Kaum jemand tippt, keiner unterhält sich. Das will etwas heißen beim Kongress des Chaos Computer Clubs , bei dem mindestens jeder Zweite ein Laptop auf den Knien balanciert. Der große Saal des Hamburger Kongresszentrums ist voll – und er ist still. Auf der Bühne erzählen drei frühere Mitarbeiter der amerikanischen Regierung und des Geheimdienstes NSA, warum sie zu Whistleblowern wurden und damit in den Augen ihrer früheren Dienstherren zu Verrätern.

Sie reden über ihre Angst, dass in den USA und anderen Ländern Überwachungsstaaten errichtet werden, die jeden verdächtigen und die keine Rechte mehr achten. Sie reden darüber, dass sie verfolgt wurden wie Kriminelle, weil sie auf Rechtsbrüche und Gefahren aufmerksam machten und darüber, dass diese unselige Verwandlung von Staaten längst geschieht.

Sie wissen das Publikum auf ihrer Seite. Dort sitzen Bürgerrechtler, netzpolitische Aktivisten, Hacker. Viele von ihnen teilen die Sorge der drei auf der Bühne. Doch auch für dieses Publikum sind die Berichte der drei erschreckend.

Beweise der Presse übergeben

Jesselyn Radack war Anwältin im amerikanischen Justizministerium und dort verantwortlich für die Einhaltung ethischer Standards. Bis sie 2001 zur Unperson wurde, verfolgt und bedroht von der eigenen Regierung.

In diesem Jahr marschierten die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan ein. US-Soldaten nahmen dort John Walker Lindh fest, den "amerikanischen Taliban" . Lindh, ein amerikanischer Staatsbürger, wurde ohne anwaltlichen Beistand verhört und gefoltert. Das erpresste Geständnis wurde anschließend verwendet, um ihn als Terroristen anzuklagen. Ihm drohte die Todesstrafe.

Radack hatte Beweise für das illegale Vorgehen und dafür, dass die Regierung gelogen und alles versucht hatte, ihr Handeln zu vertuschen. Irgendwann habe sie nicht mehr schweigen können, sagt Radack und habe ihre Beweise der Presse übergeben.

Als sie das erzählt, bekommt sie Applaus von den Zuhörern. Danach wird es wieder still im Saal. Radack erzählt, wie sich der Staat an ihr rächte und wie wertlos das Gesetz zum Schutz von Whistleblowern letztlich ist: Auf Druck der Regierung verlor Radack zwei Mal ihren Job bei einer Kanzlei. Gegen sie wurde ermittelt, weshalb sie keine andere Stelle bekam. Ihr Name wurde außerdem auf die sogenannte No-Fly-List gesetzt. Dort stehen mutmaßliche Terroristen. Sie dürfen entweder gar kein Flugzeug mehr besteigen oder werden mindestens vor jedem Flug stundenlang befragt und durchsucht. Vor der Anwaltskammer brachte die Regierung Beschwerden gegen Radack vor, gegen die sie sich nicht wehren konnte – denn die Beschwerden waren als geheim deklariert und sie bekam keine Einsicht.

"Wir haben ohne Grund unsere Freiheit geopfert"

Radack ist stolz auf das, was sie tat. John Walker Lindh ist zwar noch immer im Gefängnis, aber er wurde nicht zum Tode verurteilt, die Anklage gegen ihn brach zusammen, nachdem Radack die Hintergründe publik gemacht hatte. Heute engagiert sich die 42-Jährige für besseren Schutz von Whistleblowern . Ihr beklemmender und kämpferischer Vortrag beeindruckt die 29C3-Besucher sichtlich.

Thomas Drake saß in Spionageflugzeugen des amerikanischen Geheimdienstes NSA, die aus der Luft die DDR überwachten, später leitete der Cryptolinguist eine Auswertungsabteilung der NSA. Er war Spion und glaubte an sein Land und die Sache. Auch er konnte irgendwann nicht mehr schweigen.

Drake berichtet, dass die NSA nach dem 11. September 2001 begann, ihre Augen und Ohren auf die eigenen Bürger zu richten. Unterstützt vom Weißen Haus habe der Geheimdienst die Verfassung gebrochen und begonnen, alles und jeden zu überwachen. Drake gehörte zu jenen, die eines dieser geheimen Spionageprogramme publik machten, das sogenannte Projekt Trailblazer . Fortan war auch er ein Krimineller, der sich einer zehn Punkte langen Anklage gegenüber sah .

Geheimes Programm publik gemacht

Seine Erfahrungen haben ihn zu einem Kritiker des war on terror gemacht. Er, der NSA-Spion, fürchtet sich inzwischen vor Politikern, die fordern, dass der Staat alles wissen müsse. "Der Krieg gegen den Terror sollte kein Krieg gegen ethische Grundsätze und Menschenrechte sein", sagte er. Und dass die USA nach dem 11. September ohne Grund Bürgerrechte und Freiheit geopfert hätten. "There was no, I repeat, no need to go to the dark side." (Es gab keinen, ich wiederhole: keinen Grund, zur dunklen Seite zu wechseln.)

Auch William Binney, früher Technischer Direktor bei der NSA, hat ein geheimes Überwachungsprogramm publik gemacht, dessen Ziel es war, die Kommunikation aller Bürger der USA zu beobachten . Ursprünglich gegen Al Kaida gerichtet, sollte es nach 2001 auch gegen US-Bürger eingesetzt werden – ohne irgendeine politische und gerichtliche Kontrolle.

Er redet darüber, dass es bei dieser Verwandlung zur dunklen Seite vor allem um Geld geht. Dass die Überwachungsprogramme und Sonderfonds wie ein Füllhorn für die NSA seien, das unzählige neue Millionäre geschaffen habe.

"Ich möchte nicht in einem Land wie der DDR leben"

Binney berichtete der Öffentlichkeit auch über das neue, zwei Milliarden Dollar teure neue Datenauswertungszentrum der NSA in Utah . Das soll die Kommunikation jedes US-Bürgers für mindestens 100 Jahre speichern , wie er sagt.

Denn die US-Regierung hat ihre Versuche nicht aufgegeben, bisherige Grundsätze des Rechtsstaates zu umgehen und auszuhebeln. Gerade erst hat der US-Senat ein Überwachungsgesetz verlängert. Der Fisa Amendment Act erlaubt es Geheimdiensten, auch US-Bürger ohne Gerichtsbeschluss abzuhören, wenn die Überwacher Hinweise haben, dass sich mindestens einer der an der Kommunikation Beteiligten dabei im Ausland befand.

Nach den zwei Stunden mit Berichten über Überwachung, Misstrauen und Gewalt ist es vor allem ein Satz von Thomas Drake, der hängenbleibt. Von dem Mann, dessen Aufgabe es einst war, die Staatssicherheit der DDR zu beobachten. Er sagte: "Ich möchte nicht in einem Land wie der DDR leben."