Studie Forscher halten Vorratsdaten für wirkungslos
Die umstrittene Datenspeicherung hat einer Studie zufolge keinen Nutzen für die Strafverfolgung. Die Justizministerin sieht sich dadurch im Streit mit der Union bestärkt.
© Soeren Stache/dpa

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP)
Die Vorratsdatenspeicherung hat laut einer Studie keinen Einfluss auf die Aufklärungsquote von Straftaten. Wissenschaftler des Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht kamen zu der Erkenntnis, dass ihr Wegfall nicht als Ursache für Veränderungen bei der Aufklärungsquote gelten kann. Widerlegt wird auch die Behauptung, die anlasslose Speicherung von Telefon- und Internetdaten sei "von essenzieller Bedeutung für die Strafverfolgung". Die Diskussion sei vor allem bestimmt durch den Verweis auf Einzelfälle. Es stimme auch nicht, dass die Sicherheit der Bürger ohne dieses Instrument aufs Spiel gesetzt werde.
Das Bundesjustizministerium will die in seinem Auftrag erstellte Studie am heutigen Freitag an den Bundestag und die EU-Kommission übergeben. Der Parlamentarische Staatssekretär Max Stadler (FDP) wertete die Resultate als Bestätigung der Position seines Ministeriums im Streit mit den Regierungspartnern CDU und CSU. "Die Studie zeigt, dass die Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung nicht empirisch belegt, sondern nur ein Gefühl der Praktiker ist", sagte er.
Das Argument, ohne Vorratsdatenspeicherung werde erfolgreiche Ermittlungsarbeit verhindert oder unzumutbar erschwert und die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger aufs Spiel gesetzt, trage nicht mehr, hieß es.
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Das Justizministerium hatte die Studie 2010 in Auftrag gegeben. In dem Jahr hatte das Bundesverfassungsgericht die Vorratsdatenspeicherung für grundgesetzwidrig erklärt. Seitdem dürfen Telefon- und Internetverbindungsdaten nicht mehr ohne Anlass sechs Monate lang gespeichert werden. Die EU verlangt in einer Richtlinie jedoch, Kommunikationsdaten mindestens sechs Monate lang zu speichern.
Seit dem Urteil streitet die schwarz-gelbe Koalition um eine Lösung. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) schlug vor, die Daten im sogenannten Quick-Freeze-Verfahren nur nach konkreten Anhaltspunkten für Straftaten speichern zu lassen, damit sie Ermittlern bei Bedarf zur Verfügung stehen. Ihr Streitgegner, Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), fordert dagegen die vorsorgliche Datenspeicherung für ein halbes Jahr, deutete zuletzt aber Kompromissbereitschaft an.
Justizministerin sieht keinen Handlungsdruck
Die Union pocht auf Umsetzung der Richtlinie und warnt vor einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland. Leutheusser-Schnarrenberger sieht dagegen keinen Handlungsdruck. Ihr Ministerium verweist darauf, dass die EU-Kommission die Vorgabe derzeit selber überarbeite.
- Vorratsdatenspeicherung
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Wer mit wem, wann, wie lange, von wo aus und womit – das ungefähr sind die Informationen, die anhand der Vorratsdatenspeicherung erfasst werden sollen.
Das Gesetz, das das Bundesverfassungsgericht am 2. März 2010 für verfassungswidrig erklärte, war 2008 in Kraft getreten. Es verpflichtete alle Anbieter von Telekommunikation, die mehr als 10.000 Kunden haben, die sogenannten Verbindungsdaten für sechs Monate zu speichern.
Dies bedeutet: Die gesamte Kommunikation und auch alle Kommunikationsversuche via Telefon, SMS, E-Mail oder Internet werden erfasst und sind ein halbes Jahr rückwirkend noch nachvollziehbar. Nicht ihr Inhalt, aber sämtliche Metadaten, die über Art und Umfang des Kontaktes etwas aussagen.
- Das Ende der Unschuldsvermutung
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Diese Daten sollen, so die Idee des Gesetzgebers, Strafverfolgern zur Verfügung stehen und ihnen vor allem bei der Suche nach Terroristen helfen. Allerdings lassen Schätzungen der Kommunikationsanbieter den Schluss zu, dass sie vor allem dazu dienen, leichtere Vergehen wie illegales Datentauschen, Betrug oder Beleidigungen zu verfolgen.
Unabhängig davon ist der Hauptkritikpunkt, dass mit der Vorratsdatenspeicherung jeder Bürger potenziell verdächtig ist und überwacht wird und dass die Datenspeicherung so dazu beiträgt, die Unschuldsvermutung abzuschaffen.
Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass sich anhand von solchen Verbindungsdaten detaillierte Aussagen über das Verhalten der Beobachteten machen lassen und dass die Daten mindestens genauso aufschlussreich sind, wie ein Abhören der Inhalte der Kommunikation.
Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts werteten für die Studie neben eigenen Quellen eine umfangreiche Datensammlung aus. Hierzu zählen Aufklärungsquoten von 1987 bis 2010, aber auch Daten von Ländern, in denen eine Zeit lang die Vorratsdatenspeicherung galt. Auch dort habe nicht nachgewiesen werden können, dass die Sammlung und Speicherung von Daten "mit sichtbaren Unterschieden in der Sicherheitslage" verbunden gewesen wäre. Es wurden auch Praktiker aus den Strafverfolgungsbehörden befragt, die sich dabei für die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung aussprachen.
Die Autoren der Studie wiesen darauf hin, dass ihr Ergebnis nur eine "Momentaufnahme" sei. "Die Lage ist gegenwärtig gekennzeichnet durch eine noch sehr unsichere statistische Datengrundlage (und) das Fehlen systematischer empirischer Untersuchungen", heißt es in den Schlussfolgerungen der mehr als 200 Seiten umfassenden Untersuchung.
- Datum 27.01.2012 - 07:43 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
- Kommentare 34
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...ja niemand ahnen. Seit Jahren weisen CCC und andere Gruppen darauf hin. Seit Jahren gibt es die Freiheit statt Angst Demo die darauf hinweist. Aber stattdessen wird man kriminalisiert und zu einem Chaotan stigmatisiert. Schön dass endlich bezahlte "Experten" zu einem Ergebnis kommen, was der Jugend schon seit über 2 Jahren bekannt gewesen ist.
dass man die mit Einzelmeinungen begründete Nützlichkeit der Vorratsdatenspeicherung mit anderen Einzelmeinungen entkräften kann? Sie sind kein Wissenschaftler, oder?
dass man die mit Einzelmeinungen begründete Nützlichkeit der Vorratsdatenspeicherung mit anderen Einzelmeinungen entkräften kann? Sie sind kein Wissenschaftler, oder?
Wenn es Nazis gelingen konnte, direkt unter den Augen des Verfassungsschutzes zehn Morde zu begehen, dann hilft keine Vorratsspeicherung der Welt. (http://is.gd/QwPlSg)
Was an den Befürwortern von Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren (meist aus CDU/CSU, SPD) aber auffällt:
Egal, welches Thema gerade hochkocht, sofort werden Überwachung und Kontrollen im Internet gefordert.
http://is.gd/ysfDh1
Da werden wahlweise Kinderpornografie, Terrorismus, Filesharing als Argumente gebracht.
Und es wird deutlich: Es geht ihnen nicht um Aufklärung und Bestrafung (sonst wäre Herr Guttenberg wohl kaum so leicht davongekommen) - es geht um permanente Überwachung von uns allen.
...anders kann ich mir das nicht erklären, warum man schon seit 10 Jahren immer wieder mit so einem erwiesener Maßen für die Ermittlungsbehörden stumpfen Schwert daher kommt.
Das MfS hat zwar alles und jeden überwacht und tonnenweise Akten produziert - den Zusammenbruch der DDR aber letztendlich auch nicht verhindern können.
...anders kann ich mir das nicht erklären, warum man schon seit 10 Jahren immer wieder mit so einem erwiesener Maßen für die Ermittlungsbehörden stumpfen Schwert daher kommt.
Das MfS hat zwar alles und jeden überwacht und tonnenweise Akten produziert - den Zusammenbruch der DDR aber letztendlich auch nicht verhindern können.
Das ist der CDU doch egal. Von Fakten hat sich die CDU im Bezug auf das Internet noch nie beeinflussen lassen.
Es wird Zeit die CDU vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen: Die bewegt sich dauerhaft was Bürgerrechte angeht verfassungsrechtlich auf sehr dünnem Eis.
Ich hoffe die Studie wird von der CDU aufmerksam gelesen und dass SLS ihre gute Arbeit fortsetzt und alle "Sicherheitsexperten" der CDU abblitzen lässt!
der Großteil der deutschen freut sich, wenn er die Bildzeitungssprüche auswendig lernen darf und gegen die FDP bashen kann.
Für die Erkenntnis, dass er damit die Vorratsdatenspeicherung bevorteilt, reicht es meist nocht mehr.
Vermutlich hat der Deutsche die Vorratsdatenspeicherung wirklich verdient!
der Großteil der deutschen freut sich, wenn er die Bildzeitungssprüche auswendig lernen darf und gegen die FDP bashen kann.
Für die Erkenntnis, dass er damit die Vorratsdatenspeicherung bevorteilt, reicht es meist nocht mehr.
Vermutlich hat der Deutsche die Vorratsdatenspeicherung wirklich verdient!
Frau Justizministerin ist eine der wirklich wenigen FDP-Politiker, welche ich wirklich für ihre Auffassung und Taten bewundere. Selten nimmt sie eine unsinnige Position ein.
Selbiges sieht man bei SPD, CDU, CSU aber permanent.
Traurig, daß es so wenig kompetente Politiker gibt, leider reicht ein Politiker auch nicht, eine Partei attraktiv zu machen, welche ansonsten fast nur Unsinn produziert.
worden wäre, dann hätte es von der Ministerin vermutlich wohl keine weiteren Aufträge mehr gegeben.
Wenn Sie dem MPI hier Parteilichkeit vorwerfen, haben Sie keine Ahnung von der Qualität der dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Wie wäre es stattdessen, einfach mal die Sachlage anzuerkennen? Vielleicht ist SLS einfach die einzige Person in diesem Umfeld, die sich an der Wahrheit orientiert und nicht an konservativ-stumpfen Stammtischgepolter?
Wenn Sie dem MPI hier Parteilichkeit vorwerfen, haben Sie keine Ahnung von der Qualität der dortigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Wie wäre es stattdessen, einfach mal die Sachlage anzuerkennen? Vielleicht ist SLS einfach die einzige Person in diesem Umfeld, die sich an der Wahrheit orientiert und nicht an konservativ-stumpfen Stammtischgepolter?
Natürlich wollen die Strafverfolgungsbehörden die Vorratsdatenspeicherung! Wenn mich jemand fragen würde, ob ich mehr Geld für ein Projekt haben möchte, sage ich doch auch ja. Oder das Kind, dass sich eher für statt gegen ein neues Spielzeug entscheiden wird.
Die Strafverfolgungsbehörden brauchen nicht darüber nachzudenken, ob sie die Vorratsdaten wirklich brauchen. Je mehr Information, desto besser. So ist wahrscheinlich deren Sichtweise.
Dass dabei ganz massiv Grundrechte beschnitten werden, ist den meisten wohl egal.
ich habe sonst für die Freien Lobbyisten nur sehr wenig übrig. aber in dieser Frage muss ich unserer Justitzministerin zur Ihrer Haltung gratulieren.
Vielen Dank Frau Leutheusser-Schnarrenberger! Weiter so! Bleiben Sie standhaft! [...]
Gekürzt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak
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