ZEIT ONLINE: Herr Appelbaum, Sie sind mehrfach an Flughäfen festgehalten und von Sicherheitsbeamten befragt worden, Ihre Computer und Handys wurden untersucht und teilweise sogar konfisziert. Und das alles, weil Sie Wikileaks nahestehen. Nehmen Sie trotzdem noch Laptops oder Telefone mit auf Reisen?

Jacob Appelbaum: Das hängt davon ab, wo ich gerade herkomme und wo ich hinfliege.

ZEIT ONLINE: Was für persönliche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie denn? Reisen Sie mit speziellen Laptops oder Festplatten in bestimmte Länder?

Appelbaum: Ja, sicher. Oder mit Laptops ganz ohne Festplatten. Aber ich will das eigentlich nicht weiter kommentieren. Es ist schon echt mies, wenn man ins Visier von 25 Sicherheitsbehörden in seinem eigenen Land gerät, nur weil man ein Freund von Julian Assange ist.

ZEIT ONLINE: In einem Porträt im Magazin Rolling Stone aus dem Jahr 2010 beschreiben Sie, wie Sie Ihre Privatsphäre sonst noch schützen. Sie holen Post zum Beispiel immer nur bei einem privaten Lagerservice ab, damit möglichst niemand Ihre Anschrift erfährt. Leben Sie immer noch so?

Appelbaum: Unglücklicherweise ja. Die Bedrohung durch Rechtsextreme oder linke Fanatiker ist ein reales Problem. Der Staat bietet mir keinen Schutz, er terrorisiert mich stattdessen. Das zwingt mich dazu, ein Postfach zu benutzen, weil ich nicht will, dass jemand weiß, wo ich wohne. Diese Art von staatlichem Terror verändert dich. Es ist unmöglich, zu glauben, dass es jemals wirklich aufhört. Bücher wie Stasiland haben meinen Glauben, die Überwachung würde irgendwann enden, gründlich zerstört. Aber selbst wenn es nie enden sollte, denke ich immer noch, dass es richtig ist, meine Freunde zu unterstützen, insbesondere Julian.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über "Tor" reden – The Onion Router . Die Software hilft Menschen, anonym im Internet zu surfen, ohne dass jemand herausfinden kann, welche Seiten sie besuchen. Dazu baut sie eine zufällig ausgewählte Verbindung zwischen mehreren Servern des Netzwerks in aller Welt auf. Tor ist damit ein Werkzeug zum Schutz der Privatsphäre oder auch ein Mittel, in autokratischen Regimen die Internetzensur zu umgehen. Sie selbst arbeiten daran, das System zu verbessern, damit Blockadeversuche von diktatorischen Regierungen keinen Erfolg haben. Wie kompliziert ist Tor für den durchschnittlichen Internetnutzer?

Appelbaum: Jeder, der einen Computer zu Hause hat, kann sich ein Programm namens Tor Browser Bundle herunterladen. Das klickt man an – und schon wird der zugehörige Browser durch das Tor-Netzwerk geleitet, ohne dass man irgendetwas konfigurieren muss. Und wer tiefer eintauchen will, kann es mit einem Instant Messenger nutzen oder damit E-Mails verschicken. Aber der erste Schritt ist: Es muss dir wichtig genug sein, dass du dich darum kümmerst.

ZEIT ONLINE: Sie haben im Dezember beim Chaos Communication Congress einen Vortrag darüber gehalten, wie China und andere Staaten versuchen, Tor zu blockieren . Sie haben es ein Wettrüsten genannt, zwischen den Tor-Entwicklern und den Regierungen. Was können normale Internetnutzer tun, außer sich dieses Wettrüsten von außen anzusehen?

Appelbaum: Sie können sich erstens dafür einsetzen, dass ihr Land nicht beim Wettrüsten mitmacht. Das erfordert demokratisches Handeln, nicht technisches. Zweitens können normale Internetnutzer ihre Rechner zu Tor-Relays machen. Sie stellen damit einen Knoten im Netzwerk dar, über den Informationen weitergeleitet werden können. Sie klicken also praktisch einen Button, um andere vor Internetzensur zu schützen.

ZEIT ONLINE: Und auch das geht mit dem Tor Browser Bundle?

Appelbaum: Ja, damit und mit anderer Software, die wir anbieten. Wer anderen helfen möchte, muss nicht mehr wie Ernest Hemingway nach Spanien gehen, um die Anarchisten im Kampf gegen das Franco-Regime zu unterstützen, sondern kann so etwas von seinem Wohnzimmersofa aus tun.

Appelbaum rät davon ab, Smartphones zu benutzen

ZEIT ONLINE: Was können technisch nicht so versierte Menschen noch tun, um ihre Privatsphäre zu schützen?

Appelbaum: Am besten verzichten sie darauf, ein Mobiltelefon mit sich herumzutragen – insbesondere ein Smartphone. Denn die Gesetzgebung hat noch nicht mit der Tatsache Schritt gehalten, dass wir Peilsender kaufen, mit denen wir auch telefonieren können.

ZEIT ONLINE: Sollte man also statt Smartphones nur alte Handys ohne GPS-Modul nehmen?

Appelbaum: Ich denke, die Antwort ist: Benutzt am besten gar keine Mobiltelefone. Oder wir müssen die Mobilfunktechnik so grundlegend neu entwickeln, dass sie keine Spionagetechnik mehr ist. Aber ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel: Benennen Sie einfach mal Facebook um in Stasibook. Wie gut fühlen Sie sich jetzt, wenn Sie dort Auskunft über die Aktivitäten Ihrer Freunde geben? Es ist furchteinflößend, wenn man sich vorstellt, dass wir uns alle gegenseitig überwachen. Wir haben den Stasistaat privatisiert und demokratisiert. Wir sollten grundsätzlich nicht in einer Prestigekonsum-Gesellschaft leben, in der es immer darum geht, irgendwelche Belohnungen dafür zu kriegen, Menschen auf Fotos zu markieren.

ZEIT ONLINE: Würde der generelle Verzicht auf diese Technologien nicht bedeuten, dass man den Überwachungsstaat akzeptiert?

Appelbaum: Nein, wir müssen Alternativen entwickeln. Der Punkt ist: Wenn es eine Selbstmordmaschine gäbe, müssten wir sie ja nicht benutzen, nur weil es sie gibt. Wir sind nicht verpflichtet, uns gegenseitig zu überwachen.

ZEIT ONLINE: Ursprünglich wollte ich fragen, ob Anonymität und Privatsphäre zu Luxusgütern werden, verfügbar nur noch für jene, die technisch bewandert genug sind, die Geräte zu kontrollieren, die sie benutzen. Stattdessen muss ich jetzt fragen, ob Anonymität und Privatsphäre nur noch etwas für Asketen sind, die der Technik entsagen.

Appelbaum: Beide Fragen finde ich spannend. Im Moment gibt es einige Parallelen zum Leben eines Klerikers, wenn man seine Privatsphäre erhalten will. Denn so viele Dinge, mit denen wir interagieren, sind Spionagegeräte. Und wer nicht ausspioniert werden möchte, muss widerstehen, muss auf vieles verzichten. Oder man muss Kompromisse eingehen. Wer in die USA einreisen will, muss sich ihrem Überwachungsstaat unterwerfen, so leid es mir tut.

ZEIT ONLINE: Und die erste Frage nach dem vermeintlichen Luxusgut Anonymität?

Appelbaum: Das Tor-Netzwerk besteht aus denjenigen, denen es wichtig ist. Es sind – nach anarchistischem Vorbild – gegenseitige Hilfe und Solidarität, die das Netzwerk bilden. Einer klickt einen Button, auf dem sozusagen steht "Ich will anderen helfen" – und wird so zum Netzwerk. Das bedeutet, es ist eben nichts Elitäres. Es ist allen Menschen im Internet zugänglich. Andere Systeme, die nicht auf gegenseitiger Hilfe aufbauen, stammen von Unternehmen, die man für das Versprechen von Privatsphäre bezahlt – und whoops – geben sie die Daten an die Regierung weiter. In Zukunft werden wir hoffentlich Geräte haben, die uns gehören, nicht den Unternehmen. Das Gleiche gilt für Betriebssysteme und Software. Es muss freie Software sein. "Frei" wie in: Wir haben die Freiheit, sie zu verändern, damit sie tut, was wir wollen und damit wir verstehen, wie sie funktioniert. Das ist für mich das Gegenteil zu elitären Luxusgütern.

ZEIT ONLINE: Sind die meisten Menschen nicht zu bequem, um das aufzugeben, woran sie sich längst gewöhnt haben?

Appelbaum: Kommt drauf an. Menschen ändern ihre Prioritäten. Das tun sie ja auch, wenn sie Kinder bekommen. Dann hören sie auf, so schnell Motorrad zu fahren und fangen an, einen Helm zu tragen. Vielleicht trinken sie weniger – oder mehr, das hängt natürlich von den Kindern ab.