Facebook hat derzeit nach eigenen Angaben 845 Millionen Nutzer . Wäre das soziale Netzwerk ein Staat, es wäre mit dieser Einwohnerzahl der drittgrößte der Erde, nach China und Indien . Das ist ein Bild, das Facebook-Vertreter gern nutzen . Allerdings hört die Vergleichbarkeit bei der Größe auf.

Facebook ist kein Staat. Leider, muss man inzwischen fast sagen. Denn wäre es einer, könnten die Nutzer ein paar Dinge einfordern, die angesichts der erheblichen Relevanz, die das System für öffentliche Wahrnehmung und Kommunikation hat, gut wären: Einfluss auf die Entwicklung beispielsweise. Oder wenigstens Transparenz.

Das soll kein Aufruf sein, Facebook zu verstaatlichen. Keinem Staat sollte so viel Wissen über seine Bürger übertragen werden, wie es Facebook über seine Nutzer hat.

Das soll auch kein Aufruf sein, den Konzern dichtzumachen oder zu zerschlagen. Facebook ist ein Unternehmen und muss per definitionem Geld verdienen, um zu überleben und seinen Dienst anbieten zu können.

Zu groß, um es einfach hinzunehmen

Doch Facebook ist inzwischen so groß, dass es definiert, wie wir miteinander reden, dass es bestimmt, was wir im gegenseitigen Miteinander akzeptieren und was wir als inakzeptabel ansehen. So viele Menschen sind dort Mitglied, dass sich dort verordnete Konventionen weltweit ausbreiten.

Ein Beispiel: Facebook löscht Bilder stillender Mütter ( "Mothers breastfeeding without clothes on" ). Seit Jahren verschwinden Fotos, wenn darauf eine Brust zu sehen ist, weil sie angeblich pornografisch sind. Kinder in der Öffentlichkeit zu stillen, ist in den USA legal – wenn auch nicht gern gesehen – in Ländern wie Deutschland sogar völlig normal. Dank der rigiden Politik Facebooks besteht zumindest die Chance, dass stillende Mütter irgendwann als etwas Aufsehenerregendes, ja gar Ekel Auslösendes angesehen werden, das nicht in die Öffentlichkeit gehört.

Alle Regeln des menschlichen Miteinanders sind Verabredungen, die sich ändern können, sie sind verhandelbar. Gesellschaftliche Verhandlungen sind jedoch nur möglich, wenn alle von den Fakten wissen und sie diskutieren können. Facebook aber will die Regeln, die der Konzern sich und damit uns gibt, nicht kommunizieren. Sie werden im Zweifel nur deswegen bekannt, weil sich ein ehemaliger Mitarbeiter traut , sie öffentlich zu machen.

Ohne Information ist Kontrolle unmöglich

Ein anderes Beispiel: In der Onlineenzyklopädie Wikipedia gibt es ebenfalls Debatten darum, welche Bilder pornografisch sind und welche nicht . Gründer Jimmy Wales persönlich hat einige Fotos gelöscht und damit für Aufregung gesorgt. Allerdings ist die Debatte darum öffentlich. Jede Regel, jede Änderung, jeder Diskussionsbeitrag ist sichtbar.

Wer hingegen Nutzer des Systems Facebook wird, unterwirft sich Gesetzen, die er nicht kennt, weil sie ihm niemand mitteilt. Mit Nutzern debattiert wird gleich gar nicht, Widerspruch ist nicht vorgesehen. Facebook-Protestgruppen, die es seit Jahren in verschiedener Größe gibt, werden vom Konzern ignoriert. Das letzte Mal, dass das Unternehmen auf sie reagierte und eine geplante Änderung zurücknahm , war 2009. Damals wollte sich Facebook sämtliche Rechte auf von Nutzern hochgeladene Inhalte sichern.

Nun ist Facebook ein Unternehmen und muss nicht demokratisch organisiert sein. Allerdings ist es so groß und wird von so vielen Menschen genutzt, dass diese wenigstens wissen sollten, worauf sie sich einlassen. Denn nur der Aufgeklärte kann eine freie Entscheidung treffen. Oder, frei nach Immanuel Kant : Aufklärung ist der Weg aus der Unmündigkeit. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schrieb eben zum wiederholten Male, er wolle mit Facebook die Welt offener machen .

Widerspruch ist so unkompliziert wie nie

Das misslingt ihm regelmäßig. Jede neue Regel, jedes neue Werkzeug, das Facebook einführt, schafft neue Verwirrung über die Verwendung, die Möglichkeiten und die Risiken. Die Kommunikation dazu ist katastrophal. Wer weiß schon, nach welchem Muster die Meldungen in der eigenen Timeline gefiltert werden, warum etwas sichtbar ist und etwas anderes nicht? Im Ergebnis wird das blaue Netzwerk immer undurchsichtiger . Das Gleiche im Übrigen gilt für Google.

Selbstverständlich kann jede Kritik mit der Aufforderung beantwortet werden, ein solches System nicht zu nutzen. Doch ist das zu einfach. Eben weil dieses System inzwischen so viele Menschen anzieht und es viele gibt, die deswegen glauben, es ebenfalls verwenden zu müssen. Und weil es immer zu einfach ist, wegzugehen – statt zu versuchen, eine Situation für alle besser zu machen. Was letztlich auch im Interesse Facebooks wäre, denn irgendwann kommt sicher jemand, der es besser macht.

Widerspruch ist dabei nicht nur möglich, er ist so einfach wie nie zuvor. Facebook-Mitarbeiter sind sämtlich auch Mitglieder bei Facebook. Sie haben Accounts bei Twitter, bei Google + und bei vielen anderen Diensten. Facebook-Nutzer können auf diesen Wegen direkt mit Facebook-Mitarbeitern kommunizieren . Sie können ihnen mitteilen, wenn etwas unverständlich ist oder wenn etwas missfällt. "Ruf' Deinen Abgeordneten an", lautet oft die Forderung, wenn es um politische Veränderungen geht. Also los, chatten wir mit Facebook-Vertretern.