Jacob Appelbaum"Benutzt am besten gar keine Mobiltelefone"

Der Hacker Jacob Appelbaum weiß sehr genau, wie es ist, überwacht zu werden. Im Interview spricht er über das Anonymisierungsnetzwerk "Tor" und das Luxusgut Privatsphäre. von 

Jacob Appelbaum bei der Transmediale in Berlin

Jacob Appelbaum bei der Transmediale in Berlin  |  © Genz, Lindner / transmediale

ZEIT ONLINE: Herr Appelbaum, Sie sind mehrfach an Flughäfen festgehalten und von Sicherheitsbeamten befragt worden, Ihre Computer und Handys wurden untersucht und teilweise sogar konfisziert. Und das alles, weil Sie Wikileaks nahestehen. Nehmen Sie trotzdem noch Laptops oder Telefone mit auf Reisen?

Jacob Appelbaum: Das hängt davon ab, wo ich gerade herkomme und wo ich hinfliege.

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ZEIT ONLINE: Was für persönliche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie denn? Reisen Sie mit speziellen Laptops oder Festplatten in bestimmte Länder?

Appelbaum: Ja, sicher. Oder mit Laptops ganz ohne Festplatten. Aber ich will das eigentlich nicht weiter kommentieren. Es ist schon echt mies, wenn man ins Visier von 25 Sicherheitsbehörden in seinem eigenen Land gerät, nur weil man ein Freund von Julian Assange ist.

ZEIT ONLINE: In einem Porträt im Magazin Rolling Stone aus dem Jahr 2010 beschreiben Sie, wie Sie Ihre Privatsphäre sonst noch schützen. Sie holen Post zum Beispiel immer nur bei einem privaten Lagerservice ab, damit möglichst niemand Ihre Anschrift erfährt. Leben Sie immer noch so?

Jacob Appelbaum

Der Programmierer und Hacker Jacob Appelbaum, 28, ist bekannt geworden durch seinen Einsatz für das Anonymisierungsnetzwerk Tor sowie für Wikileaks und Julian Assange. Er reist viel durch die Welt, zuletzt saß er bei der Transmediale in Berlin auf dem Podium, um über Anonymous und  Aktivismus im Internet zu reden. Appelbaum, der als @ioerror twittert, sagte dem Rolling Stone einst, er sei in einer Familie von "völlig Irren" aufgewachsen. Seine Mutter leide unter paranoider Schizophrenie. Sein Vater, schwer heroinabhängig, starb vor einigen Jahren. Appelbaum selbst verbrachte einige Zeit in einem Heim. "Das Internet ist der einzige Grund, warum ich heute noch lebe", sagte er der Zeitschrift.

Appelbaum: Unglücklicherweise ja. Die Bedrohung durch Rechtsextreme oder linke Fanatiker ist ein reales Problem. Der Staat bietet mir keinen Schutz, er terrorisiert mich stattdessen. Das zwingt mich dazu, ein Postfach zu benutzen, weil ich nicht will, dass jemand weiß, wo ich wohne. Diese Art von staatlichem Terror verändert dich. Es ist unmöglich, zu glauben, dass es jemals wirklich aufhört. Bücher wie Stasiland haben meinen Glauben, die Überwachung würde irgendwann enden, gründlich zerstört. Aber selbst wenn es nie enden sollte, denke ich immer noch, dass es richtig ist, meine Freunde zu unterstützen, insbesondere Julian.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über "Tor" reden – The Onion Router . Die Software hilft Menschen, anonym im Internet zu surfen, ohne dass jemand herausfinden kann, welche Seiten sie besuchen. Dazu baut sie eine zufällig ausgewählte Verbindung zwischen mehreren Servern des Netzwerks in aller Welt auf. Tor ist damit ein Werkzeug zum Schutz der Privatsphäre oder auch ein Mittel, in autokratischen Regimen die Internetzensur zu umgehen. Sie selbst arbeiten daran, das System zu verbessern, damit Blockadeversuche von diktatorischen Regierungen keinen Erfolg haben. Wie kompliziert ist Tor für den durchschnittlichen Internetnutzer?

Appelbaum: Jeder, der einen Computer zu Hause hat, kann sich ein Programm namens Tor Browser Bundle herunterladen. Das klickt man an – und schon wird der zugehörige Browser durch das Tor-Netzwerk geleitet, ohne dass man irgendetwas konfigurieren muss. Und wer tiefer eintauchen will, kann es mit einem Instant Messenger nutzen oder damit E-Mails verschicken. Aber der erste Schritt ist: Es muss dir wichtig genug sein, dass du dich darum kümmerst.

ZEIT ONLINE: Sie haben im Dezember beim Chaos Communication Congress einen Vortrag darüber gehalten, wie China und andere Staaten versuchen, Tor zu blockieren . Sie haben es ein Wettrüsten genannt, zwischen den Tor-Entwicklern und den Regierungen. Was können normale Internetnutzer tun, außer sich dieses Wettrüsten von außen anzusehen?

Appelbaum: Sie können sich erstens dafür einsetzen, dass ihr Land nicht beim Wettrüsten mitmacht. Das erfordert demokratisches Handeln, nicht technisches. Zweitens können normale Internetnutzer ihre Rechner zu Tor-Relays machen. Sie stellen damit einen Knoten im Netzwerk dar, über den Informationen weitergeleitet werden können. Sie klicken also praktisch einen Button, um andere vor Internetzensur zu schützen.

ZEIT ONLINE: Und auch das geht mit dem Tor Browser Bundle?

Appelbaum: Ja, damit und mit anderer Software, die wir anbieten. Wer anderen helfen möchte, muss nicht mehr wie Ernest Hemingway nach Spanien gehen, um die Anarchisten im Kampf gegen das Franco-Regime zu unterstützen, sondern kann so etwas von seinem Wohnzimmersofa aus tun.

Leserkommentare
  1. Android Smartphones scannen automatisch ihre Umgebung nach WLAN Netzen - erkennen sie anhand ihrer MAC-Adresse BSSID (voellig unabhaengig von IP) und uebermitteln die Standortdaten an Google.
    Dh. das scannen, das Google mit seinen Streetviewautos eine zeitlang gemacht hat, machen nun zillionen von Smartphone-besitzenden Google"soldaten".
    Ich habe es selbst ausprobiert mit zwei WLAN-BSSID's und bin auf 50m genau auf den Standort gekommen.
    Das Tool unter http://samy.pl/androidmap/ hat Google mittlererweile geblockt.

    Aber installier mal Trackingsoftware auf einem Laptop, melde es als "gestohlen", verbinde Dich ueber WLAN und Du wirst sehen, dass die Position auf 2-3 Hausnummern genau angegeben wird. Gratis opensource Trackingsoftware: http://preyproject.com/

    viel Spass

  2. Meine Annahme. Ein hilfsbereiter Mitbürger hat Sie beim Jobcenter angezeigt. Entweder aus Neid, Schadensfreude, usw. Viel Raum für Spekulation, warum.

    Wie Sie schon schreiben, die Jobcenter haben keine Zeit und keine Ressourcen für solche Spionage-Operationen. Da geht es darum, Menschen zu helfen, Menschen nachzuspionieren das will keiner. Dazu braucht es einen konkreten Anlaß und die Jobcenter sind wiederrum zu klein, um sowas durchzuführen. Ich glaube, das macht dann die Arbeitsagentur oder Detekteien.

    Sie können soweit ich weiß Mittel für eine rechtliche Beratung beantragen. Damit würde ich an Ihrer Stelle zum Anwalt gehen und mit seiner Hilfe die Informationen einholen, wie und durch wen der Verdacht gegen Sie entstanden ist. Könnte allerdings das Ende einer Ehe oder Freundschaft bedeuten oder den Beginn eines Zaunstreits mit dem bisher so netten Nachbarn.

    Die Totalüberwachung durch Jobcenter, die Sie annehmen, gibt es meines Erachtens pauschal so nicht.

    Es kann aber auch sein, daß Ihre ständigen Begleiter Polizisten sind, die irgendwas ermitteln.

    2 Leserempfehlungen
  3. 83. wieso?

    Ich bin schon vorsichtig genug im alltaeglichen leben. Und jetzt soll ich auch mich vor Internet schuetzen? God, das Leben ist immer complizierter geworden. Ich tue niemand etwas an und bin trotzdem in danger? Na gut, ich gebe auf, weil ich sowieso zu dumm um mich vor irgendwelchem verrueckten IT-Genie zu schuetzen.

    • cs
    • 09. Februar 2012 4:20 Uhr

    wenn die NetworkManager mal endlich richtig funktionieren würden. Ich muss mich bei meinem Ubuntu immer noch über Konsolenbefehle ins Internet bewegen, weil das Mist App nicht funktioniert und sich auch nicht neu installieren lässt (bzw. dann funktioniert's genausowenig wie vorher, und es liegt NICHT an einem fehlenden Benachrichtigungsfenster oder so was trivialem).

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf " Freie Software"
    • cs
    • 09. Februar 2012 4:39 Uhr

    ... Chinesisch, denn obwohl das uns allen als so unlernbar erscheint, ist es von der Idee her recht ähnlich, und die Chinesen selber sehen ja auch keinen Grund, von ihrem System zu lassen ...

    Eine Leserempfehlung
    • Chali
    • 09. Februar 2012 6:11 Uhr

    ... übernahm ich das Zitat meines Vor-Posters: "Sapere aude!"

    (Der gute Immi!)

  4. Apere aude!

    Man muss nur die richtigen Fragen stellen:
    - Wann ist das Handy im Flugzeugmodus anpingbar?
    - Wird Sende- UND Empfangsteil abgeschaltet?

    Denkanstoss:
    - Das Sandhaufenparadoxon

    Musik aus dem Ofenrohr...
    Reiner Ruß im Ofenrohr kann wie ein Halbleiter wirken. Elektromagnetische Wellen werden in Schallwellen umgewandelt. Die Energie der elekromagnetischen Wellen reicht aus um Radio zu hören...

    Folgerichtige Handlungsweise?

    Eine Leserempfehlung
  5. Ich meinte: Sapere aude!

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