ReiseplattformCouchsurfer-Dienst schafft Datenschutz faktisch ab

Die Übernachtungsplattform "CouchSurfing.org" hat neue AGB, durch die Nutzer jede Kontrolle über persönliche Daten verlieren. Das moniert Datenschützer Peter Schaar. von 

Es klingt ganz nach einem Fall für Terms of Service; Didn't Read (ToS;DR) . Das Projekt liest, analysiert und bewertet die AGB von Onlinediensten, weil das sonst niemand tut. Mehr als 50 Dienste haben die ToS;DR-Macher bereits untersucht. Ein weiterer müsste nun hinzukommen: CouchSurfing.org

Für die Mitglieder des US-Portals, das vor allem Rucksackreisende zur Vermittlung kostenloser Schlafplätze nutzen, gelten seit dem 14. September neue Nutzungsbedingungen . Sie erlauben es den Betreibern, private Daten wie Namen, Alter, Anschriften, Telefonnummern, persönliche Interessen sowie Fotos der rund 4,8 Millionen Mitglieder künftig an Dritte weiterzugeben und unbegrenzt, für alle Zeit, kostenlos und ungefragt zu verwenden. So steht es unter Punkt 5.3 – " Member Content License ". Die Formulierungen darin gehen deutlich über die ohnehin fragwürdige bisherige Version der Nutzungsbedingungen hinaus.

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Außerdem behält sich CouchSurfing.com vor, seine AGB und Datenschutzbestimmungen jederzeit ändern zu können, ohne seine Nutzer darauf hinzuweisen. Wer die Seite nutzt, ist mit all dem einverstanden – so steht es gleich im zweiten Absatz der neuen Geschäftsbedingungen.

Zahlreiche deutsche Nutzer hatten sich deshalb beim Bundesbeauftragten für Datenschutz, Peter Schaar , beschwert. Der ist entsetzt : "Die Nutzerinnen und Nutzer werden genötigt, auf jegliche Kontrolle über ihre Daten zu verzichten." Dies sei inakzeptabel und nach deutschem sowie europäischem Datenschutzrecht unzulässig.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das kommt in diesem Fall allerdings nicht zur Anwendung, weil CouchSurfing.org seinen Sitz in den USA hat, aber keine Vertretung in Europa . Deshalb kann Schaar wenig ausrichten. Er hat einen Brief an die zuständige US-Handelsbehörde FTC geschrieben, in dem er auf die Missstände hinweist.

Abhilfe schaffen könnte die von der Europäischen Kommission geplante neue Datenschutzverordnung . Sie sieht vor, strenge Grundsätze des Datenschutzrechts künftig auch für Nicht-EU-Staaten gelten zu lassen. Marktortprinzip heißt das: Es gelten jeweils die Datenschutzgesetze des Landes, in dem der Dienst zugänglich ist. Deutsche Nutzer könnten sich also auf deutsche Bestimmungen berufen, wenn ein Dienst hierzulande angeboten wird. Schaar drängt nun darauf, die Verordnung rasch einzuführen. Da es sich um eine Verordnung und nicht um eine Richtlinie handelt, würde sie sofort EU-weit gelten.

Bis dahin bleibt den Mitgliedern von CouchSurfing.org nichts anderes übrig, als die neuen AGB zu akzeptieren oder sich eine Alternative zu suchen. Die Nachrichtenagentur dpa hat erfolglos versucht, die Betreiber für eine Stellungnahme zu erreichen. Eine Anfrage von ZEIT ONLINE läuft.

Druck auf CouchSurfing.org könnte auch das Projekt ToS;DR ausüben. Die Freiwilligen dort haben das Übernachtungsportal schon auf dem Schirm: Vor einigen Tagen schlugen sie vor , die Seite in die Liste der zu untersuchenden Onlinedienste aufzunehmen Die Beschwerde von Schaar bei der FTC könnte das nun beschleunigen.

Update: Fünf Tage nach der Anfrage von ZEIT ONLINE hat der CEO von CouchSurfing.org, Tony Espinoza, per E-Mail geantwortet. Er schreibt, CouchSurfing.org wolle seine Mitglieder nicht bei jeder kleinen Änderung der AGB belästigen, die keinen Einfluss auf die Nutzung der Seite haben. Deshalb würden die Nutzer nur über bedeutendere Dinge direkt informiert.

Die weitgehende Member Content License wiederum sei notwendig, um Betrugsversuche entdecken zu können: CouchSurfing behalte sich zum Beispiel vor, Inhalte von eigentlich schon gelöschten Profilen zu speichern und mit neu angelegten Profilen abzugleichen, um diejenigen zu überführen, die ihr Profil wegen schlechter Bewertungen aufgegeben haben und einfach von vorne beginnen wollen. Außerdem solle die Formulierung in den AGB sicherstellen, dass CouchSurfing.org weiterentwickelt werden kann, ohne dass die AGB bei jeder kleinen Veränderung angepasst werden müssen. Was das Unternehmen mit den Daten mache, sei aber in derPrivacy Policynachzulesen.

Espinoza schreibt zudem, dass CouchSurfing.org daran arbeite, sich den Safe-Harbor-Regeln zu unterwerfen und damit klaruzustellen, dass man grundlegende Prinzipien der EU-Datenschutzrichtlinie 95/46/EG befolge. Desweiteren sei man dabei, neue Privatsphäre-Kontrollmöglichkeiten zu entwickeln. Und Mitgliederdaten würden niemals für eigene Werbezwecke verwendet oder an Dritte verkauft werden, ohne dass die Mitglieder zuvor darüber informiert würden und ohne dass sie die Möglichkeit hätten, das zu untersagen.

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Leserkommentare
  1. Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumenten an der Debatte und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Des weiteren bitte wir Sie, sich an unsere Netiquette zu halten. Danke, die Redaktion/se

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  2. Ich weiß, warum ich nicht bei Facebook bin. Nun muss ich wohl meinen Account bei couchsurfing löschen. Schade, es hatte Spaß gemacht. Aber nun wird´s pervers bei couchsurfing. Die wollen einfach alles ohne Kompromisse. Eine echte datenkrake ohne Sinn und Verstand. Sie konterkarieren ihre eigenen Super-Idee mit Gier. Nonsens. Aber es gibt ja noch andere "Bettenbörsen"...

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    • fractal
    • 14. September 2012 13:12 Uhr

    Es ist wahrlich schade, dass eine so tolle Seite sich mit so unglaublichen Bedingungen quasi unbenutzbar macht.

    Immerhin ist die Reaktion der deutschen Datenschützer und Medien erstaunlich schnell und angemessen. Innerhalb von drei Tagen, nachdem eine "Botschafterin" auf Couchsurfung selbst bekanntgab, dass sie sich an das BfDI wenden wolle haben diese, wie auch die ZEIT und andere Medien, sich des Themas angenommen. Immerhin etwas, ich hoffe es trägt dazu bei, die ToS annehmbar zu machen.

    Im Moment scheint auf CS selbst ein guter Teil der Diskussion darum zu gehen, warum sich "die Europäer" so wegen das US-Managements und deren ToS empören..

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    • ach_ne
    • 14. September 2012 13:19 Uhr

    BeWelcome.org oder HospitalityClub.org.
    Hat schon mal jemand die Netzwerke getestet? Welche Erfahrungen wurden gemacht?

    2 Leserempfehlungen
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    • hareck
    • 18. Dezember 2012 12:01 Uhr

    ist OK, habe ich jahrelang benutzt, ist insbesondere in Deutschland groß, da der Gründer Deutscher ist.

    Wer in die USA reisen will, kommt wohl vorerst nicht an Couchsurfing vorbei. Aber das kann sich ja bei diesen unmöglichen Bedingungen ändern.

    Wichtig ist, dass die Alternativen auch innerhalb des Couchsurfing-Netzwerkes bekannt werden. Also bitte alle Kontakte dort informieren!

    • These
    • 14. September 2012 13:22 Uhr

    Es gibt eine prima Alternative zu dieser kommerziellen Seite:
    http://www.hospitalityclu...
    The Hospitality Club
    Viel Spaß beim couchsurfen :)

    3 Leserempfehlungen
  3. Ich glaube auch, es geht dabei vor allem um Sicherheit. Das vorletzte Wort ist da wahrscheinlich nur versehentlich rein gerutscht...

    2 Leserempfehlungen
    • ThorHa
    • 14. September 2012 14:41 Uhr

    über Datenschutzverstösse "Social Media" Unternehmen. Wie egal den vielen Millionen Mitgliedern das jeweils ist, macht die verbleibende respektive steigende Mitgliederzahl hinreichend deutlich. Und da es schon lange keine der Standard-Entschuldigungen mehr gibt (mangelnde Bildung, mangelnde Aufklärung), wird jede Art von Klagen über die Datennutzung durch die Unternehmen lächerlich. Datennutzung ist der Kern ihres geschäftsmodells. Die Mitglieder wissen es (oder müssen es wissen) und bleiben trotzdem Mitglied. Ihr Problem, case closed.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Peter Schaar | Datenschutz | AGB | Nachrichtenagentur | USA | Europa
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