ÜberwachungWenn die Schuluniform die Schüler überwacht

Schulen in Brasilien und den USA zwingen ihre Schüler, RFID-Chips zur Ortung zu tragen. Das soll Schwänzen verhindern. Vergeblich, denn es ändert nichts an den Ursachen. von 

Im brasilianischen Bundesstaat Bahia tragen rund 20.000 Kinder seit Beginn des Schuljahres eine Schuluniform mit eingenähtem RFID-Chip . Der erkennt, ob sie auf dem Schulgelände sind oder nicht. Die Information wird an einen Computer gesendet, der dann die Eltern per SMS benachrichtigt – und auch warnt, wenn die Kinder 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht in der Schule sind. Im kommenden Jahr sollen alle Schüler in Bahia zwischen vier und 14 Jahren eine solche Uniform tragen.

RFID steht für Radio Frequency Identification Device. Das sind kleine, billige Chips. Die auf ihnen gespeicherten Daten können über kurze Entfernungen von entsprechenden Geräten ausgelesen werden. Solche Funkchips werden beispielsweise als Diebstahlsicherung verwendet, oder um in Lagern Warenströme verfolgen zu können. Außerdem kleben sie auch im ePass und verraten dem Lesegerät Daten über den Passinhaber. Werden RFID-Chips in ein Kleidungsstück eingenäht , können sie von zum Beispiel am Schuleingang aufgestellten Lesegeräten erkannt werden, wenn die Schüler hindurchgehen.

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Das "Tracking" von Schülern ist kein neues Phänomen. Schon 2005 testete eine Schule in Kalifornien ein vergleichbares System. Es wurde gestoppt , nachdem sich Eltern und Bürgerrechtler über die Verletzung der Privatsphäre der Kinder beschwerten. Doch solche Argumente zählen in Zeiten umfassender Überwachung offenbar nicht mehr – die Technik wird auch in den USA wieder eingesetzt. Dabei geht es allerdings nicht um Sicherheit, sondern um Geld.

Ein Schulbezirk in San Antonio, Texas , hat die Chips nicht in Uniformen einnähen lassen, aber in Ausweiskarten gesteckt, die alle Schüler seit diesem Herbst um den Hals tragen müssen. Auf den Karten stehen Name und Sozialversicherungsnummer der Schüler sowie ein Foto.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Hintergrund ist die staatliche Förderung von Schulen, die ist auch abhängig davon, wie viele Schüler im Unterricht auftauchen, wie Wired schreibt . Ein Schulbezirk bekommt für jeden Schüler Geld vom Staat – aber nur dann, wenn die Schüler auch wirklich zur Schule gehen. Die Anwesenheit wird täglich überprüft. Fehlt ein Schüler innerhalb von 180 Schultagen neunmal oder öfter, bekommt der Bezirk für diesen Schüler fünf Prozent weniger staatliche Unterstützung als für einen Schüler, der keinen Tag verpasst hat.

Der Chip in der Ausweiskarte meldet, wann sich ein Schüler auf dem Schulgelände befindet. Zwei andere Distrikte nutzen die Technik schon länger und profitieren nach eigenen Angaben davon .

Eine Schülerin nun versucht, sich gegen diese Überwachung zur Wehr zu setzen. Sie lehnt es ab, die Karte mit dem RFID-Chip zu tragen und begründete es mit der Verletzung ihrer Privatsphäre – und ihrer religiösen Überzeugung. Das Tragen der Karte komme der Offenbarung des Johannes sehr nahe, in der es heißt: "Und es macht, dass die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Knechte – allesamt sich ein Malzeichen geben an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, dass niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens. Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666." Das Mädchen will also kein "Teufelssymbol" tragen müssen.

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