Wer für sechs Monate auf sein Recht verzichtet, an einer Demonstration teilzunehmen, kann einen günstigeren Tarif für seine Krankenversicherung bekommen. Wer verspricht, in den nächsten Monaten einem Straßenbauunternehmen zu melden, wohin er geht und fährt und wie lange er bleibt, der erhält einen Gutschein von Amazon im Wert von fünf US-Dollar. Wer seine Gebete aufzeichnet und die Aufnahme an einer Kaufhauskasse abgibt, kriegt im Gegenzug eine Bratpfanne.

Diese Aussagen sind natürlich Unsinn und frei erfunden. Zumindest solange, bis die damit verbundenen Menschenrechte – auf Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit und Religionsfreiheit – durch ein anderes ersetzt werden: das Menschenrecht auf Privatsphäre. Dann gibt es plötzlich nicht nur reale Beispiele für diese Gedankenspiele, sondern es gibt auch Menschen, die den entsprechenden Tausch für ein gutes Geschäft halten.

Wer sich in den USA einen Fahrtenschreiber von seinem Versicherer ins Auto bauen und seinen Fahrstil sechs Monate lang überwachen lässt, kann auf eine niedrigere Versicherungsprämie hoffen . Zumindest wenn das Gerät feststellt, dass der Fahrer nicht ständig hart auf die Bremse tritt oder häufig nachts um drei durch die Gegend fährt, wenn das Unfallrisiko statistisch gesehen am höchsten ist.

Wer bei Googles Projekt Screenwise Trends mitmacht, muss den Browser Chrome sowie eine Erweiterung installieren und sein Surfverhalten überwachen lassen: Welche Websites werden aufgerufen, zu welcher Uhrzeit und für wie lange? Als Entschädigung gibt es alle drei Monate einen Gutschein von Amazon, Walmart oder Barnes & Noble. Immerhin: Teilnehmer können die Überwachung zwischenzeitlich stoppen , oder einfach einen anderen Browser nutzen.

Wer eine Payback- oder vergleichbare Kundenkarte nutzt , lässt zu, dass Unternehmen seine Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten und damit auch persönliche Vorlieben und Interessen analysieren. Als Gegenleistung gibt es Sporttaschen oder einen Fußball.

Das sind nur drei Beispiele von vielen. Befürworter solcher Geschäfte argumentieren, dass solche Deals der Gesellschaft nützen können. Wenn sich Autofahrer überwacht fühlen, sind sie vielleicht vorsichtiger und verursachen dadurch weniger Unfälle. Wenn manche ihr Kommunikationsverhalten kontrollieren lassen, können Unternehmen wie Google ihre Dienste noch besser auf die Bedürfnisse der Durchschnittsnutzer zuschneiden.

Für eine Handvoll Dollar

Außerdem wird niemand gezwungen, diese Angebote anzunehmen. (Naja, manchmal doch.) Aber offenbar tun es viele. 900.000 Autofahrer lassen sich vom US-Versicherer Progressive überwachen, Google ist nach eigenen Angaben "überwältigt" vom Interesse seiner Nutzer und die Payback-Mutter Loyalty Partner hatte "noch nie so viel zu tun wie jetzt" .

Doch in jedem Fall geht es letztlich um eine freiwillige Überwachung. Ist das Recht auf Privatsphäre also ein vergleichsweise unwichtiges, verzichtbares Menschenrecht? Oder würden Menschen für eine Handvoll Dollar jedes Freiheitsrecht vorübergehend aufgeben?

Einen Versuch wäre es wert: Wie günstig muss Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung werden, damit der Versicherer bestimmen darf, welchen Beruf Sie auszuüben haben? Wie viele Bratpfannen müsste ein Kaufhaus Ihnen geben, damit es Ihre Wohnung abhören darf? Wie viel Geld würde es mich kosten, damit Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel für sich behalten?