Privatsphäre : Tausche Menschenrecht gegen Bratpfanne

Wie viel das Recht auf Privatsphäre wert ist, lässt sich genau beziffern. Würden wir andere Freiheitsrechte zum gleichen Kurs eintauschen? Ein Gedankenexperiment

Wer für sechs Monate auf sein Recht verzichtet, an einer Demonstration teilzunehmen, kann einen günstigeren Tarif für seine Krankenversicherung bekommen. Wer verspricht, in den nächsten Monaten einem Straßenbauunternehmen zu melden, wohin er geht und fährt und wie lange er bleibt, der erhält einen Gutschein von Amazon im Wert von fünf US-Dollar. Wer seine Gebete aufzeichnet und die Aufnahme an einer Kaufhauskasse abgibt, kriegt im Gegenzug eine Bratpfanne.

Diese Aussagen sind natürlich Unsinn und frei erfunden. Zumindest solange, bis die damit verbundenen Menschenrechte – auf Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit und Religionsfreiheit – durch ein anderes ersetzt werden: das Menschenrecht auf Privatsphäre. Dann gibt es plötzlich nicht nur reale Beispiele für diese Gedankenspiele, sondern es gibt auch Menschen, die den entsprechenden Tausch für ein gutes Geschäft halten.

Wer sich in den USA einen Fahrtenschreiber von seinem Versicherer ins Auto bauen und seinen Fahrstil sechs Monate lang überwachen lässt, kann auf eine niedrigere Versicherungsprämie hoffen . Zumindest wenn das Gerät feststellt, dass der Fahrer nicht ständig hart auf die Bremse tritt oder häufig nachts um drei durch die Gegend fährt, wenn das Unfallrisiko statistisch gesehen am höchsten ist.

Wer bei Googles Projekt Screenwise Trends mitmacht, muss den Browser Chrome sowie eine Erweiterung installieren und sein Surfverhalten überwachen lassen: Welche Websites werden aufgerufen, zu welcher Uhrzeit und für wie lange? Als Entschädigung gibt es alle drei Monate einen Gutschein von Amazon, Walmart oder Barnes & Noble. Immerhin: Teilnehmer können die Überwachung zwischenzeitlich stoppen , oder einfach einen anderen Browser nutzen.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wer eine Payback- oder vergleichbare Kundenkarte nutzt , lässt zu, dass Unternehmen seine Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten und damit auch persönliche Vorlieben und Interessen analysieren. Als Gegenleistung gibt es Sporttaschen oder einen Fußball.

Das sind nur drei Beispiele von vielen. Befürworter solcher Geschäfte argumentieren, dass solche Deals der Gesellschaft nützen können. Wenn sich Autofahrer überwacht fühlen, sind sie vielleicht vorsichtiger und verursachen dadurch weniger Unfälle. Wenn manche ihr Kommunikationsverhalten kontrollieren lassen, können Unternehmen wie Google ihre Dienste noch besser auf die Bedürfnisse der Durchschnittsnutzer zuschneiden.

Für eine Handvoll Dollar

Außerdem wird niemand gezwungen, diese Angebote anzunehmen. (Naja, manchmal doch.) Aber offenbar tun es viele. 900.000 Autofahrer lassen sich vom US-Versicherer Progressive überwachen, Google ist nach eigenen Angaben "überwältigt" vom Interesse seiner Nutzer und die Payback-Mutter Loyalty Partner hatte "noch nie so viel zu tun wie jetzt" .

Doch in jedem Fall geht es letztlich um eine freiwillige Überwachung. Ist das Recht auf Privatsphäre also ein vergleichsweise unwichtiges, verzichtbares Menschenrecht? Oder würden Menschen für eine Handvoll Dollar jedes Freiheitsrecht vorübergehend aufgeben?

Einen Versuch wäre es wert: Wie günstig muss Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung werden, damit der Versicherer bestimmen darf, welchen Beruf Sie auszuüben haben? Wie viele Bratpfannen müsste ein Kaufhaus Ihnen geben, damit es Ihre Wohnung abhören darf? Wie viel Geld würde es mich kosten, damit Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel für sich behalten?

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ach na ja...

"Ist das Recht auf Privatsphäre also ein vergleichsweise unwichtiges, verzichtbares Menschenrecht?"

Kann das nicht jeder für sich selbst entscheiden? Wenn ich mich dazu entschließe mein Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen, wenn ich dafür weniger Versicherungsprämie zahlen darf, MUSS mich das ernsthaft stören? MUSS ich mich entrechtet fühlen? Warum soll ich so ein Angebot nicht annehmen? Es heißt "Recht auf Privatsphäre" und nicht "Pflicht auf Privatsphäre".

Dem Menschen seine Freiheit. Wenn er in bestimmten Dingen selbst keinen großen Wert auf seine Privatsphäre legt (siehe facebook), darf ich ihm dann moralisch erklären: "Du entblößt dich und gibst all deine Rechte her! Bist du noch zu retten?!" So lage es FREIWILLIG ist (man denke an das umstritte Meldegesetz vor einiger Zeit).

Wenn mir von anderer Seite meine "Rechte" eingeschrekt werden, ist das nicht ok. Wenn ich das selbst tue...bin ich im schlimmsten Fall selbst dran schuld. Aber es ist mein Recht und damit möchte ich bitte tun und lassen was ich will!

eben nicht "ach, na ja...."

Leider hat das ganze erhebliche Auswirkungen auf all diejenigen, die sich die "Freiheit" nehmen, sich nicht überwachen zu lassen.

Der Glaube, man bekäme wirklich eine Rabatt bei Benutzung z.B. einer Payback Karte ist doch eher naiv. Das Payback System kostet Geld! Und das wiederum wird letztendlich bei den Verbrauchern eingetrieben, so wie Ausgaben für Werbung auch. Mit dem Unterschied, dass diejenigen die nicht teilnehmen letztlich mehr bezahlen. Das ist dann der Preis der Freiheit. Und das lässt sich mehr oder weniger auf alle genannten Beispiele übertragen.

Darüber hinaus halte ich das Recht auf Privatsphäre in einem demokratischen System für unverzichtbar um eine funktionierende Meinungsfindung zu gewährleisten! Und das fängt im kleinen (payback) an und endet im großen (google, facebook und Co.). Es ist nicht ausschließlich eine Entscheidung des Einzelnen, sein Recht auf Privatsphäre aufzugeben, denn es sind immer alle betroffen!

Das soll jeder für sich entscheiden

Nee, entschuldigung, aber da muss ich widersprechen.

Wenn ich bei DM mein Schampoo kaufe, dann kostet das nicht mehr, wenn ich die Paybackkarte dazu reiche. Es kostet auch nicht weniger. Würde man Payback abschaffen, würde das Schampoo trotzdem noch so viel kosten.

Die Kosten, die Payback hat (Verwaltung, Marketing), fahren die durch Verträge mit Händlern ein. Ein Händler macht das Schampoo aber nicht teurer, damit Payback zufrieden ist.

Was allerdings gar nicht geht, und ich denke das wurde mit dem ersten Kommentar gemeint: Wenn die Meldestellen meine Daten verhökern. DAS ist dann etwas anderes. Wenn ich selbst aber so dämlich bin ... mein Recht, meine Verantwortung.

Und warum sollte es Auswirkungen auf alle anderen haben, wenn ich bei facebook mein Profil öffentlich einrichte? Die Daten meiner Freunde können nur abgerufen werden, wenn meine Freunde genauso (dämlich) öffentlich sind wie ich.

Machen wir es doch zur Pflicht

Stellt sich zudem die Frage, wessen Daten mich mehr interessieren. Ihre sicherlich nicht. Meine schon. Von daher ist dieses "alle, die ihre Daten öffentlich machen sorgen dafür, dass die anderen blechen dürfen" fantastisch.

Wer sich beim Autofahren überwachen lässt, lässt ja nicht seinen Nachbar dabei übrwachen.

Sie sagen ja selbst, dass Sie das Recht auf Privatsphäre für unverzichtbar halten. So wie Sie allerdings argumentieren bekommt man den Eindruck, dass Sie von einer Pflicht auf Privatsphäre sprechen. Und diese gibt es nicht.

Was ist mit dem Internet? Ist Ihnen aufgefallen, dass rechts immer Werbung blinkt, die in die Richtung Ihrer Interessen geht? Wer ist schuld? Ich, weil ich Payback benutze? Oder Sie, weil Sie nach z. B. einem neuen TV geschaut haben?

btw: Payback hat nichts mit Rabatt zu tun.

Das wird vermutlich auch nur der Anfang sein

Natürlich kann niemand etwas dagegen haben, wenn jemand freiweillig gegen eine Gegenleistung auf Privatsphäre verzichtet. Aber wie lange wird es noch so bleiben. Wann wird es so weit sein, dass es Nachteile bringt, wenn man sich der Preisgabe privater bis intimer Daten verweigert. Und wo ist die Grenze zwischen dem Vorteil für die Mitarbeit und dem Nachteil für die Verweigerung derselben?

Betrachtet man die beschriebene Vorgänge nicht nur als punktuelles Ereignis sondern als Trend oder mittelfristige Entwicklung, sehe ich das leider nicht mehr ganz so entspannt wie Sie.

rechte

dieses statement, wie andere, geht an der realität aber insofern vorbei, als dass nirgendwo davon die rede ist ihr recht auf selbstkasteiung einzuschränken.
der ruf derjenigen die sich allerdings wundern wie blöd man sein kann wird allerdings lauter, das müssen sie aushalten.

wer seine rechte gegen eine bratpfanne tauschen will soll das machen, noch sind die auswirkungen auf die gesamtbevölkerung durch dieses verhalten überschaubar, vielleicht ändert sich das noch. die menschen haben z.b. nicht die freiheit sich gegen einmalige geschenke selbst zu versklaven, dies hätte zu große auswirkungen für alle und der staat ist in der pflicht ab einem gewissen ausmaß den bürger vor sich selbst zu schützen.

Muss nicht, ...

>> Wenn ich mich dazu entschließe mein Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen, wenn ich dafür weniger Versicherungsprämie zahlen darf, MUSS mich das ernsthaft stören? <<

... kann aber. Spätestens dann, wenn Sie keinen Kfz-Versicherer mehr finden, weil bei Ihnen eine "sportliche" Fahrweise festgestellt wurde oder weil Sie nicht bereit waren, Ihr Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen. Spätestens dann, wenn Ihre Krankenversicherung den Beitrag erhöht, weil Sie sich ein Motorrad, Snowboard oder von mir aus Zigaretten gekauft haben ... usw. usf.

Wenn die Mehrheit irgendetwas "freiwillig" tut, übt sie unbewusst Druck aus. Wer dasselbe nicht tut, macht sich schon dadurch verdächtig.

Und denken Sie daran, dass die Verhältnisse sich ändern können - ganz langsam, und wenn man anfängt es ernst zu nehmen, ist es schon zu spät. Sie machen sich schlimmstenfalls zum Instrument derer, die Druck ausüben. [...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/ls

Ganz einfach

Sie fragen:
>>Wenn ich mich dazu entschließe mein Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen, wenn ich dafür weniger Versicherungsprämie zahlen darf, MUSS mich das ernsthaft stören? MUSS ich mich entrechtet fühlen? Warum soll ich so ein Angebot nicht annehmen? Es heißt "Recht auf Privatsphäre" und nicht "Pflicht auf Privatsphäre".<<

Wenn ich als Autofahrer einer Überwachung durch meine Versicherung zustimmte, trage ich dazu bei, dass Versicherungen tendenziell teurer werden für Leute, die das nicht wollen. Schließlich passieren insgesamt nicht weniger Unfälle.

Das ist so ähnlich wie die Teilnahme an "freiwilligen Massengentests": Es gibt keine Rechtsgrundlage, jemanden zu zwingen aber wenn genügend Leute mitmachen, ist verdächtig, wer auf seine Privatsphäre Wert legt ("hat der was zu verbergen"?) und hat dadurch womöglich Nachteile (Verdächtigsein kostet womöglich Zeit und bringt weitere Eingriffe mit sich, für die Unschuldige oft nicht entschädigt werden.).

Das gleiche gilt für Gentests in der Krankenversicherung: Wenn Leute ohne Risikofaktoren sich günstiger versichern, wird's für andere Leute teurer (in deren Gruppe ist der Anteil der Leute mit Risikofaktoren ja größer).

Kosten des Verzichts auf Privatsphäre

1. "Die Kosten, die Payback hat (Verwaltung, Marketing), fahren die durch Verträge mit Händlern ein. Ein Händler macht das Schampoo aber nicht teurer, damit Payback zufrieden ist."

Wie naiv muss man eigentlich sein! Nein, nicht payback muss zufrieden sein aber der Händler MUSS die Kosten letzlich umlegen!

2. "btw: Payback hat nichts mit Rabatt zu tun."

Was genau verspricht payback mir denn, wenn nicht einen indirekten Rabatt oder irgendwelchen tollen "Sonderangebote" o.ä. Und wer bezahlt die letztlich ...

Es gibt keine Pflicht zu Privatsphäre für den einzelnen, aber wie in vielen anderen Bereichen auch (Drogen, Mietrecht, Verbraucherschutz, ...) eine Verpflichtung des Staates für schützende Rahmenbedingungen zu sorgen (auch und gerade in Hinblick auf Schutz der demokratischer Grundsätze). Und das wird aktuell m.E. in der Politik deutlich unterbewertet.

Die individuelle Dummheit der Schwarmintelligenz

scheint durch finanzielle Vorteile gesteuert und beeinflusst.
Geht es darum, weiter umsonst auf Kunst und Musik im Netz zugreifen zu können, wird die Privatsphäre als hohes Gut mit giftigen Argumenten ala *Künstler sind nicht systemrelevant* verteidigt,
genau diese Privatsphäre wird aber sofort aufgegeben, wenn es einen kleinen, persönlichen finanziellen Anreiz gibt!

Verlorener Kampf

Grundsätzlich ist jeder käuflich - insbesondere, wenn er von der ausgeübten Kontrolle nichts merkt. Gerade die Sammelpunkt-Kundenkarten-Aktionen der Händler zeigen doch, wie wenig bewusst sich die Kunden ihrer Daten sind. Daher ist das schon jetzt ein verlorener Kampf.

Im Zusammenwirken dieser Daten mit den bereits jetzt problematischen Auswüchsen des Kreditratings der Banken wird uns allerdings noch ein echtes Problem erwachsen.