Konsumforschung : Dein Fernseher schaut dir zu

Leser von E-Books werden schon lange beobachtet, was und wie lange sie lesen. Seit Juli tut es die Telekom beim Digitalfernsehen und überwacht den Konsum ihrer Kunden.

Welche Bücher wir lesen, welche Songs wir hören, welche TV-Shows wir sehen, das wissen Unternehmen wie Amazon und Apple ziemlich genau. Schließlich kaufen wir E-Books, MP3-Alben und einzelne Folgen von Breaking Bad schon seit Langem online bei Amazon oder iTunes . Mittlerweile wollen diese und andere Unternehmen aber auch wissen, wie intensiv wir lesen oder fernsehen. Und sie machen es uns schwer, das für uns zu behalten.

Dein E-Book liest dich, schrieb das Wall Street Journal kürzlich. Gemeint war: Amazon, Barnes & Noble und andere schauen ihren Kunden über die Schulter, wenn die E-Books lesen. Wie lange und wie schnell sie im Schnitt lesen, an welcher Stelle im Buch sie den E-Reader zur Seite legen, was sie unterstreichen – solche Dinge speichern die Unternehmen. Das funktioniert, weil die Lesegeräte und Lese-Apps ständig oder zumindest immer mal wieder mit dem Internet verbunden sind und dabei die entsprechenden Daten an die Unternehmensserver übertragen.

Jetzt wird diese Art von Konsumforschung auch beim Fernsehen eingesetzt. Seit Mitte Juli erhebt und speichert die Telekom in Deutschland, wie Kunden ihres Digital-TV-Pakets Entertain fernsehen: Laut Verbraucherzentrale Bundesverband wird dabei festgestellt, welche Sendungen sie aufzeichnen, wann sie den Dienst nutzen, welche Programme sie auswählen und wann sie umschalten.

Sender erhalten anonymisierte Daten

Die Daten der rund 1,7 Millionen Entertain-Kunden werden zunächst pseudonymisiert erhoben, dann anonymisiert und ausgewertet und anschließend auch den Fernsehsendern zur Verfügung gestellt.

Warum das alles? Die Daten sind eine Goldgrube. Buchverkäufer kannten bislang nur die Verkaufszahlen. Was anschließend mit den Büchern geschah, erfuhren sie nie. Beim Fernsehen werden Einschaltquoten zwar erhoben, das Verfahren ist aber mühsam, teuer und, da es auf Hochrechnungen basiert, nicht sehr genau. Gleichzeitig sind die Zahlen aber Basis für Berechnungen, wie viel Geld für Werbung genommen werden kann und für die Planung des Programms.

Barnes & Noble etwa hat festgestellt, dass Nutzer des E-Readers Nook häufig Sachbücher nicht zu Ende lesen. Deshalb hat die Buchhandelskette das neue Format "Nook Snaps" eingeführt – eher kurze, journalistische Werke zu einzelnen Sachthemen, vergleichbar mit den Kindle Singles von Amazon.

Stillschweigende Zustimmung angenommen

Auch Fernsehsender können ihre Formate damit genauer den vermeintlichen Vorlieben der Nutzer anpassen: Mehr Informationssendungen oder eher weniger, frühere Sendezeiten für Filme einführen, eine andere Filmauswahl treffen, kürzere oder längere Dokumentationen senden. Neu ist das Prinzip freilich nicht – seit die Einschaltquoten erhoben werden, richten sich die Sender auch nach dem Geschmack der Mehrheit. Neu aber ist die Masse der untersuchten Zuschauer und damit die Genauigkeit der Daten.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Die hohe Nutzerzahl bei der Erhebung kommt aber nur zustande, weil die Telekom bei ihren Entertain-Kunden davon ausgeht, dass die nichts dagegen haben. Denn die Telekom hat sich für ein sogenanntes Opt-out-Verfahren entschieden. Das heißt, wer nicht überwacht werden will, muss dem gezielt widersprechen, tut er es nicht, geht die Telekom davon aus, dass der Kunde einverstanden ist.

Aus Sicht des Datenschutzes gilt das als nicht sauber, aber das Verfahren ist üblich, denn so widersprechen weniger. Bei Amazon etwa erklärt sich der Leser laut Nutzungsbedingungen damit einverstanden, dass solche Daten erhoben und auf Amazons Servern gespeichert werden – zum Beispiel "zuletzt gelesene Seiten" sowie "Anmerkungen, Lesezeichen, Notizen, Markierungen oder ähnliche Kennzeichnungen, die Sie mit Ihrem Gerät oder Ihrer Lese-App vornehmen". Wer die Nutzungsbedingungen nicht liest, erfährt das nicht einmal.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Opt-out-Verfahren

genau dasselbe wie beim Meldegesetz und glasklarer offenliegender Verstoß gegen allen Recht und Anstand,

jeden kleinen einzelnen Internet-Downloader kann und sollte man nicht verfolgen versuchen, aber solche großen Firmen liegen offen vor,
haben eine Anschrift, ein Konto, Verkauf kann in Deutschland eingeschränkt werden usw.

hier fehlt allein der politische Wille, einmal die Entscheidung treffen
a) Unternehmen verdient Geld, Bürger betrogen
b) Unternehmen verdient kein Geld, Bürgerrechte gewahrt
schon könnte ein Problem aus der Welt geschafft werden,
zumindest die offizielle rechtliche Seite korrekt gestellt werden

die etablierten Parteien sind auf Seite a),
jeder Bürger und die kleinen Parteien a la Piraten auf b),
trotzdem wählen sie a) ...