschwenken auf das soziale netzwerk, welches meine privatsphäre schützt.

    3 Leserempfehlungen
  5. Mit meinem Klarnamen sind schon etliche andere angemeldet!

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  • Schlagworte Salman Rushdie | Google | Paul McCartney | Facebook | Kommunikation | Michael Anti
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