Chaos Computer ClubAufruf zum Widerstand gegen den Überwachungsstaat

Der Hacker Jacob Appelbaum hat beim Kongress des Chaos Computer Clubs ein sehr persönliches Plädoyer gegen ausufernde staatliche Überwachungsfantasien gehalten. von 

Jacob Appelbaum zeigt zu Beginn seines Vortrags Bilder vom Bau eines riesigen Rechenzentrums im US-Bundesstaat Utah . Es ist ein Rechenzentrum für den Geheimdienst NSA, der weltweit Kommunikation überwacht. Appelbaum, einer der prominentesten Hacker dieser Zeit , sagt, hier sollen die Daten von Menschen aus aller Welt gespeichert werden, für schätzungsweise 100 Jahre. Was folgt, ist ein bisweilen sehr persönlicher, sogar emotionaler Aufruf an die Hacker-Community, dem Ausbau von Überwachungsstaaten etwas entgegenzusetzen.

Appelbaum ist der erste Redner beim 29C3, dem Kongress des Chaos Computer Clubs , der in diesem Jahr in Hamburg stattfindet. Seine Keynote dreht sich um die NSA, den sogenannten Patriot Act, den deutschen Verfassungsschutz und die Vorratsdatenspeicherung , Hacker in Burma , Whistleblower in den USA und vor allem ein Leben in Unfreiheit.

Anzeige

Er ist vor allem bekannt dafür, dass er den Anonymisierungsdienst Tor weiterentwickelt. Der hilft Internetnutzern, ihre IP-Adresse im Netz zu verschleiern und damit unerkannt zu surfen und Zensurmaßnahmen zu umgehen. Tor war einst ein Projekt des US-Militärs und wird noch heute von der US-Regierung mitfinanziert.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Doch ist Appelbaum durch seine Freundschaft zu Julian Assange und seine Unterstützung für WikiLeaks ins Visier der US-Behörden geraten. Immer wieder wurde der Aktivist bei der Einreise in die USA festgehalten, seine Computer und Telefone konfisziert und durchsucht. Geheimdienstmitarbeiter seien in seine Wohnung eingebrochen, erzählt er den etwa 2.500 Menschen im großen Saal des Kongresszentrums. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in den USA ins Bett gegangen bin, ohne mich zu fragen, ob ich mit der Mündung einer Pistole im Mund aufwachen würde." Und: "Ein Verdächtiger zu sein bedeutet schon, weniger frei zu sein als andere."

Er ist überzeugt: Die US-Geheimdienste überwachen jeden, auch Journalisten und Abgeordnete, ohne richterliche Beschlüsse und ohne jede demokratische Kontrolle.

Dies sei die Grundlage für ein totalitäres System. Selbst seine psychisch kranke Mutter sei unter einem fadenscheinigen Vorwand verhaftet und für drei Jahre in eine geschlossene Anstalt eingesperrt worden. Zwei Mal sei sie zu den Aktivitäten ihres Sohnes befragt worden, hat sie ihm später gesagt – einmal vor ihrer Behandlung und einmal, nachdem man ihr Psychopharmaka zwangsverabreicht habe.

"Vielleicht ist sie verrückt und die Geschichte stimmt nicht", räumt Appelbaum ein. Aber er hält es für möglich. "Sie hätte Hilfe gebraucht, stattdessen hat man ihr alles genommen", sagt Appelbaum, der selten so offen über seine Lebensumstände und das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter spricht.

Leserkommentare
  1. Genauso wie 'die Menschen toeten'

    und nun erklaeren sie mir wie eine Regierung, so demokratisch sie auch gewaehlt sein mag und wieviel Vertrauen sie auch in ihre Absichten haben moegen, wie diese Regierung die Aktivitaeten von Geheimdiensten kontrolliert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie kontrollieren sie als Waehler, dass die Volksvertreter zu ihren Worten stehen bzw. wie sehr diese von Lobbyisten (und zwar von solchen, die die Interessen einzelner mit idR viel Geld vertreten) beeinflusst werden.

  2. Wie kontrollieren sie als Waehler, dass die Volksvertreter zu ihren Worten stehen bzw. wie sehr diese von Lobbyisten (und zwar von solchen, die die Interessen einzelner mit idR viel Geld vertreten) beeinflusst werden.

    Antwort auf "'Die Hacker brüsten'"
  3. Offenbar ist Ihnen die „Hackerethik“ kein Begriff. Aufs essentielle reduziert lautet diese „Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen“.

    Die Hacker, wie sie sich im CCC oder auf diesem Kongress versammeln, vertreten die Position, dass es ihre Pflicht ist, die – in jedem technischen System – vorhandenen Lücken der Sicherheit zu erkunden und aufzudecken, zu warnen und aufzuklären.

    Die eigenen Fähigkeiten zu missbrauchen, Sicherheitslücken geheim zu halten um sie zu missbrauchen oder womöglich sogar auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen steht im Widerspruch mit dieser Ethik.

    Leider bezeichnen die Medien Angehöriger beider Gruppen als „Hacker“, die hier gemeinten wollen mit kriminellem Verhalten im Allgemeinen nichts zu tun haben!

    Auf besagtem Schwarzmarkt für Sicherheitslücken jedoch tummeln sich zunehmend Geheimdienste und staatliche Einrichtungen, die somit gegen das (IT-)Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit agieren.

    Unter dieser Voraussetzung halte ich diese Hacker für deutlich vertrauenswürdiger als die allermeisten staatlichen Einrichtungen.

    2 Leserempfehlungen
  4. Anders als Assange habe ich Appelbaum noch nicht erlebt, wie er vollkommen unplausible und offensichtlich absichtlich geschönt-polarisierende Aussagen von sich gegeben hat.

    Ja, ich kann die Skepsis nachvollziehen und ich habe auch keinen Beweis für die Dinge, die er von sich gibt, aber ihn, allein weil er ein brillanter Redner ist, für unglaubwürdig zu erklären, halte ich auch nicht für rechtfertigbar.

    Letztlich ist er genauso glaubwürdig oder unglaubwürdig, wie der Großteil derjenigen, die sich sonst vor die Öffentlichkeit stellen und pathetische Reden schwingen – wie alle die für Spendengelder werben, die Gefährdung von Wirtschaftsleistung durch Steuererhöhungen für Gutverdiener beschreien oder alle, die selbst Politiker sind.

    Angst ist noch nicht gefährlich. Angst ist gefährlich, wenn sie einschüchtern und vom Hinterfragen ablenken soll. Das kann ich an Appelbaum nicht erkennen. Er ist jemand, der an jeden einzelnen appeliert, selbst Verantwortung zu übernehmen. Das hab ich von Agitatoren, die Angst aus eigenem Interesse benutzen wollen, bisher noch nie gehört.

  5. Ich empfehle dir, die Rede einmal anzuhören - steht schon auf Youtube. Was Appelbaum und Andere an den "demokratisch legitimierten Institutionen" kritisieren ist, dass viele Behörden und Geheimdienste überhaupt keiner demokratischen oder judikativen Kontrolle unterworfen sind, sondern willkürlich agieren können. Solche Institutionen zu entlarven und zu bekämpfen, ist die Aufgabe von Whistleblowern, Aktivisten und Hackern und unglaublich wichtig.

    3 Leserempfehlungen
  6. Wen interessiert Appelbaum? Das was er über die heutigen Überwachungstechniken von Staaten erzählt sind an hunderten Fällen belegbare Tatsachen.

    Ob nun Firmen ihre Mitarbeiter per Handy und PC bespitzeln (z.B. die dt. Telekom) oder ihre Kunden (Carrier IQ-Skandal, verstecktes Abhören per fernaktiviertem Handymikro, Bewegungsprofilerstellung, Auslesen der Benutzerdaten von Smartphones oder direkt aus Kundensicherungen in der Cloud, Mitprotokollieren aller Verbindungs- und Gesprächs-/SMS-/MMS-Daten etc.), Staaten ihre Bürger und sogar ihre Bediensteten bespitzeln ("Bundestrojaner", überwachter Mitarbeiter beim BND, Polizei die z.B. Handys/Anrufe von Teilnehmern einer Demostration scannt und deren Positionen mitloggt etc.) überall gibt es inzwischen reichlich Beweise, dass alles was technisch möglich ist auch getan wird um selbst Daten von "unbedeutenden" Personen zu speichern und mit Data-Mining-Tools nutzbar und/oder "verkaufbar" zu machen.

    Auf einem chinesischen Server konnte ich schon vor Jahren eine deutsche Behördendatenbank erwerben, in der u.A. Daten über mich standen, die eigentlich nur das Finanzamt kennen konnte. Danach habe ich meine deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt, damit diese Daten fortan keinen Wert mehr hatten.

    Die USA weisen inzwischen sogar britische Staatsbürger am Flughafen ab, weil diese irgendwelchen Unsinn auf Twitter geschrieben haben.

    Fakt ist: Staaten UND Konzerne überwachen heute Menschen sobald diese ihren Rechner/ihr Handy einschalten.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • y5rx
    • 24. Januar 2013 18:13 Uhr

    schon seit einiger Zeit, warum jeder Unsinn in die "Cload" ausgelagert werden soll. Aberwitzige Argumente werden da an den Haaren herbei gezogen. Wer wichtige Privat- oder Firmendaten auf diese Art und Weise auslagert, kann nicht ganz bei Trost sein. Würde mir ein vernantwortlicher Mitarbeiter so etwas ernsthaft vorschlagen, wäre er seinen Job los.

    • Ullrich
    • 28. Dezember 2012 1:46 Uhr

    Zur Klärung:
    Der Überwachungs- und Kontrollstaat ist keine anonyme Institutionenmaschine.
    Beim Überwachungs- und Kontrollstaat handelt es sich um von antidemokratischen Herrschaftscliquen usurpierte Staatsapparate. Viele, die sich mit dem Neoliberalismus als höchste Stufe des Kapitalismus befassen, sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser post-demokratische Staat, also nicht-mehr-demokratische Staat die logische Entsprechung des Finanzmarktkapitalismus unserer Zeit ist. Ich bin davon fest überzeugt. Die Indizien sprechen für sich.

    Der Überwachungsstaat mit all seinen Techniken richtet sich fundamental gegen die Demokratie, dessen Negation er ist. Ziel der Ausforschung sind nicht Kriminelle sondern in erster Linie Demokraten, die den Herrschaftscliquen gefährlich werden könnten.

  7. Wie naiv. Wie oft haben Sie Mr. Google gefragt und raten Sie, ja, es liegt ein Profil von Ihnen vor. Wen fragen Sie nun ... Sie sehen das Dilemma der selbst verordneten Abhängigkeit.

    Antwort auf "Kern getroffen"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hickey
    • 28. Dezember 2012 8:45 Uhr

    indem man einfach HotSpots nutzt oder ins Internetcafe geht.

    Wer allerdings einen Rechner daheim hat, oder einen Laptop mit Surf Stick und das Smartphone, ja der hinterlässt ein langes Profil.

    Auf der anderen Seite, ich arbeite in der Steuerberatungsbranche und wir müssen von unseren Kunden ebenfalls ziemlich viele Daten erfassen.

    Daten die wir widerrum weitermelden, das sind Daten von denen die meisten Menschen nicht einmal etwas wissen...gerade bei Löhnen werden Daten an KV/Finanzamt,BG, IHK usw. gemeldet.

    Unsere KVR/Einwohnerbehörden verkaufen Daten auf Anfrage an Unternehmen usw.

    Wer also gar keine Spuren hinterlassen will, muss Schwarz arbeiten, darf keine offiziele Wohnung haben,kein Handy...ja am besten man ist obdachlos ohne Pass.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jacob Appelbaum | Folter | Geheimdienst | Hacker | Hardware | IP-Adresse
Service