ZEIT ONLINE : Mr. Weinberg, welche Suchmaschine ist die bessere: eine, die jedem Nutzer die gleichen Ergebnisse zeigt – oder eine, die maßgeschneiderte Ergebnisse liefert?

Gabriel Weinberg : Ich glaube, die meisten Nutzer denken darüber gar nicht nach. Sie gehen einfach davon aus, dass sie alle dieselben Suchergebnisse bekommen. Besonders dann, wenn es um sensible Themen geht wie Politik oder Gesundheit.

ZEIT ONLINE : Sie meinen, die Nutzer von Google oder Bing sind sich noch immer nicht bewusst, dass ihre Suchergebnisse auf sie zugeschnitten sind ?

Weinberg : Richtig. Und selbst wenn sie es wissen, glauben sie, es reicht, sich aus dem Google-Konto auszuloggen oder im Privatmodus zu surfen, um neutrale Ergebnisse zu bekommen. Aber das stimmt eben nicht .

ZEIT ONLINE : Aber selbst wenn Google einseitig wäre: Ist der Einfluss einer Suchmaschine auf politische Überzeugungen oder Kaufentscheidungen wirklich so direkt und so groß?

Weinberg : Es stört mich, dass so etwas noch nicht wirklich wissenschaftlich untersucht wurde. Was aber erwiesen ist: Auch kleine Einflüsse aus der Umgebung, besonders Dinge, die einem Menschen gezeigt werden, die er von alleine nicht gesehen hätte, können seine Überzeugungen signifikant verändern. Auf Google übertragen heißt das: Wenn die Suchmaschine Ihnen immer wieder etwas zeigt, von dem sie glaubt, dass Sie damit einverstanden sind, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Standpunkt bei Ihnen verfestigt.

ZEIT ONLINE : Trauen Sie den Menschen nicht zu, Quellen kritisch zu beurteilen?

Weinberg : Gute Frage. Prinzipiell halte ich die Menschen für skeptisch genug. Aber Suchmaschinen und die Wikipedia sind für viele sakrosankte Werkzeuge, von denen sie erwarten, dass sie neutral bleiben. Wenn die Menschen Meinungen wollen, nehmen sie alles jenseits von Suchmaschinen. Von der Suchmaschine selbst aber erwarten sie die rohe, unparteiische Information.

ZEIT ONLINE : Haben Suchmaschinenbetreiber, insbesondere, wenn sie so groß sind wie Google, eine gesellschaftliche Verantwortung, neutrale Suchergebnisse auszugeben?

Weinberg : Soweit würde ich nicht gehen. Es gibt genug Platz für viele verschiedene Suchmaschinen. Ich denke nur, das Problem liegt in der Erwartungshaltung der Nutzer. Im Jahr 2005 waren die Suchergebnisse von Google noch nicht so personalisiert wie heute. Und das war die Zeit, als Google marktbeherrschend wurde. Damals entstand die Überzeugung, dass Googles Suchergebnisse neutral sind und bleiben.

ZEIT ONLINE : Sagt Google nicht deutlich genug, dass die Suchergebnisse personalisiert werden?

Weinberg : Nein.

DuckDuckGo ist abhängig von offenen Schnittstellen

ZEIT ONLINE : Dann lassen Sie uns über Ihre Suchmaschine DuckDuckGo reden, die keine Personalisierung betreibt: Sie nutzen vor allem die Schnittstellen und Informationen von Yahoo , Wolfram Alpha und Wikipedia. Wie wichtig ist die Weiterentwicklung Ihres eigenen Crawlers?

Weinberg : Soweit ich weiß, sind Google, Bing , Yandex und Baidu die einzigen, die versuchen, das ganze Netz selbst zu indizieren. Das ist sehr teuer. Wir dagegen haben uns früh darauf konzentriert, die ersten drei Suchergebnisse zu kuratieren und direkte Antworten auf Suchanfragen zu liefern, ohne dass der Nutzer noch auf einen Link klicken muss. Langfristig wird es aber wichtiger für uns, den eigenen Crawler weiterzuentwickeln, wenn wir weiter wachsen.

ZEIT ONLINE : Befürchten Sie nicht, dass es mit der Unterstützung irgendwann vorbei sein könnte?

Weinberg : Nein, die Welt hat sich verändert: Viele Anbieter öffnen sich und bieten Schnittstellen an, und wir sind eben so etwas wie der Klebstoff zwischen all diesen APIs, um unseren Nutzern die Informationen zu geben, die sie suchen. Und je größer wir werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Yahoo uns den Hahn abdreht. Denn wir zahlen für die Nutzung der Schnittstelle und wir kooperieren bei den Anzeigen. Sie verdienen also an uns.

ZEIT ONLINE : Denken Sie überhaupt an Ihr Geschäftsmodell, solange sie noch Risikokapital zur Verfügung haben? In einem Artikel der Washington Post werden Sie "ambitionslos" genannt.

Weinberg : Das ist wohl etwas übertrieben formuliert. Ich denke natürlich darüber nach, wie wir nachhaltig wirtschaften können. Und dazu müssen wir einen gewissen Profit erzielen. Das Schöne an Suchmaschinen ist, dass Anzeigen in diesem Bereich recht lukrativ sind – selbst, wenn man darauf verzichtet, Nutzerdaten zu sammeln. Deshalb arbeiten wir mit Yahoo und Microsoft zusammen, um uns Einnahmen aus Anzeigen zu teilen, ohne dass wir selbst den ganzen Service betreiben müssten. Ich glaube, das reicht, damit wir uns langfristig halten können. Es wäre aber gut, wenn wir noch wachsen würden und vielleicht fünfmal so groß werden wie heute. Wir sind jetzt groß genug, damit die Leute uns ernst nehmen, aber nicht groß genug, damit andere Suchmaschinen uns als bedeutend wahrnehmen.

ZEIT ONLINE : Könnte Ihre Weigerung, Nutzerdaten zu sammeln, dabei hinderlich sein? Oder kann man mit Datenschutz auch Geld verdienen?

Weinberg : Der Schutz der Privatsphäre unserer Nutzer war immer einer unserer Schwerpunkte, aber er soll nicht der einzige Grund sein, DuckDuckGo zu benutzen. Wir versuchen auch schlicht, eine bessere Suchmaschine zu sein.